Sa., 26.05.12

Gesundheitscheck 09.12.2010 Welche Zusatzleistung ist sinnvoll?

Zusatzleistungen (Foto)
Jede zweite Leistung der Ärzte stellt laut AOK einen Rechtsbruch dar: Anders als vorgeschrieben bestätigen die Betroffenen nicht vorher schriftlich, dass sie auf eigene Kosten behandelt werden wollen. Bild: dpa

IGeL: So putzig die Individuellen Gesundheitsleistungen abgekürzt werden, so stachelig sind sie für die Patienten. Denn sie tragen die Kosten selbst. Ärzte hingegen profitieren davon und sahnen ab. Ein Überblick, welche Leistungen sich trotzdem lohnen.

Knochendichtemessungen für ältere Frauen, Ultraschall zur Krebsvorsorge, PSA-Tests zur Früherkennung von Prostatakrebs: Was für ein Milliardengeschäft die Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) sind, brachte jetzt das Wissenschaftliche Institut der AOK in einer Studie hervor. Mehr als jeder vierte der 70 Millionen gesetzlich Versicherten bezahlt teils umstrittene Behandlungen beim Arzt aus eigener Tasche. Die Zusatzeinnahmen der Ärzte durch solche Leistungen stiegen seit 2008 um 0,5 auf rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr.

An der Spitze der von den Kassen nicht bezahlte Leistungen liegen Ultraschalluntersuchungen mit 20 Prozent. Trotz Risiken werden sie meist bei Frauen in der Krebsvorsorge angewendet. Die Studienautoren betonten, alle nötige Leistungen würden von den Kassen bezahlt. Gerade in der Krebsvorsorge seien die Angebote allerdings umstritten. Es spielt das Geschäft mit der Angst eine Rolle, sagte Studienautor Klaus Zok.

Jede zweite Leistung ist ein Rechtsbruch

Der Studie zufolge erhalten 28 Prozent der Versicherten pro Jahr mindestens eine medizinische Leistung auf Privatrechnung, fünf Jahre zuvor waren es noch 23 Prozent. Der Geschäftsführer des Instituts, Jürgen Klauber, sagte: «Ärzte werden offenbar auch als Verkäufer immer besser.»

Jedoch im bedenklichen Umfang: In 54 Prozent der Fälle kommt es laut AOK bei IGeL zum Rechtsbruch: Anders als vorgeschrieben bestätigen die Betroffenen in diesen Fällen nicht vorher schriftlich, dass sie auf eigene Kosten behandelt werden wollen. Rund drei Viertel gaben an, nicht von sich aus nach solchen Leistungen gefragt zu haben. In der Wido-Studie, für die 2.600 Patienten befragt wurden, gaben immerhin 14,5 Prozent der Teilnehmer an, sie hätten keine Rechnung bekommen.

«Das geht natürlich gar nicht», sagt Bertram Lingnau von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD), bei denen die IGeL Topthema ist. Es herrsche große Verunsicherung bei den Betroffenen: Warum zahlt die Krankenkasse nicht? Warum ist das so teuer? Und muss ich das eigentlich machen?»

Die Antwort der Patientenberater lautet: Nein. «Grundsätzlich sollte ein Patient wissen, dass eine ‹Igel› immer eine Leistung ist, die nicht dringend oder unbedingt nötig ist», sagt Lingnau. Es bleibe immer genügend Zeit, sich darüber noch einmal genauer zu informieren und abzuwägen, ob die Leistung etwas bringt und das geforderte Geld wert ist.

Doch wieso nehmen Patienten die Leistungen in Anspruch? «Es fällt natürlich vielen Leuten schwer zu sagen: ‹Vielen Dank für die Information, ich überlege mir das noch einmal›», so Lingnau. «Viele denken, wenn der Arzt das sagt, der wird das schon wissen. Wenn der findet, das ist wichtig, dann investiere ich halt die 20 oder 30 Euro.» Vielen sei es auch zu lästig, noch einmal zu kommen und Wartezeit einzuplanen. «Manche befürchten wohl auch, der Arzt könnte beleidigt sein», sagt Lingnau.

