Sa., 26.05.12

Erfolgsrezept 27.01.2011 Jammern Sie ruhig!

Deutsche jammern gern (Foto)
Jammern führt zum Erfolg - das lernt der Mensch schon im Säuglingsalter. Bild: Fotolia

Von news.de-Redakteurin Corina Broßmann

In Deutschland jammern nicht nur die Schwachen und Erfolglosen – im Gegenteil: Mit Nölen und Nörgeln kann man es hier weit bringen. Ein Blick auf die psychologischen Wurzeln menschlicher Nörgelei zeigt, wie viel Sinn im Jammern liegt.

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Jammern als frühkindliches Signal

Generationen von Ärzten, Hebammen und gebärenden Müttern waren der Meinung, durch den ersten Schrei würden sich die Lungen des Neugeborenen entfalten. Nur ein schreiendes Baby, so die frühere Annahme, sei ein gesundes Baby. Aber müssen Kinder nach der Geburt wirklich unbedingt quengeln? Nein. Das Schreien bei Babys ist lediglich die letzte, aber auch effektivste Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und das zu bekommen, was man will, wenn alle anderen Mittel vorher versagt haben.

Babys verfügen neben dem Schreien durchaus auch über andere Laute, mit denen sie sich mitteilen. Ein gurrender Kontaktlaut, ein brummender Schlaflaut, ein schmatzender Trinklaut und eine Reihe von Unmutslauten, die sich bei Nichterfolg in Schreien und Brüllen steigern können. Je nachdem, welcher der Laute zum Erfolg führt, wird das Kleinkind diesen auch weiterhin und häufiger anwenden. Die simpelste und erste Form der Konditionierung.

Wer als Baby das Pech hat, eher unempathische Eltern zu haben, wird nicht nur in jungen Jahren, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im späteren Leben viel auf die Jammer-Taktik setzen. Auch in einer Beziehung: Den Partner wird so lange mit Dauernörgeln genervt, bis er macht, was man will.

Jammern aus Gewohnheit

Je früher und häufiger Jammerei im Alltag von Erfolg gekrönt ist, umso stärker wird dieses Verhalten als neuronales Muster im Gedächtnis gespeichert. Logisch und vielleicht ein bisschen banal, aber neuropsychologisch überprüft und bestätigt.

Jammern hat ein anderes neuronales Muster als Glück, das von Liebe unterscheidet sich von Aggressivität. Je häufiger ein bestimmtes Muster angekurbelt wird, umso stärker werden die entsprechenden Verbindungen zwischen den Nervenzellen und umso größer wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass Menschen diese besondere Emotion und das spezielle Verhalten auch zukünftig zeigen. So ist es auch mit der Jammerei: Je öfter in bestimmten Situationen geseufzt und gejammert wird, desto häufiger wird dieses Verhalten automatisch auch in anderen, neuen Situationen aktiviert – obwohl diese vielleicht weniger beklagenswert sind. Die Jammerschwelle sinkt. So entsteht ein Dauernörgler.

Jammern als Kontaktmittel

Nichts verbindet Menschen so sehr wie eine schöne Jammerei. Ob über Wetter, Gesundheitszustand, Politik oder Fernsehprogramm: Jammern geht immer, schafft einen «Solidaritätseffekt» und schweißt zusammen.

Manche Menschen setzen bewusst auf diesen Effekt. So machen sie ihrer Umgebung prophylaktisch klar, dass sie hilflos sind und von ihnen nicht die Gefahr ausgeht, sie beneiden oder mit ihnen konkurrieren zu müssen.

Jammern kontra Verantwortung

Die sogenannte Schonjammerei wird zum großen Teil bewusst und kalkuliert eingesetzt. Taktierende Jammerer haben in der Kindheit gelernt, dass sie besondere Aufmerksamkeit erhalten, wenn ihm jemand helfen muss. Ein starkes Kind kann alles allein machen, gekümmert wird sich um das hilflose Kind.

