Schilddrüse Multitalent in der Krise

Kleines Organ, große Wirkung: Die Schilddrüse ist der Tempomat des menschlichen Körpers. Wenn sie zickt, wird die ganze Person aus der Bahn geworfen. Symptome, die auf das kranke Organ hinweisen, gibt es viele. Erkannt werden sie nur schwer.

Das Multitalent in der Krise (Foto)
Die Schilddrüse ist nur so groß wie eine Pflaume. Doch sie ist mit ihrer Hormonausschüttung der Motor des Körpers. Bild: dpa

Martina Richter (Name von der Redaktion geändert) hatte im wahrsten Sinne des Wortes einen dicken Hals. Erstens, weil der monatelang geschwollen war. Und zweitens: Sie fühlte sich von Tag zu Tag schlechter, hatte keinen Antrieb mehr. «Das ging so weit, dass mich meine Kollegen in der Arbeit für faul hielten. Und so fühlte ich mich auch, denn ich kam nicht mehr vom Sofa herunter», erinnert sich die Einzelhandelskauffrau aus der Nähe von Regensburg.

Das war vor zwei Jahren. Als sie es gar nicht mehr aushielt und eine kleine Wulst neben dem Kehlkopf ertastete, ging sie zum Arzt. Nach ein paar Untersuchungen in mehreren Kliniken hatte sie die Gewissheit: «Hashimoto-Thyreoditis. Die Entzündung griff meine Schilddrüse an und sorgte für eine Unterfunktion des Organs», erklärt Richter. Das heißt: Erblich bedingt richten sich Antikörper gegen das Schilddrüsengewebe und zerstören es – daher die Unterfunktion.

Jodhaltige Ernährung: Salzen Sie sich gesund

Auch wenn diese Krankheit die häufigste Form einer Unterfunktion darstellt, so sind nur rund zwei Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Doch es macht eins klar: So klein die Schilddrüse auch ist, so groß ist ihre Wirkung. Das schmetterlingsförmige Organ von der Größe einer Pflaume sitzt zwischen Kehlkopf und Luftröhre und hat eine zentrale Aufgabe: Hormone wie Tetratjodtyonin (T4) und Trijodthyronin (T3) zu produzieren. Die Diätassistenten Sven-David Northmann und Christiane Weißenberger bezeichnen sie in ihrem Buch Ernährungsratgeber Schilddrüse als «Peitsche des Organismus».

Jod - der Antrieb für die Schilddrüse

Die rund 25 Gramm schwere Drüse sorgt mit ihrer Hormonausschüttung dafür, dass das Herz richtig tickt und die Muskeln ordentlich Energie bekommen sowie durch den Eiweißaufbau wachsen können. Zugleich beeinflusst sie den Kalziumstoffwechsel und hemmt dabei den Knochenabbau.

Die Schilddrüse wirkt im Prinzip wie das Gaspedal im Auto. Um im Bild zu bleiben: Wird stark auf das Pedal gedrückt, tourt der Motor übermäßig hoch. Im Körper wird also der Puls schneller, die Muskeln beginnen zu zittern und der Mensch fühlt sich schwächer. Der Effekt ähnelt dem, der von massivem Kaffeekonsum bekannt ist. Arbeitet die Drüse untertourig, bremst sie den Kreislauf aus – wie bei Martina Richter.

Ob das Multitalent Schilddrüse ordentlich läuft, hängt von ihrer Treibstoffquelle ab: Jod. Ohne dieses SpurenelementSpurenelemente werden vom Körper für wichtige Stoffwechselprodukte benötigt. kann das Organ keine Hormone ausschütten. Diese Treibstoffknappheit ist in Deutschland weit verbreitet, denn die Bundesrepublik ist in Sachen Jodmangel Spitzenreiter, wie Professor Hubertus Wietholtz vom Klinikum Darmstadt erklärt. Da der Körper das Jod nicht selbst produziert, nimmt er es nur über die Nahrung auf. Die Schilddrüse zieht sich das Spurenelement aus dem Blut, das durch sie durchfließt. Die Folge: Das fehlende Element wird dadurch kompensiert, dass sich die Schilddrüse vergrößert, um die Mehrproduktion an Hormonen zu erreichen. Wie die Vergrößerung aussieht, kennt jeder – es ist der Kropf.

Jeder dritte Erwachsene leide dem Experten zufolge unter dieser Struma, wie der Knoten im Fachbegriff heißt. Daher rät der Experte zu einer jodreichen Ernährung schon von klein auf. Das gilt insbesondere für «Risikogruppen» wie Frauen, Schwangere und Kleinkinder. Wie hoch der Tagesbedarf ist, lesen Sie hier.

Anzeichen für Probleme mit der Schilddrüse

«Jodmangel kommt uns teuer zu stehen. Jährlich müssen über 80.000 Schilddrüsenoperationen durchgeführt werden. Das kostet rund 500 Millionen Euro», wie der Internist und Direktor am Klinikum Darmstadt schildert. «Insgesamt belasten die Schilddrüsenkrankheiten das Gesundheitssystem mit mehr als 1,2 Milliarden Euro», so Wietholtz.

Wichtig zu wissen: Millionen Deutsche wissen gar nicht, ob sie eine über- oder unterfunktionierende Schilddrüse haben, denn die Symptome sind nicht eindeutig. Eines grenzt die Selbstdiagnose jedoch leicht ein: Das Körpergewicht kann dabei ein Indikator sein. Ständiger Durst und Untergewicht lassen eine Überfunktion erahnen. Übergewicht hingegen schließt auf eine Unterfunktion.

«Sicherheit bietet aber nur der Besuch beim Arzt», sagt Martina Richter. Bei der 48-Jährigen wurde neben dem Abtasten des Halses und der genaueren Ultraschalluntersuchung auch noch ihr Blut auf den Hormongehalt hin untersucht. Seit die Diagnose feststeht, wird die Oberpfälzerin mit Medikamenten therapiert. Sie bekommt synthetische Schilddrüsenhormone, die sie ein Leben lang nehmen muss.

Lesen Sie hier, ob Jod wirklich so gesund ist.

ham/ivb/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • pefrase
  • Kommentar 2
  • 19.10.2010 20:02

Es ist bereits allgemein bekannt, dass ausgerechnet bei einer Hashimoto-Thyrioditis die zusätzliche Zufuhr von Jod den von der Fehlleitung des Immunsystems verursachte Entzündungprozess (um welchen es sich dabei handelt) der Schilddrüse noch verstärkt und deshalb nicht empfohlen ist. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Seefisch, ob Süß- oder Salzwasser, hat sich bei mir immer gerächt....Verschlimmerung des Krankheitsgefühl zeitverzögert natürlich....sofort bemerkt man es ja leider bei der Schilddrüse nicht.

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  • renate Dietrich
  • Kommentar 1
  • 19.10.2010 14:47

Das muss ich auch, schon jahrelang, bis ans Lebensende. L-Thyroxin nehme ich, das vertrag ich gut. Wurde auch operiert - links - und habe eine Unterfunktion. Wenn ich mal die Tablette am Morgen vergesse, das merke ich dann mit der Zeit. Dann ist es nicht mehr gut.

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