Männerforschung
Wann ist ein Mann ein Mann?

Er erforscht, wie Männlichkeit wahrgenommen und missverstanden wird: Dr. Matthias Stiehler, Autor von Der Männerversteher erklärt news.de, unter welchen widersprüchlichen Erwartungen das gar nicht mehr so starke Geschlecht heute leidet.

Erwartungen der Partnerin, Geschlechterrollen - manchmal verlieren Männer dabei das Bild von sich selbst. Bild: iStockphoto

Herr Dr. Stiehler, ihr aktuelles Buch heißt Der Männerversteher. Sie halten sich offensichtlich für einen solchen. Wie kann auch Frau zum Männerversteher werden?

Dr. Stiehler: Frauen sollen gar keine Männerversteherinnen werden. Frauen sollen sich verstehen. Die Botschaft meines Buches ist, dass Männer zu Männerverstehern werden sollten. Denn nur wer sich versteht, wer seine eigenen Bedürfnisse kennt und vertritt - ohne dabei den jeweils anderen für deren Erfüllung verantwortlich zu machen -, ist zu einem partnerschaftlichen Miteinander in der Lage.

Kann miteinander reden ein Allheilmittel bei Geschlechterkonflikten sein?

Dr. Stiehler: Kommunikation ist sehr wichtig in einer Partnerschaft. Bedeutsamer ist aber die eigenständige Entwicklung, das Loslassen der Erwartungen an den Partner. Das mag im ersten Moment paradox klingen. Aber Partnerschaft kann nur gelingen, wenn ich mich selbst für mein Leben verantwortlich sehe und nicht der Partner mich glücklich machen soll. Auch Gespräche können mit dem Ziel geführt werden, den jeweils anderen für die eigenen Bedürfnisse zu instrumentalisieren.

Wie kann dann ein erfolgreiches Miteinander von Männern und Frauen erreicht werden?

Dr. Stiehler: Indem Frauen wie Männer die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. In Paarberatungen hören wir oft: «Ich bin ja bereit mich zu ändern. Aber dann muss das der Partner/die Partnerin ebenso tun.» Solange solch eine Haltung vorherrscht, solange die eine Seite glaubt, dass es ihr erst besser geht, wenn sich die andere ändert, wird es nicht klappen. Das ist meine Hauptkritik am Feminismus, das ist auch meine Hauptkritik an der in den letzten Jahren entstandenen Männerrechtsbewegung. Dort wird immer noch zu sehr auf die Fehler der anderen geschaut. Das ist eine kindliche Haltung, ein Versuch, dem Erwachsenwerden in letzter Konsequenz zu entkommen.

Apropos Erwachsenwerden: Welche Rolle spielt die Mutter bei der Entwicklung männlicher Identität?

 Dr. Stiehler: Mutter wie Vater sind dafür verantwortlich, mit welcher positiven Haltung zu sich, zu den eigenen Stärken und den Schwächen sich ein Junge entwickelt. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Mutter und Vater, der biologisch bedingt ist. Aufgrund der Tatsache, dass ein Kind in der Mutter heranwächst und nach der Geburt eine exklusive Beziehung zu ihr hat, ist die Mutter entscheidend für die erste Entwicklungsphase. Sie ist die primäre Bezugsperson. Daher sind Urvertrauen, Geborgenheit und Sicherheit mit ihr verbunden. Aber nur in einem wirklich partnerschaftlichen Miteinander der Eltern kann die Mutter ihrer Aufgabe gerecht werden, wie der Vater der seinen.

Was kann bei männlicher Sozialisation sonst noch schieflaufen, dass Männer auch im Erwachsenenalter Schwierigkeiten haben, eine eigenständige Geschlechtsidentität zu entwickeln?