Irgendwann verselbstständigt sich dieses Verhalten. Der Betroffene bringt sich prinzipiell in die Situation des hilflosen Hasen, sodass er Verantwortung und Arbeit abwälzen kann.

Psychologen bezeichnen dieses Verhalten als «Erlernte Hilflosigkeit». Nörgler werden so geschont, müssen weniger arbeiten, aber vor allem gewinnen sie die Kontrolle über eine Situation: Die vermeintlich schwache Person hat die Zügel in der Hand – und wird im Falle eines Scheiterns dank Mitleidsbonus gut dastehen.  Schuld an seinem Scheitern haben schließlich immer die anderen.

Durch Jammern im Mittelpunkt stehen

Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens verschiedene Strategien, aus der grauen Masse herauszuragen. Wer nicht mit besonderen Talenten ausgestattet ist, kann eines ganz sicher, um sich der Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen gewiss zu sein: Jammern.

Niemand wird – zumindest am Anfang – so hartherzig sein, und den Jammerer links liegen lassen. Fast automatisch wird  ihm einfühlsam und verständnisvoll volle Aufmerksamkeit geschenkt. Mit jeder verständnisvollen Mitleidsreaktion werden sie so zum Weiterjammern animiert, genießen die Aufmerksamkeit ihrer empathischen Zuhörer und stehen – ohne etwas dafürzukönnen oder es bewusst inszeniert zu haben – im Mittelpunkt.

Jammern als Erfolgsverdoppler

Ein altes psychologisches Prinzip: Durch «Underachievement», also bewusstes Tiefstapeln, schraubt die Umwelt ihre Ansprüche an eine Person auf ein Minimum herunter. Gelingt doch etwas, gehen Jammerer mit doppeltem Erfolgserlebnis in Form von Lob und Anerkennung nach Hause. Wer sich kleiner und unfähiger macht als er in Wirklichkeit ist, täuscht unbewusst oder bewusst seine Umwelt. Die wahre Leistungsfähigkeit wird so lange versteckt, bis das eigene Können für das Gegenüber vollkommen überraschend aufgedeckt wird. Dieser Erfolg kann durch gezieltes, vorbeugendes Jammern wunderbar vorbereitet werden.

Nörgeln, Nölen und Jammern hat also viele psychologische Funktionen. Es schafft Aufmerksamkeit, verbindet, manipuliert, provoziert Unterstützung in allen Lebenslagen und lässt uns durch Verantwortungsabschieben mit uns selbst im Reinen dastehen. Alle sind schuld, nur nicht wir.

Lesetipp: Deutschland, einig Jammerland - Warum uns Nörgeln nach vorne bringt; Annika Lohstroh und Michael Thiel, Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 17,99 Euro, Erscheinungsdatum: Januar 2011.

ham/reu/news.de
Leserkommentare (12) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • wolfer
  • Kommentar 12
  • 28.01.2011 15:12
 Antwort auf Kommentar 9

Ich würde gern wieder arbeiten, aber trotz 3.200 bundesweiten Bewerbungen und 5 Weiterbildungen habe ich bis heute keine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden! Wie wär es, wir würden tauschen, Sie leben vom ALGII (das Geld vom Sparbuch o. ä. wird aber erst ein Mal aufgebraucht!) und ich gehe für SIE arbeiten?

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  • wolfer
  • Kommentar 11
  • 28.01.2011 15:05
 

Jammern scheint wirklich groß in Mode zu sein, wie man an Peer im Dschungelcamp sieht.

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  • wissender dritter
  • Kommentar 10
  • 28.01.2011 13:39
 Antwort auf Kommentar 9

An Ihrem Kommentar sieht man mal wieder dass die Politik jeden gegen jeden aufzuhetzen aufgeht. Die MEISTEN Hartz4-Empfänger wollen arbeiten. Ich kenne einige, und die freuen sich über ihren 1-€-Job, weil sie etwas zu tun haben.

