Grönemeyer-Buch Sprengstoff gegen Herzleiden

Sprengstoff für das Herz (Foto)
Das Herz ist der Hochleistungsmotor des Lebens. Doch dem Muskel machen auch schlechte Gefühle zu schaffen. Bild: news.de

Andreas SchloderVon news.de-Redakteur
Von herzerfrischend bis zu Situationen, in denen das Herz in die Hose rutscht: Kein anderes Organ steht so in der Mitte des Lebens wie unsere Pumpe. Und es ist mehr als ein bloßer Muskel. Für Professor Dietrich Grönemeyer eine Herzensangelegenheit.

In seinem Hörbuch Dein Herz – Eine andere Organgeschichte nimmt sich Professor Dietrich Grönemeyer nicht nur dem Volksleiden Nummer eins an: der Herz- und Kreislaufkrankheiten. Sein Ansatz als Arzt wie als Autor ist ganzheitlich. «Das Herz ist mehr als nur eine Pumpe. Es ist vielmehr ein psychosomatisches Organ, das auf Emotionen reagiert», erklärt Grönemeyer .

Für seine Medizinerkollegen ist dies ein relativ neuer Ansatz. Denn die hatten die Pumpe des Lebens bisher anatomisch gesehen nur als Muskel im Fokus. Doch ein neuer Wissenschaftszweig, die Psychokardiologie, schließt die Lücke zwischen Anatomie und psychischen Problemen, die auf das Herz schlagen. Beispiel: Das Broken-Heart-Syndrom, das die gleichen Symptome wie ein Herzinfarkt aufzeigt, jedoch anatomisch zuerst nicht nachweisbar ist. Der psychische Schmerz drückt auf den Muskel, der sich mit Stresshormonen füllt. Dabei erweitert sich die linke Herzkammer, der Muskel erlahmt und leiert aus.

Der Autor weiß nur zu gut, wenn das Herz zickt. Einmal hörte Grönemeyer selbst nicht auf sein Herz. Anstatt eine Grippe im Bett auszukurieren, pumpte er sich mit Fieber senkenden Medikamenten voll, um zu einem Ärztekongress in den USA zu fliegen. Die Folge: Der Professor fand sich Tage später auf der Intensivstation wieder. Diagnose Herzmuskelentzündung, die durch die verschleppte Grippe entstand und ihn hätte töten können. Erst drei Monate später konnte er wieder als Arzt praktizieren.

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Kleines Organ als Hochleistungsmotor

In dieser Zeit wurde ihm bewusst, dass das Herz nicht nur körperlichen Schmerz empfindet. Es war ein Wechselbad der Gefühle – von herzzerreißend, ob er überlebt bis hin zu herzerwärmend, als er wieder kuriert war. Genauso bei seiner Tochter, die nach einer eitrigen Mandelentzündung aus Südamerika zurückkehrte und die gleiche Diagnose erhielt – auch sie kämpfte gegen den Tod.

Ihr beider Leben hing von einem faustgroßen, rund 300 Gramm schweren Muskel ab. Doch so klein der Motor des Lebens auch ist, so ist er das Highlight der Anatomie – mit einem Rätsel, das bis dato nicht gelöst werden konnte: Niemand kann erklären, wann und wodurch der Sinuston, der dem Herz den Takt vorgibt, zu arbeiten beginnt. Nur die Fakten über die grandiose Leistung des Muskels sind bekannt: Das Herz setzt Kräfte frei, mit denen man ein kleines Wasserkraftwerk betreiben könnte. Durchschnittlich schafft es eine Pumpleistung von 7200 Litern pro Tag.

Um diese Pumpleistung aufrecht zu erhalten, schlägt das Herz zwischen 60 und 80 Mal pro Minute, 100.000 Mal pro Tag, 36 Millionen Mal pro Jahr. Bis zum 70. Lebensjahr macht das etwa 2,5 Milliarden Schläge.

