Von Christina Horsten - 30.01.2011, 08.13 Uhr

Klinikalltag: 36 Stunden ohne Probleme wach bleiben

Krebsgeschwüre entfernen, Blut abnehmen, Bäuche abtasten: Die angehende Chirurgin Sophie Neumayer ist mehrmals im Monat für die 24-Stunden-Schicht in einer Berliner Klinik eingeteilt. Ein Knochenjob, bei dem vor allem eines fehlt: Schlaf.

Schlecht bezahlt, bis zu 48 Stunden wach: Assistenzärzte arbeiten täglich am Limit. Bild: dpa

Die weißen Plastikhandschuhe sind blutverschmiert. In kleinen, dünnen Rinnsalen läuft es langsam an den Fingern herunter. Auch auf den Ärmeln des Kittels von Sophie Neumayer prangen rote Tröpfchen. Mit einem Sauger in der Hand steht die 27 Jahre alte Assistenzärztin am Operationstisch. Das Ende des Saugers steckt im Oberschenkel einer 71-jährigen Frau. Schlürfend läuft rote und gelbe Flüssigkeit durch das Rohr in einen durchsichtigen Plastiksack. Im Oberschenkel der Frau hatte es stark geblutet. Der Oberarzt vermutete eine Komplikation an einem Bypass, der Blut um eine verstopfte Ader herumleiten soll.

Durch den fensterlosen Operationssaal der Berliner Charité surrt es wie aus Kühlschränken. Ein regelmäßiges Piepsen deutet an, dass das Herz der narkotisierten Frau gleichmäßig schlägt. Blaue Tücher decken ihren Körper ab, nur der aufgeschnittene Oberschenkel ist ausgespart. Mit dem Zeigefinger der linken Hand zerreibt Neumayer ein Blutklümpchen auf dem Tuch. Längst hat der Oberarzt den OP verlassen, die Blutung ist gestoppt, nur die Wunde muss noch zugenäht werden.

Neumayer schaut mitten in der Nacht zur Wanduhr. Seit über 17 Stunden hat sie die Klinik nicht verlassen. Um sieben Uhr morgens hat sie angefangen, bis sieben Uhr des Folgetages muss sie bleiben. 24-Stunden-Schicht. Von Morgengrauen zu Morgengrauen, von Blutabnahme zu Blutabnahme.

Irgendwo klingelt ein Handy. «Meins», sagt Neumayer gedämpft durch den hellblauen Mundschutz. Weil alles an ihr im Moment steril ist, darf sie nichts außer dem Operationsbesteck anfassen und auch von niemandem angefasst werden. Eine OP-Schwester hält ihr das Telefon ans Ohr. In der Rettungsstelle wartet eine Frau mit starken Bauchschmerzen. Sie hat Schnecken gegessen und sich vielleicht daran vergiftet. «Ich bin sofort da.»

Zwei Ärzte für 100 Patienten auf sechs Stationen

 

Gemeinsam mit einer Fachärztin ist die 27-Jährige in dieser Nacht für fast hundert Patienten auf sechs Stationen zuständig. Dazu die Rettungsstelle, in die Notfallpatienten von außerhalb kommen, und den OP. «36 Stunden kann ich inzwischen ohne Probleme am Stück wach bleiben. Nur bei 48 Stunden wird es schwierig.»

Seit rund einem halben Jahr arbeitet Neumayer am Virchow-Klinikum der Charité im Berliner Stadtteil Wedding. Urlaub hatte sie seitdem noch keinen. Im vergangenen Monat hat die jüngste Ärztin der chirurgischen Abteilung jeden Tag gearbeitet, auch am Wochenende. Fünfeinhalb Ausbildungsjahre liegen noch vor ihr, dann darf sie sich Fachärztin für Chirurgie nennen. «Natürlich heißt das, dass ich im Moment viele Nachtdienste schieben muss, aber das ist nicht schlimm.»

In anderen Krankenhäusern kommen die Nachtschichtler erst mittags. Aber Neumayer stören die 24-Stunden-Schichten nicht. «Wenn man erst mittags kommt, hat man schon alles verpasst, was morgens besprochen wurde - da komme ich doch lieber gleich schon morgens.»

Auch das Geld ist ein Argument. In Monaten mit vielen Extraschichten kommt Neumayer auf rund 3000 Euro. «Aber weil ich dann auch fast immer arbeite, habe ich gar keine Zeit, das Geld auszugeben.» Monate hat es gedauert, bis Neumayer sich endlich ein Bett für ihre neu gemietete Berliner Altbau-Wohnung gekauft hat. «Ich bin doch nie zu Hause zu deren Lieferzeiten.»

Sieben Jahre lang hat sie in München Medizin studiert, parallel zur Ausbildung schreibt sie ihre Doktorarbeit. Für den Job ist sie nach Berlin gezogen, hat viele Freunde und ihre Fußballmannschaft in Bayern zurückgelassen.