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  • Leistung statt Jammern
  • Kommentar 9
  • 28.01.2011 11:57
 

Statt zu Jammern sollen die Faulenzer Leistung bringen. Das sieht man bei den Hartzlern; das Geld reicht denen nicht zum Leben. Wie wäre es mit Arbeiten? Wir haben eine KassiererIn in unserer Firma gesucht. Von fünf, die uns das Arbeitsamt geschickt hat, ist Eine gekommen. Die anderen 4 waren "krankgeschrieben". Und ich Trottel habe heute Spätschicht - ich muss im Supermarkt bis 20.30 Uhr arbeiten. Bis 20.00 Uhr ist der Laden offen und danach muss ich noch die Kasse abrechnen. So Dumme wie mich muss es auch geben.

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  • Schorsch
  • Kommentar 8
  • 28.01.2011 09:47
 Antwort auf Kommentar 5

schließe mich allen Kommentaren Vollinhaltlich an

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  • Georg
  • Kommentar 7
  • 28.01.2011 09:43
 

Lass sie Jammern. Nur Nieten Jammern. Alle anderen stehen auf und stellen sich.

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  • Hondo
  • Kommentar 6
  • 27.01.2011 17:56
 

Du suchst das Glück da draußen vergebens. Es liegt bereits in dir, Zeit deines Lebens. Nun musst du es nur noch erkennen, um nicht mehr so schnell durch´s Leben zu rennen.

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 5
  • 27.01.2011 15:55
 

Die Jammerlappen jammern zu Recht.Sie brauchen Stütze,weil sie nichts geben können.Und damit schließt sich der Kreis: Sie haben allenfalls soziale Sanitäterinnen im Bett.Ihre Gehaltserwartungen sind dem entsprechend.Und ihre Lebensplanung ist unterhalb der berühmten Sau.Sie grinsen jeden an,um ihn zum Freund zu machen.Lautstärke im Babyalter mit Jammern zu verwechseln,kann nur von psychol. geschulten Experten stammen. Und selbst wenn ein Baby erfolgreich jammert, ist doch das keine Empfehlung für Erwachsene. R.empfiehlt daher die Politik der Stärke. Denn auf Schwache blickt man herab.

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  • Wilhelm Pointner
  • Kommentar 4
  • 27.01.2011 15:42
 

Ich bin seit 2003, bekennender u. praktizierender Christ, u. wandle im Licht der Liebe Gottes. In sieben Jahren konnte ich eines feststellen,das höchste gebot auf erden heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn du also Nörgelst und Jammerst, verstöst du irgendwie gegen das gebot, der Nächstenliebe also Sündigst du. In Gottes liebe zu wandeln ist sowieso besser, weil Gott dich eigentlich, reich beschenken will.

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  • Georg
  • Kommentar 3
  • 27.01.2011 15:39
 

Hallo jammern Sie was geht. Jammern ist die Grundlage der Demokratie. Das wusste auch schon Winston Churchill, als er nach überreichung des Friedensnobellpreises sagte: DEMOKRATIE ist die beste aller Regierungsformen die ich kenne, aber leider auch das Recht von Querulanten, Nörglern, Schreihälsen und Nichtswissern.

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  • Kinski
  • Kommentar 2
  • 27.01.2011 15:26
 

da ist was dran, mein Vater ist so einer und macht sich damit oft ein schönes Leben; die anderen sind so "dumm" und kapieren diese Masche nicht. Ehrlich, Jammerer und Nörgler haben mir selten leid getan, denn diese tun sich ja stets selber leid.

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  • oliver
  • Kommentar 1
  • 27.01.2011 13:49
 

Komm jetzt jammern wir alle mit und Jammern Brüssel und die Regierung weg! Danach Jammern wir die Hirja weg und den politik Islam.

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