Telefonseelsorge Call-Center der Hoffnung

Sie ist wohl die älteste Hotline Deutschlands: die Telefonseelsorge. Seit 55 Jahren sind die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung für Millionen von bekümmerten Menschen oft der letzte Ausweg. Und das 365 Tage im Jahr.

Telefonseelsorge (Foto)
«Sorgen kann man teilen»:Viele Menschen mit Problemen nehmen sich diesen Spruch zu Herzen und rufen die Telefonseelsorge an. 2009 waren es über 1,5 Millionen Gespräche. Bild: dpa

Ob bei Liebesproblemen in der Beziehung, Mobbing am Arbeitsplatz, Sucht, Krankheit oder Arbeitslosigkeit: Die Betroffenen treibt dies an ihre psychische Grenzen. Um wieder Perspektive in ihr Leben zu bekommen, bleibt ihnen oft nur eine Wahl: die der 0800/1 11 0111. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Stimme mit «Telefonseelsorge».

Seit 55 Jahren ist dieser Hilferuf ins Telefon in Deutschland möglich. Die erste Beratungsstelle wurde 1956 in Berlin eröffnet – damals nur mit einem Ziel: Die von Leid geplagten Anrufer an einem Selbstmord hindern. Tatsächlich nannte sich die Beratungsstelle «Ärztliche Lebensmüdenberatung». Doch bereits ein Jahr später einigten sich die katholische und die evangelische Kirche als Träger auf den heutigen Namen «Telefonseelsorge», um für alle Menschen mit Problemen dazu sein.

Telefonseelsorge: Gar nicht erst anrufen
Video: sca/news.de/Unitec

8000 Ehrenamtliche im Einsatz

Seitdem ist das «Call-Center der Hoffnung» mit seiner kostenfreien Hotline für viele Betroffene die Beratungsstelle schlechthin, um ihre Sorgen mit anderen zu teilen. Um an 365 Tagen und rund um die Uhr erreichbar zu sein, ist ein ordentlicher Aufwand nötig: Derzeit gibt es deutschlandweit 105 Beratungsstellen, den Eckpfeiler bilden neben den rund 350 Hauptamtlichen vor allem die knapp 8000 ehrenamtlichen Helfer, die mindestens einmal pro Monat in einer Schicht von zwölf Stunden den Anrufern Trost spenden. In 81 Prozent aller Fälle nimmt eine Frau das Gespräch an.

Auch beim Nachwuchs haben die Frauen die Hosen an. Im Jahr 2009 - das sind die aktuellen Zahlen, die Statistik für 2010 wird derzeit noch ausgewertet - wurden 997 neue Ehrenamtliche ausgebildet. 75 Prozent davon waren Frauen. Jedoch steigt die Anzahl der Männer, die am Telefon helfen wollen, stetig an. 46,8 Prozent aller Frauen und 41,5 Prozent aller Männer bei der Telefonseelsorge sind zwischen 45 und 59 Jahre alt und stellen damit die Hauptgruppe aller Berater, gefolgt von den über 60-Jährigen mit 38 Prozent bei den Frauen und 41 Prozent.

Weiterbildungen als Selbsttherapie

Um aber beraten zu können, brauchen die Ehrenamtlichen schon in der Ausbildung einen langen Atem: Rund anderthalb Jahre werden die Telefonisten in der Theorie geschult. Anschließend folgt die Praxis, in der sie sich im Umgang mit psychisch und physisch kranken oder einfach nur vom Leben überforderten Menschen vorbereiten lassen. Zudem schleifen sie in regelmäßigen Weiterbildungen permanent an ihrem Profil.

Dabei stellen Ehrenamtliche in der Gruppe beispielhafte Telefonate vor und analysieren zusammen mit einem Psychologen, ob das Problem des Anrufers klar erkannt und richtig darauf reagiert worden ist. Diese Kurse sind aber auch eine Art Selbsttherapie, in denen sich die Mitarbeiter belastende Fälle von der Seele reden können.

Und sie brauchen vor allem eins: Geduld. Im Jahr 2009 gingen insgesamt 2,17 Millionen Anrufe ein, ein leichtes Minus zu 2008 mit 2,25 Millionen Anrufen. Dies ist jedoch positiv zu sehen, da die Zahl der Aufleger zurückgegangen ist. Während 2008 über 681.000 Anrufer sofort den Hörer wieder aufgelegt hatten, waren es im Folgejahr nur 545.000. Damit erhöhte sich die Zahl der tatsächlichen Gespräche von 1,57 Millionen auf 1,63 Millionen.

26, 2 Prozent aller Anrufer nutzten die Hotline zum allerersten Mal, jeder Fünfte hatte sie schon einmal ausprobiert und 18 Prozent aller Anrufer nimmt die Beratung regelmäßig in Anspruch. Bei 34 Prozent aller Anrufer war die Art des Gesprächs unbekannt.

Anders als in den Live-Talks im Fernsehen, die in der Nacht ausgestrahlt werden, melden sich die Betroffenen bei der Telefonseelsorge vor allem zwischen 15 und 18 Uhr – jeweils rund 6 Prozent aller Tagesanrufe für jede Stunde.

90 Prozent der Anrufer  wollen anonym bleiben

Die Telefonseelsorge wirbt vor allem mit Anonymität. Niemand, der anruft, wird nach seinem Namen gefragt - um keine Hemmschwelle schon vor dem potenziellen Gespräch aufzubauen. Die Betroffenen bestätigten das. In neun von zehn Fällen gibt sich der Anrufer nicht zu erkennen.

Bei jedem dritten Anruf (31 Prozent) war die Beratung bereits nach einer Minute wieder vorbei. Dafür dauerte bei der zweitgrößten Gruppe das Gespräch zwischen 16 und 30 Minuten (17,7 Prozent). Jeder zweite Anruf kam nachweislich von einer Frau (53 Prozent). 32 Prozent aller Anrufer waren männlich. Bei 14 Prozent aller Fälle konnte keine Zuordnung gemacht werden. Jedoch ist im Vergleich der letzten Jahre eine wachsende Akzeptanz des starken Geschlechts zu erkennen, sich beraten zu lassen. Im Jahr 2007 waren es beispielsweise nur 27 Prozent.

Die Hotline ist vor allem bei Singles beliebt: Jeder dritte Gesprächspartner war alleinstehend. Das liegt aber unter anderem daran, dass jeder Dritte der Altersgruppe zwischen zehn und 19 Jahren zugeordnet wurde.

Am häufigsten lassen sich die Ratsuchenden über die psychischen Qualen aus, die ihre Krankheit mit sich bringt (12,8 Prozent). 9,3 Prozent aller Dialoge drehen sich um den Partner, in 8,2 Prozent aller Fälle gibt es Stress in der Familie oder mit der Verwandtschaft. Positive Entwicklung: Nicht einmal ein Prozent der Anrufe handelt von Selbstmord.

Die Telefonseelsorge ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr unter der gebührenfreien Rufnummer zu erreichen: 0800/1 11 01 11 und 0800/1 11 02 22.

Sehen Sie hier auch unseren Video-Blog zur Telefonseelsorge.

boi/news.de

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