Resistente Keime
Krank durch Fleisch

Multiresistente Keime gibt es nicht nur in Krankenhäusern. Auch in der Landwirtschaft hat sich ein Keim entwickelt, der Mensch und Tier infiziert. Gefährlich wird es, wenn die Keime aus Stall und Klinikum zusammenkommen.

Multiresistente Keime sind in Deutschland vor allem in Schweineställen auf dem Vormarsch. 58 Prozent aller Schweine sind mittlerweile infiziert.  Bild: ddp

Bisher beschränkten sich Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, vor allem auf Krankenhäuser. Mit Sorge beobachten Wissenschaftler nun, dass sich die sogenannten methycillinresistenten Staphylokokken, kurz MRSA, seit ein paar Monaten auch bei Schweinen, Rindern und Geflügel ausbreiten. 2004 wurde der MRSA-Stamm ST398 zum ersten Mal in den Niederlanden und im Münsterland entdeckt. Die Experten vermuten, dass er durch eine MutationSpontan entschiedene oder künstlich herbeigeführte Veränderung der Erbanlage in einem Schweinestall entstanden ist.

Das Problem: Die Tiere werden während des Mastens selbst mit keimtötenden Medikamenten gefüttert, damit sie weniger anfällig für Krankheiten sind und schneller wachsen. Weltweit werden diese Substanzen in jedem zweiten Mastbetrieb eingesetzt. Das hat zur Folge, dass sich Keime entwickeln, bei denen die keimtötenden Medikamente nicht mehr wirken.

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Deutschland besonders stark betroffen

Seither taucht der Bakterienstamm in immer mehr Betrieben auf. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde bildete vor zwei Jahren eine Task Force, die Schweinezuchtbetriebe unter die Lupe nahm. Dabei schnitt die Bundesrepublik mit am schlechtesten ab: Fast in jedem zweiten untersuchten Bauernhof konnten die resistenten MRSA-Keime im Stallstaub nachgewiesen werden.

Seit 2007 wird der Keim auch bei Mastkälbern und Pferden häufig gefunden. In Milchkühen wird er seit 2008 beobachtet, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin berichtet. Geflügel ist ebenfalls bereits mit dem MRSA-Stamm infiziert. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Erreger sich über den Handel mit Jungsäuen verbreitet», urteilt Bernd-Alois Tenhagen vom BfR. Ebenso unbemerkt konnten die Bakterien in die menschliche Nahrungskette eingeschleppt werden.

Ein Viertel aller Schweinebauern schon infiziert

Das ist solange unproblematisch, wie der Mensch gesund ist und sich nicht in ein Krankenhaus begibt. In den Kliniken können die bis dahin harmlosen Besiedler ihre Träger aber nach einer Operation oder einer Transplantation ernsthaft gefährden. Auf Intensivstationen sind sogar vereinzelt Erreger auf andere immungeschwächte Patienten übergegangen. So ist zu erklären, dass einer Untersuchung zufolge 17,1 Prozent der MRSA-Infektionen in Krankenhäusern auf diesen tierischen Stamm zurückgehen.

Tenhagen berichtet von zwei Fällen, in denen geschwächte Personen an einer Infektion mit jenem MRSA ST398 gestorben sind. Man vermutet jedoch, dass sie sich nicht über Lebensmittel infizierten, sondern unmittelbar über ein lebendes Tier. Laut Georg Peters, Infektionsforscher vom Institut für medizinische Mikrobiologie der Universität Münster, sind 23 Prozent aller deutschen Schweinebauern MRSA-positiv. Auch Tierärzte und Schlachter stecken sich häufig mit dem Erreger an. Die Experten glauben, dass die Bakterien im direkten Kontakt mit den Tieren übertragen werden.

Das BfR sowie die Landesbehörden erheben zurzeit, wie stark Fleisch und Milch mit den widerstandsfähigen Bakterien belastet sind. Einer Untersuchung aus den Niederlanden zufolge sind die MRSA, wenn auch in geringer Zahl, in rohem Fleisch der Tiere zu finden. Tenhagen geht aber davon aus, dass diese Menge nicht ausreicht, um dem Konsumenten gefährlich zu werden. Dennoch rät seine Behörde dazu, Tiere und rohes Fleisch nicht mit dem Mund zu berühren und die Hände nach dem Kontakt gründlich mit Seife zu waschen.

Gefahr droht durch Fusion zum Superkeim

Doch die Fachleute sind in Sorge, wenn der MRSA-Stamm aus dem Stall im Krankenhaus mit anderen Erregern zum Superkeim mutiert. Dadurch könnte er schwerer behandelbar und vor allem gefährlicher und ansteckender werden. «Wenn dieser Keim sich zum Beispiel mit dem MRSA USA300 mischt, dann haben wir ein großes Problem», führt Peters aus. In Deutschland gehen drei Prozent aller MRSA-Infektionen auf sein Konto.

Gegen den Bakterienstamm greifen nur noch besondere Reserveantibiotika, die es nicht in Apotheken gibt, die aber vor allem auch nicht immer wirken und schlecht vertragen werden. Noch dazu setzt MRSA USA 300 ein spezielles Gift frei. Dieses führt meist zu einer schweren Lungenentzündung, die bei jungen Menschen in knapp der Hälfte der Fälle tödlich verlief.

sca/sis/sgo/ivb/news.de/dapd

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9 Kommentare
  • Antonietta

    06.10.2010 14:38

    Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, daß Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an.

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  • klartext

    05.10.2010 20:14

    Wer gut informiert ist, kann sich selbst ändern - und damit die Welt! Zitat von Dr. Neil Barnard, Präsident des amerik. Ärztekommitees für Verantwortliche Medizin ""Die Fleischindustrie ist für mehr Todesfälle verantwortlich als alle Kriege des letzten Jahrhunderts, alle Naturkatastrophen und alle Autounfälle zusammen. Wenn Fleisch in ihrem Kopf "richtiges Essen für richtige Leute" bedeutet, sollten Sie Sorge tragen richtig nahe an einem Krankenhaus zu wohnen. Fleisch schädigt Natur, Wasserverbrauch; Kreaatur,Schmerzen; und Mensch, siehe oben!

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  • Michael Gardeleben

    05.10.2010 18:42

    massentierhaltung,pharmaindustrie,unterbezahltes und überfordertes krankenhauspersonal......................willkommen du schöne heutige welt

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