 Dr. Stiehler: Zunächst bin ich fest davon überzeugt, dass nicht nur Männer Schwierigkeiten mit ihrer Geschlechtsidentität haben, sondern auch Frauen. Die Frauenbewegung hat deshalb nur wenig zu einer guten eigenen Identität verholfen, weil sie immer zu viel «die anderen» - also die Männer, die Gesellschaft - für die eigenen Probleme verantwortlich macht. Ich denke, dass Frauen und Männer an diesem Punkt in einem Boot sitzen.

Inwiefern ist es dabei ein Problem, dass Geschlechterrollen an Bedeutung verlieren?

Dr. Stiehler: Ich möchte fast sagen, dass dieses Phänomen, dass in der Wissenschaft als «Dekonstruktion von Geschlecht» bezeichnet wird, kein ernstes Problem ist. Zum Glück haben Frauen und Männer ein gutes Gespür dafür, wenn Ideologien übertrieben und Denkverbote ausgesprochen werden. Ich bin überzeugt, dass ein gutes Miteinander zwischen Frauen und Männern nur möglich ist, wenn beide das Gemeinsame, aber auch ihre Verschiedenheit akzeptieren. Ohne Selbstverständnis, was in einer Gesellschaft männlich und was weiblich ist, geht es nicht. Beliebigkeit ist unmenschlich.

Warum wünschen sich Frauen dann noch starke Männer? Was verstehen Sie unter Maskulinität?

Dr. Stiehler: Sicher verstehen Frauen sehr Unterschiedliches darunter. Es läuft aber immer darauf hinaus, dass Männer nur dann stark sind, wenn sie an sie gestellte Anforderungen erfüllen. Dabei ist es am Ende nicht wichtig, was Frauen erwarten, sondern was Männer für sich wollen und was sie tun, egal ob sie Zustimmung dafür finden.

Und wenn sie keine Zustimmung finden: Wie häufig werden Männer Opfer häuslicher Gewalt?

Dr. Stiehler: Die Polizeistatistiken weisen ein Verhältnis von 9 zu 1 aus. Zu 90 Prozent sind demnach Frauen betroffen, zu 10 Prozent Männer. Die Dunkelziffer liegt aber bei etwa 50 Prozent. Das heißt, dass Männer genauso häufig von körperlicher häuslicher Gewalt betroffen sind wie Frauen. Dass häusliche Gewalt gegen Männer häufig nicht zur Anzeige kommt, liegt daran, dass Männer sich oft schämen und daher nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es gibt Untersuchungen, die nachweisen, dass Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, selbst von Polizei und Beratungsstellen nicht ernst genommen werden. Interessant finde ich, dass das Thema der häuslichen Gewalt gegen Männer auch von denen verdrängt oder bagatellisiert wird, die von Männern Veränderungen erwarten.

Dr. Matthias Stiehler (geb. 1961) ist psychologischer Berater im Gesundheitsamt Dresden und Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft. Er ist Mitgründer des bundesweiten Netzwerks Männergesundheit, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit und Initiator eines «Männergesundheitsberichts für Deutschland».

Lesetipp: Der Männerversteher - Die neuen Leiden des starken Geschlechts, Dr. Matthias Stiehler, Verlag: C.H. Beck, erschienen am 30. August 2010, 12,95 Euro

brc/ham/reu/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

1 Kommentare
  • octo8

    29.10.2010 21:40

    Ein Mann ist dann ein Mann wenn er verstanden hat - a) was ein Mensch ist - das er wie Andere auch Menschen sind. - b) das auch Andere Rechte haben. wenn er aufhört sich wie ein Kind zu benehmen oder wie ein Terrorist/Saboteur/sonstiger Krimineller das allerdings fällt kaum auf in unserer Gesellschaft. Diese Verhaltensweisen findet man in allen Schichten und Berufen. Und das ist nicht nur Nervtötend sondern Lebensgefährlich für Viele. Darüber hinaus sind derartige Verhaltensweisen echte Feinde jeder Staatsform, des Friedens im Land wie in der Welt. Man kommt mit nicht weiter damit.

    Kommentar melden
Kommentar schreiben

noch 600 Zeichen übrig

Empfehlungen für den news.de-Leser