Erfolgsrezept Jammern Sie ruhig!

Deutsche jammern gern (Foto)
Jammern führt zum Erfolg - das lernt der Mensch schon im Säuglingsalter. Bild: Fotolia

Corina BroßmannVon news.de-Redakteurin
In Deutschland jammern nicht nur die Schwachen und Erfolglosen – im Gegenteil: Mit Nölen und Nörgeln kann man es hier weit bringen. Ein Blick auf die psychologischen Wurzeln menschlicher Nörgelei zeigt, wie viel Sinn im Jammern liegt.

Jammern als frühkindliches Signal

Generationen von Ärzten, Hebammen und gebärenden Müttern waren der Meinung, durch den ersten Schrei würden sich die Lungen des Neugeborenen entfalten. Nur ein schreiendes Baby, so die frühere Annahme, sei ein gesundes Baby. Aber müssen Kinder nach der Geburt wirklich unbedingt quengeln? Nein. Das Schreien bei Babys ist lediglich die letzte, aber auch effektivste Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und das zu bekommen, was man will, wenn alle anderen Mittel vorher versagt haben.

Babys verfügen neben dem Schreien durchaus auch über andere Laute, mit denen sie sich mitteilen. Ein gurrender Kontaktlaut, ein brummender Schlaflaut, ein schmatzender Trinklaut und eine Reihe von Unmutslauten, die sich bei Nichterfolg in Schreien und Brüllen steigern können. Je nachdem, welcher der Laute zum Erfolg führt, wird das Kleinkind diesen auch weiterhin und häufiger anwenden. Die simpelste und erste Form der Konditionierung.

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Wer als Baby das Pech hat, eher unempathische Eltern zu haben, wird nicht nur in jungen Jahren, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im späteren Leben viel auf die Jammer-Taktik setzen. Auch in einer Beziehung: Den Partner wird so lange mit Dauernörgeln genervt, bis er macht, was man will.

Jammern aus Gewohnheit

Je früher und häufiger Jammerei im Alltag von Erfolg gekrönt ist, umso stärker wird dieses Verhalten als neuronales Muster im Gedächtnis gespeichert. Logisch und vielleicht ein bisschen banal, aber neuropsychologisch überprüft und bestätigt.

Jammern hat ein anderes neuronales Muster als Glück, das von Liebe unterscheidet sich von Aggressivität. Je häufiger ein bestimmtes Muster angekurbelt wird, umso stärker werden die entsprechenden Verbindungen zwischen den Nervenzellen und umso größer wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass Menschen diese besondere Emotion und das spezielle Verhalten auch zukünftig zeigen. So ist es auch mit der Jammerei: Je öfter in bestimmten Situationen geseufzt und gejammert wird, desto häufiger wird dieses Verhalten automatisch auch in anderen, neuen Situationen aktiviert – obwohl diese vielleicht weniger beklagenswert sind. Die Jammerschwelle sinkt. So entsteht ein Dauernörgler.

Jammern als Kontaktmittel

Nichts verbindet Menschen so sehr wie eine schöne Jammerei. Ob über Wetter, Gesundheitszustand, Politik oder Fernsehprogramm: Jammern geht immer, schafft einen «Solidaritätseffekt» und schweißt zusammen.

Manche Menschen setzen bewusst auf diesen Effekt. So machen sie ihrer Umgebung prophylaktisch klar, dass sie hilflos sind und von ihnen nicht die Gefahr ausgeht, sie beneiden oder mit ihnen konkurrieren zu müssen.

Jammern kontra Verantwortung

Die sogenannte Schonjammerei wird zum großen Teil bewusst und kalkuliert eingesetzt. Taktierende Jammerer haben in der Kindheit gelernt, dass sie besondere Aufmerksamkeit erhalten, wenn ihm jemand helfen muss. Ein starkes Kind kann alles allein machen, gekümmert wird sich um das hilflose Kind.