Pro Kontraktion werden bis zu 80 Milliliter Blut durch Arterien und Venen gepumpt. Hochgerechnet werden allein in einer Minute mehr als fünf Liter des Lebenssaftes im Körper verteilt, der sämtliche Bereiche mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt sowie Abfallprodukte abtransportiert. Das entspricht der gesamten Blutmenge, die der Mensch im Körper hat. Bei körperlicher Anstrengung pumpt das Kraftwerk das Fünffache, um den Organismus am Laufen zu halten.

20 Millionen Deutsche in Gefahr

Dietrich Grönemeyer sorgt sich, wie das Herz durch ungesunde Lebensweise aus dem Tritt kommt. Der Taktgeber des Lebens schnürt sich im wahrsten Sinne des Wortes langsam zu, wenn Arterienverkalkung langfristig die Blutgefäße verengt. Durch Fettablagerungen können sich sogenannte Plaques bilden, die entzündete Blutgefäße verschließen. Dabei bleiben Blutplättchen daran kleben, die Gefäße verengen sich.

Die Koronare HerzkrankheitErkrankung der Herzkranzgefäße ist die Todesursache Nummer eins in Deutschland – ein Drittel aller Todesfälle gehen auf ihr Konto. Dem Arzt zufolge wissen rund 20 Millionen Deutsche nicht, in welcher Gefahr sie schweben. Sie haben einen zu hohen BlutdruckNormal sind Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg. Bei der Hypertonie sind diese Werte deutlich erhöht. . Das bedeutet, systolischer und diastolischer Druck sind erhöht, befinden sich oberhalb des Normbereiches von 140 zu 90. Der erste der beiden Werte ist der systolische Wert. Er charakterisiert den Druck im Herzen, sobald sich das Herz zusammenzieht. In dem Moment, wenn sich der Herzmuskel entspannt, sinkt der arterielle Druck auf den zweiten Wert ab - den diastolischen Wert. Besonders tückisch: Anfangs machen die ständig erhöhten Werte keine Beschwerden, die Hypertonie bleibt deswegen oft unentdeckt.

Jeder Zweite über 50 Jahre hat Bluthochdruck. Die Folge: In 50 Prozent der Fälle löst er einen Herzinfarkt aus – in drei von vier Fällen einen Schlaganfall. Neben erblichen Vorbelastungen treiben vor allem Diabetes mellitus Typ II (Altersdiabetes), Übergewicht, Alkohol- und Nikotinkonsum sowie Stress die Werte in die Höhe. Doch es gibt noch ein Phänomen, das für erhöhte Werte sorgt: der Weißkittel-Hochdruck. Allein der Besuch bei einem Arzt lässt das Herz höher schlagen.

Vielleicht liegt es auch daran, wie der Arzt gegen einen Herzkrampf, die sogenannte Angina pectoris, vorgeht: mit Sprengstoff. Dem Betroffenen wird Nitroglycerin in Form eines Nitrosprays verabreicht. Die Substanz, die beim Bombenbasteln zum Einsatz kommt, erweitert die Herzarterien. Das Blut sammelt sich verstärkt in den Venen, die Belastung sinkt, das Herz schlägt ruhiger.

Grönemeyer liefert in seinem Hörbuch eine spannende Zeitreise durch die Medizingeschichte, in der der Fortschritt nur durch waghalsige Experimente vorangebracht wurde und jetzt zum Standard der Herzbehandlung zählt. Sein ganzheitlicher Ansatz, die Rolle des Herzens in unserem Leben mit Zitaten von Philosophen und Schriftstellern über die Jahrhunderte hinweg zu dokumentieren, enttäuscht – zu langatmig und zu wirr. Dennoch ein interessanter Ansatz, dem Herz den Stellenwert zukommen zu lassen, das es in unserem Leben einnimmt. Wer sich für mehr als viereinhalb Stunden akustische Informationen über den Lebensmotor erwärmen kann, der wird nicht enttäuscht.

Hörbuch- und Lesetipp: Dein Herz – Eine andere Organgeschichte, gelesen von Professor Dietrich Grönemeyer und Petra Conradi, erschienen bei Roof Music, 19,95 Euro.

ham/ivb/rzf/news.de

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