Schwangerschaft
Rund und gesund - auch ohne Fleisch

Frauen, die sich während der Schwangerschaft vegetarisch ernähren, wird stets ein Nährstoffmangel unterstellt, der dem Ungeborenen schade. Ihnen fehle es an Eiweiß und Eisen. Ein Ernährungsexperte schätzt diese Vorwürfe für news.de ein.

Schwangere haben einen erhöhten Nährstoffbedarf an Eisen, Vitamin B6, Zink, Folat und Beta-Karotin. Bild: ddp

Viele Nährstoffe wie Eisen sind wichtig für die Entwicklung des Fötus. Da Eisen vor allem im Fleisch steckt, wird Vegetarierinnen automatisch ein Mangel unterstellt. Aber: Viele pflanzliche Lebensmittel können den Bedarf daran ebenso gut decken (Klicken Sie dazu auf unsere Grafik).

Ähnlich verhält es sich bei anderen Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen. In einer aktuellen Erklärung der American Dietetic Association (ADA) heißt es, eine vegetarische Lebensweise sei «für alle Phasen des Lebenszyklus geeignet, einschließlich Schwangerschaft und Stillzeit». Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine Ernährung mit Fleisch ist per se nicht besser als eine ohne. Die Hintergründe dazu erläutert der Ernährungsexperte Dr. Markus Keller.

Herr Dr. Keller, wie sollte eine gesunde vegetarische Ernährung während der Schwangerschaft aussehen?

Dr. Markus Keller: Vor allem sehr abwechslungsreich: Viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, ergänzt durch pflanzliche Öle. Eine gute Anleitung für die Praxis bietet die Gießener vegetarische Lebensmittelpyramide.

Welche Nährstoffe sind in der Schwangerschaft besonders wichtig?

Dr. Markus Keller: Bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats ändert sich an den Ernährungsempfehlungen für Frauen fast nichts. Danach steigt der Bedarf an vielen Nährstoffen, ganz besonders an Eisen, Vitamin B6, Folat, Zink und Vitamin A. Auch Vitamin B12 ist während der Schwangerschaft sehr wichtig. Der Mythos vom drastisch erhöhten Eiweißbedarf bleibt dagegen ein Ammenmärchen.

Weil eine fleischlose Ernährung generell gut mit Proteinen versorgt?

Keller: Genau. Die Ovo-Lakto-VegetarierBei der ovo-lakto-vegetarischen Ernährung werden auch Ei- und Milchprodukte gegessen. . essen sogar mehr Eiweiß, als empfohlen wird. Noch mehr Eiweiß konsumieren die MischköstlerMenschen, die sowohl Fisch als auch Fleisch, Gemüse und Obst zu sich nehmen. . Die VeganerIn der veganen Ernährung sind alle tierischen Produkte tabu. liegen am nächsten an den Ernährungsempfehlungen dran. Außerdem steigt der Proteinbedarf während der Schwangerschaft nur um etwa 20 Prozent an. Es gibt jedoch Veganerinnen, die zu wenig ProteinEiweiß aufnehmen.

Warum ist Eisen in der Schwangerschaft so wichtig?

Keller: Eisen ist am Aufbau der PlazentaGewebe der Gebärmutter beteiligt und besonders wichtig für die Entwicklung und Blutbildung des FötusEmbryo nach Ausbildung der inneren Organe während der Schwangerschaft . Auch die erhöhte Zahl roter Blutkörperchen der werdenden Mutter erfordert mehr Eisen. Während der Schwangerschaft gibt es Eisenverluste, die ausgeglichen werden müssen. Bei einem Eisenmangel steigt das Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt. Zudem kann es zu einer Fehlentwicklung des Kindes und zu geringerem Geburtsgewicht kommen.

Ist Eisen ein Problem in der Schwangerschaft?

Keller: Ja, denn der Bedarf an Eisen ist deutlich höher als sonst. Er verdoppelt sich auf 30 Milligramm pro Tag. Die Versorgung kann schon schwierig werden, allerdings nicht nur für Vegetarierinnen, das hat die Gießener Vollwert-Ernährungs-Studie gezeigt: Im letzten Drittel der Schwangerschaft wiesen etwa zwölf Prozent der vegetarisch lebenden Vollwertköstlerinnen Vollwerternährung bedeutet, pflanzliche Lebensmittel zu bevorzugen und diese Produkte so naturbelassen wie möglich zu essen. Fertigprodukte werden vermieden. und drei Prozent der fleischessenden Vollwertköstlerinnen eine Eisenmangelanämie auf.

Bei Vegetarierinnen liegt der Eisenspeicher Serum-Ferritin in der Regel niedriger als bei Mischköstlerinnen, ist aber dennoch im Normbereich. Bei Mischköstlerinnen ist der Speicher voller, obwohl Vegetarierinnen eine höhere Eisenzufuhr haben. Das liegt daran, dass Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln schlechter vom Körper aufgenommen wird.