Warum es Ärztinnen besonders schwer haben

Chirurgie gilt als eine der Königsdisziplinen der Medizin. Viele der rund 8000 jungen Menschen, die jedes Jahr ein Medizinstudium in Deutschland aufnehmen, wollen einen Job wie Neumayer. Und das, obwohl der Job gerade für junge Frauen schwierige Perspektiven bietet: Deutsche Ärztinnen sind im EU-Vergleich schlechter bezahlt und nehmen deutlich seltener Führungspositionen ein als Männer. Frauen besetzen der Bundesärztekammer zufolge nur etwa jeden zehnten Spitzenjob in der deutschen Medizin - stellen aber 40 Prozent des Personals.

Im weißen Kittel läuft Neumayer in Richtung Rettungsstelle. Die langen, neonhellen Gänge der Klinik sind um diese Zeit leer und still. Bei jedem Schritt quietschen ihre schwarzen Plastikschuhe auf dem blauen Laminatboden. «Manchmal bekomme ich hier fast schon Angst nachts.» Mit dem Aufzug fährt sie ins Untergeschoss, zur Rettungsstelle, dem Tor zur Außenwelt.

Sanitäter fahren einen Mann im Rollstuhl herein. Er hält sich eine weiße Kompresse vor die linke Gesichtshälfte. Blut läuft darunter hervor, es tropft auf sein weißes Hemd. «Hier ist Wedding», sagt Neumayer. «Schlägereien gibt es hier jede Nacht.» Manche Patienten torkeln vom nicht weit entfernten Leopoldplatz, einem sozialen Brennpunkt, in die Rettungsstelle hinein. Zu Neumayer kommen nur die, die im Bauch operiert werden müssen, und das möglichst bald.

In der «Eins», einem kleinen Behandlungszimmer, sitzt ein älteres Ehepaar. Sie habe drückende Schmerzen im Oberbauch, klagt die Frau. Vielleicht von den Schnecken, die sie gegessen habe. Neumayer tastet ihren Bauch ab, klopft in die Seiten und horcht mit dem Stethoskop. «Da ist viel Luft in ihrem Bauch, das bereitet Ihnen wahrscheinlich die Schmerzen. Aber ich denke nicht, dass es etwas zum Operieren ist. Am besten, ich gebe ihnen erstmal was zum Abführen und wir warten die Blutwerte ab.» Mit wenigen Klicks auf ihrem iPhone findet Neumayer dank einer speziellen wissenschaftlichen App das passende Medikament.

Im Aufenthaltszimmer surft eine Schwester im Internet, ein Arzt betrachtet ein Röntgenbild. Es riecht nach Kaffee. Auf dem Tisch stehen Thermoskannen und eine halbe Aprikosen-Sahne-Torte, dazu eine Schale mit Plätzchen. Neumayer setzt sich an den Tisch und nimmt einen Butterkeks. Kaffee trinkt sie nie.

«Aber da muss ich durch»

Die Uhr zeigt halb drei. Gefrühstückt hat sie um elf Uhr morgens, um elf Uhr abends hat sie beim Pizzadienst einen Salat bestellt. Sechs Operationen hat sie hinter sich, hat gemeinsam mit ihren Kollegen den Rest eines Tumors an der Bauchspeicheldrüse entfernt, eine Gallenblase und eine Schwellung in einem Darm herausgeschnitten. Dazwischen Visite, Frühbesprechung, Blutabnahmen, Arztbriefe und sechs Patienten auf der Rettungsstelle. Am Vormittag hat sie einer von ihnen gefragt, wie lange er noch leben wird. Krebs im Endstadium. «Natürlich nimmt mich so etwas mit. Aber da muss ich durch.»

Die Blutergebnisse der Patientin mit den Bauchschmerzen lassen auf sich warten. «Ich könnte jetzt in das Bereitschaftszimmer gehen, wo ein Bett steht. Aber das ist zu weit weg.» Sie verschränkt die Arme auf dem Tisch, legt den Kopf seitlich darauf und schließt die Augen.

Vier Stunden später. Während der Himmel über Berlin sich langsam von schwarz zu dunkelblau färbt, nimmt Neumayer den Patienten auf ihrer Station Blut ab. Das Nickerchen auf der Rettungsstelle hat nur eine Viertelstunde gedauert, dann waren die Blutwerte da. Alles gut. Die Patientin mit der vermeintlichen Schneckenvergiftung ist mit einem Schmerzmittel nach Hause gegangen. Danach konnte Neumayer sogar noch eine halbe Stunde im Bereitschaftszimmer schlafen.

Gleich ist es sieben, dann kommt ihre Ablösung. Trotzdem wird sie noch drei Stunden lang Patienten-Visite machen und Arztbriefe schreiben. «Ich könnte hier nie weggehen, bevor ich nicht alles fertiggemacht habe.» In ihren Augen glänzt es rötlich.

Im Aufenthaltsraum der Intensivstation trifft sie sich mit Kollegen zur Übergabe. Es wird besprochen, wer alles operiert wurde und wer wieder nicht drangekommen ist. «Ach, da steht ja noch meine Colaflasche von gestern Abend», sagt Neumayer. Sie ist voll.

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sca/ham/news.de/dpa

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