Irgendwann verselbstständigt sich dieses Verhalten. Der Betroffene bringt sich prinzipiell in die Situation des hilflosen Hasen, sodass er Verantwortung und Arbeit abwälzen kann.

Psychologen bezeichnen dieses Verhalten als «Erlernte Hilflosigkeit». Nörgler werden so geschont, müssen weniger arbeiten, aber vor allem gewinnen sie die Kontrolle über eine Situation: Die vermeintlich schwache Person hat die Zügel in der Hand – und wird im Falle eines Scheiterns dank Mitleidsbonus gut dastehen.  Schuld an seinem Scheitern haben schließlich immer die anderen.

Durch Jammern im Mittelpunkt stehen

Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens verschiedene Strategien, aus der grauen Masse herauszuragen. Wer nicht mit besonderen Talenten ausgestattet ist, kann eines ganz sicher, um sich der Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen gewiss zu sein: Jammern.

Niemand wird – zumindest am Anfang – so hartherzig sein, und den Jammerer links liegen lassen. Fast automatisch wird  ihm einfühlsam und verständnisvoll volle Aufmerksamkeit geschenkt. Mit jeder verständnisvollen Mitleidsreaktion werden sie so zum Weiterjammern animiert, genießen die Aufmerksamkeit ihrer empathischen Zuhörer und stehen – ohne etwas dafürzukönnen oder es bewusst inszeniert zu haben – im Mittelpunkt.

Jammern als Erfolgsverdoppler

Ein altes psychologisches Prinzip: Durch «Underachievement», also bewusstes Tiefstapeln, schraubt die Umwelt ihre Ansprüche an eine Person auf ein Minimum herunter. Gelingt doch etwas, gehen Jammerer mit doppeltem Erfolgserlebnis in Form von Lob und Anerkennung nach Hause. Wer sich kleiner und unfähiger macht als er in Wirklichkeit ist, täuscht unbewusst oder bewusst seine Umwelt. Die wahre Leistungsfähigkeit wird so lange versteckt, bis das eigene Können für das Gegenüber vollkommen überraschend aufgedeckt wird. Dieser Erfolg kann durch gezieltes, vorbeugendes Jammern wunderbar vorbereitet werden.

Nörgeln, Nölen und Jammern hat also viele psychologische Funktionen. Es schafft Aufmerksamkeit, verbindet, manipuliert, provoziert Unterstützung in allen Lebenslagen und lässt uns durch Verantwortungsabschieben mit uns selbst im Reinen dastehen. Alle sind schuld, nur nicht wir.

Lesetipp: Deutschland, einig Jammerland - Warum uns Nörgeln nach vorne bringt; Annika Lohstroh und Michael Thiel, Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 17,99 Euro, Erscheinungsdatum: Januar 2011.

ham/reu/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • wolfer
  • Kommentar 12
  • 28.01.2011 15:12
Antwort auf Kommentar 9

Ich würde gern wieder arbeiten, aber trotz 3.200 bundesweiten Bewerbungen und 5 Weiterbildungen habe ich bis heute keine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden! Wie wär es, wir würden tauschen, Sie leben vom ALGII (das Geld vom Sparbuch o. ä. wird aber erst ein Mal aufgebraucht!) und ich gehe für SIE arbeiten?

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  • wolfer
  • Kommentar 11
  • 28.01.2011 15:05

Jammern scheint wirklich groß in Mode zu sein, wie man an Peer im Dschungelcamp sieht.

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  • wissender dritter
  • Kommentar 10
  • 28.01.2011 13:39
Antwort auf Kommentar 9

An Ihrem Kommentar sieht man mal wieder dass die Politik jeden gegen jeden aufzuhetzen aufgeht. Die MEISTEN Hartz4-Empfänger wollen arbeiten. Ich kenne einige, und die freuen sich über ihren 1-€-Job, weil sie etwas zu tun haben.

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