Können die Eisenspeicher auch zu voll sein und schaden?

Keller: Ja, überhöhte Eisenspeicher können negative Auswirkungen haben, da überschüssiges Eisen Zellen schädigen kann. So stehen hohe Eisenspeicher im Verdacht, das Risiko für Arteriosklerose, Diabetes Typ 2 und Dickdarmkrebs zu erhöhen. Mit einer vegetarischen Ernährung ist eine Eisenüberladung hingegen kaum zu erreichen.

Kann ein zu hoher Eisenwert während der Schwangerschaft schaden?

Keller: Eine Eisenüberladung durch die Ernährung ist äußerst selten. Zu Beginn der Schwangerschaft sind hohe Eisenspeicher eher von Vorteil. Andererseits können sich sehr hohe Werte auch negativ auswirken. Berichtet werden Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburten und Schwangerschaftsbluthochdruck.

Behauptet wird, dass neben Eisen auch FolsäureDer Begriff Folsäure wird umgangssprachlich verwendet. Die korrekte Bezeichnung lautet Folat. wichtig ist für Schwangere.

Keller: Genau, Folsäure ist wichtig für die Teilung und Neubildung von Körperzellen. Der Tagesbedarf der Schwangeren steigt von 400 Mikrogramm auf 600 Mikrogramm. Bei niedriger Versorgung steigt das Risiko für Fehlbildungen am zentralen Nervensystem des Kindes. Das Problem: Für das ungeborene Kind ist ein Mangel schon in den ersten Tagen der Schwangerschaft sehr kritisch, denn der Neuralrohrschluss erfolgt zwischen dem 22. und 28. Tag der Schwangerschaft. Es ist daher enorm wichtig, schon vor der Schwangerschaft auf eine ausreichende Versorgung mit Folsäure zu achten. Oft verschreiben Ärzte vorsorglich Präparate.

Haben Vegetarierinnen ein höheres Risiko eines Folsäure-Mangels?

Keller: Nein, ganz im Gegenteil. Sie nehmen in der Regel deutlich mehr auf als Mischköstlerinnen: Durch die vegetarische Ernährung stehen viel häufiger folsäurereiche Lebensmittel auf dem Speiseplan wie grüne Blattgemüse, Kohl- und andere Gemüsearten, Hülsenfrüchte und VollgetreideGemeint ist das volle Korn - mit all seinen Bestandteilen. .

Wie steht es um die Versorgung mit Vitamin B6 und Vitamin A?

Keller: Bei Vitamin B6 gibt es kaum Unterschiede zwischen Mischköstlerinnen und Vegetarierinnen. Beide sind meist ausreichend versorgt. Bei Vitamin A schneiden die Vegetarierinnen in der Regel besser ab, da sie durch pflanzliche Lebensmittel reichlich Beta-Karotin (Provitamin A) aufnehmen.

Wieso ist Vitamin B12 in der Schwangerschaft wichtig?

Keller: Vitamin B12 ist - zusammen mit Folsäure - an der Zellteilung beteiligt. Bei einem Mangel sind Fehlbildungen und -geburten, Präeklampsie, Neuralrohrdefekte sowie angeborene Herzfehler des Kindes mögliche Folgen. Bei Veganerinnen kann es kritisch werden, da in pflanzlicher Nahrung praktisch kein Vitamin B12 enthalten ist. Veganerinnen sollten, insbesondere während der Schwangerschaft, ihre Vitamin-B12-Versorgung unbedingt sicherstellen zum Beispiel durch Vitamin-B12-Präparate. Auch Ovo-Lakto-Vegetarierinnen sind teilweise nicht optimal mit Vitamin B12 versorgt, wie Studien gezeigt haben. Die Vitamin-B12-Werte sollten daher regelmäßig vom Arzt überprüft werden.

Sind Nahrungsergänzungen sinnvoll?

Keller: Ja, allerdings nur, wenn der Nährstoffbedarf nicht über die Nahrung gedeckt werden kann. Das ist bei Vitamin B12 bei veganer Ernährung der Fall. Bei ärztlich nachgewiesenem Eisenmangel sollten Vegetarierinnen - ebenso wie Mischköstlerinnen - Eisen durch Präparate ergänzen. Aber: Aufgrund der beschriebenen möglichen negativen Wirkungen sollten keinesfalls prophylaktisch Eisenpräparate eingenommen werden. Gleichzeitig sollte jedoch versucht werden, die Eisenversorgung über die Ernährung zu optimieren. Ein kompetenter Ernährungsberater kann dabei helfen.

Dr. Markus Keller ist Ernährungswissenschaftler und leitet das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen. Er ist Mitautor des Standardwerks Vegetarische Ernährung.

ham/news.de

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