Die genaue Prüfung des Angebots ist aus Sicht der Patientenberater sinnvoll, weil es bei den oft teuren Zusatzleistungen nicht nur schwarz und weiß gebe. Zwar betont der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller, in seinem Internet-Angebot, die Kasse zahle «Igel» nur deshalb nicht, weil sie eben nicht medizinisch notwendig seien.

Und auch Klaus Zok vom Wido betont, Patienten könnten sicher sein, dass sie nichts Notwendiges verpassen. «Alle medizinisch notwendigen Leistungen werden ja bezahlt», sagt der Wissenschaftler. Unter den 'Igel' seien «viele überflüssige Leistungen, die man nicht braucht». Im Zweifel sollte man bei der Kasse nachfragen, ob sie nicht doch im Leistungskatalog eingeschlossen sind, rät Zok.

Immer Kostenvoranschlag und Rechnung verlangen

Für Lingnau von der Patientenberatung ist die Frage aber vielschichtiger. «Es ist ein schwieriges Thema», sagt der Fachmann. «Es ist nicht alles schlecht oder unnötig. Es gilt zu differenzieren: Was ist für einen persönlich sinnvoll?»

Um das herauszufinden, bietet sich die Unabhängige Patientenberatung als öffentlich finanziertes Angebot und gilt als zuverlässig. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale verweist Interessierte dorthin zur Beratung.

Hat man sich für eine individuelle Leistung entschieden, sollte man nach Rat der Fachleute auf einem Kostenvoranschlag bestehen. Ärzte müssen zudem vorab darauf hinweisen, dass sie für die IGeL den höheren Gebührensatz für Privatpatienten nehmen dürfen. Auch über Risiken müssen sie aufklären. Nach der Behandlung müssen sie eine detaillierte Rechnung stellen.

Nutzen und Risiken

Folgende Beispiele, bei denen Leistungen umstritten sind  - aber auch sinnvoll sein können:

Ultraschalluntersuchung von Gebärmutter und Eierstöcken zur Krebsfrüherkennung: Als sehr unsicher kritisieren Experten das Verfahren bei beschwerdefreien Frauen. Bei vielen Frauen kommt es zum Krebsverdacht, der sich nur selten bestätigt. Verdachtsfälle auf Eierstockkrebs können nur per Operation geklärt werden. Kosten für den Ultraschall: 40 bis 80 Euro.

Baby-TV: Zusätzliche Ultraschalluntersuchung in der Schwangerschaft gelten für Experten als wenig sinnvoll, da die drei vorgeschriebenen Untersuchungen ausreichten.

Glaukom-Früherkennung (Grüner Star): Meist wird der Augeninnendruck gemessen und der Augenhintergrund gespiegelt - der Nutzen wird seit Langem unterschiedlich bewertet. Eindeutige Ergebnisse geben die Tests nicht. So geht ein Glaukom etwa meist mit erhöhtem Augeninnendruck einher - bei jedem vierten bis fünften Betroffenen liegt dieser aber im Normalbereich. Mit den Screeningverfahren wird jeder dritte bis fünfte Erkrankte übersehen.

Blutuntersuchung auf Blutfette und Eiweiße: Sie sollen das Risiko für Gefäßerkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall besser abschätzen helfen. Routinemäßig wird etwa Gesamtcholesterin bei Männern ab 35 und bei Frauen ab 45 Jahren gemessen. Bei Übergewicht, Diabetes oder Rauchen ist die Untersuchung aber auch in jüngeren Jahren sinnvoll.

Reise-Impfung: Vor Reisen in tropische und subtropische Länder sollte man sich unbedingt über Risiken und Impfungen beraten lassen. Pflichtimpfungen sind teils Bedingung für eine Einreise, etwa gegen Gelbfieber. Es gibt aber auch freiwillige Impfungen. Für die Tropen ist Schutz auch gegen Hepatitis A, Typhus und eine Malariaprophylaxe ratsam. Kosten 10 bis 20 Euro, beinhaltet nicht die Kosten des Impfstoffes.

sca/sua/news.de/dapd/dpa
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