Sa., 26.05.12

Telefonaktion 16.09.2010 Wenn Brusttumore die Seele quälen

Telefonaktion (Foto)
Der Diplom-Psychologe Alf von Kries (links) und Professor Rudolf Weide standen bei der news.de-Telefonaktion Anrufern Rede und Antwort zum Thema Brustkrebs. Bild: pr.nrw

Frauen, die mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert werden, können jede Unterstützung brauchen – vor allem seelische. Doch wo gibt es die? Und: Welche Therapie ist angebracht? Bei der news.de-Telefonaktion gaben Experten die Antworten.

Die brusterhaltende Operation und die anschließende Bestrahlung sind bei mir gut verlaufen. Ich könnte mich eigentlich freuen, bin aber am Boden zerstört. Was kann ich tun?

Professor Nicolai Maass: Häufig verdrängen Frauen ihre Krankheit zunächst, um sich gegen die Belastungen zu schützen. Am Ende der Behandlung kann es dann zu einem regelrechten Zusammenbruch kommen. Spätestens jetzt ist eine psychoonkologische Betreuung ratsam. Denn sie kann zur Stärkung des Selbstbewusstseins und zur allgemeinen Krankheitsbewältigung beitragen.

Was muss ich mir unter einer psychoonkologischen Therapie vorstellen? Eine Gesprächstherapie?

Alf von Kries: Die Psychoonkologie kann auf das gesamte Spektrum der psychotherapeutischen Verfahren zurückgreifen. Neben der Gesprächs- und Verhaltenstherapie können auch Methoden aus der Familientherapie, der Systemischen Therapie, Hypnotherapie und andere Methoden eingesetzt werden. Wie die Therapie konkret aussieht, hängt allein davon ab, was für die jeweilige Patientin am besten geeignet ist.

Bei meiner Frau wurde vor sechs Monaten Brustkrebs festgestellt. Wir bekommen die Situation bisher ganz gut in den Griff, aber ich merke, dass meine eigenen Reserven zu Ende gehen. An wen kann ich mich wenden?

Professor Ulrike Nitz: Die Belastungen, die eine Krebserkrankung mit sich bringt, treffen in erster Linie die Patientin selbst, aber eben auch ihr persönliches Umfeld. Lebenspartner, Kinder und andere Personen müssen selbst mit Veränderungen und Ängsten zurechtkommen, sind aber gleichzeitig als Unterstützung gefragt, um die Belastungen durch die Krankheit mit zu tragen. Damit sie diese Doppelbelastung besser verkraften und zur Krankheitsbewältigung der Patientin beitragen, richtet sich das psychoonkologische Betreuungsangebot auch an sie.

Mich machen die dauernden Klinik-Aufenthalte völlig fertig. Gibt es keine Alternative dazu?

Maass: Viele Patientinnen empfinden die wiederholten Klinikaufenthalte als belastend, sie lassen sich jedoch nicht immer vermeiden. In vielen Fällen kann die Therapie allerdings auch ambulant durchgeführt werden. Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt darüber, ob das nicht auch für Sie in Frage kommt.

Nach einer überstandenen Brustkrebserkrankung kehre ich in Kürze ins Berufsleben zurück. Mir hat meine Arbeit immer sehr viel Spaß gemacht, aber jetzt fühle ich mich dem Stress einfach nicht mehr gewachsen.

von Kries: Klären Sie, ob ein Wiedereinstieg in den Job zunächst in Teilzeit möglich ist. So können Sie sich langsam wieder in die Arbeitswelt einfinden und weitere Kräfte mobilisieren. Zudem kann auch nach der akuten Krankheitsphase eine psychoonkologische Unterstützung sinnvoll sein, da die seelischen Folgen der Erkrankung häufig erst dann zu Tage treten. Viele Frauen finden Unterstützung auch in Gesprächs- oder Selbsthilfegruppen. Adressen in Ihrer Nähe können Sie bei Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrem Brustzentrum erfahren.

Meine Brustkrebstherapie ist trotz anstrengender Chemotherapie gut verlaufen. Aber seit ein paar Wochen schlafe ich nachts sehr schlecht und bin dafür tagsüber oft völlig erschöpft. Geht das vorüber?

Professor Rudolf Weide: Solche Erschöpfungszustände sind nicht selten nach einer Brustkrebstherapie. Ursache kann ein Erschöpfungssyndrom sein, das nach einer Chemotherapie auftreten kann. Ich empfehle Ihnen ein vorsichtiges Ausdauertraining mit Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder im Fitnessstudio. Wenn die Erschöpfungszustände länger, also wie bei Ihnen über Wochen anhalten, kann eine Depression vorliegen, die behandelt werden muss. Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt über die Möglichkeit einer psychoonkologischen Unterstützung.

Angst macht mir vor allem die Chemotherapie. Nun habe ich von zielgerichteten Therapien gehört, die weniger belasten sollen. Was ist davon zu halten?

Nitz: Die Wahl der Therapie und die Erfolgsaussichten hängen vor allem von den Eigenschaften des Tumors ab. In etwa einem Fünftel aller Fälle verursacht zum Beispiel ein Eiweiß auf der Zelloberfläche namens ErbB2 ein aggressives Wachstum des Tumors. In diesen Fällen kann man entweder mit einem Antikörper therapieren, oder mit «Kleinen Molekülen», die gezielt im Inneren der Zelle angreifen. Kleine Moleküle kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Patientinnen bereits bestimmte Therapien erhalten haben und es nach Behandlung mit dem Antikörper zu einem Fortschreiten der Erkrankung kommt. Ob eine solche Therapie für Sie in Frage kommt, entscheidet immer der behandelnde Arzt.

Die Beziehung zu meinem Mann ist durch meine Brustkrebserkrankung in eine tiefe Krise geraten. Kann eine psychoonkolgische Therapie auch hier helfen?

Weide: Nicht selten bringt eine Krebserkrankung auch Paare an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. In solchen Krisensituationen kann eine psychoonkologische Unterstützung helfen, ihre Beziehung zu stabilisieren und Verständnis für die Situation des Partners zu entwickeln. Die psychoonkologische Versorgung bezieht ausdrücklich das gesamte persönliche Umfeld der Erkrankten ein, also auch den Lebenspartner.

Unter dem Titel Sprechstunde für die Seele ist aktuell die Neuauflage eines Adressverzeichnisses von Psychoonkologen in Deutschland erschienen. Ein Verzeichnis aller Psychoonkologen findet man auch unter www.gsk-onkologie.de.

Die Experten am Telefon: Alf von Kries, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Psychoonkologischer Dienst der Dr. Horst Schmidt Kliniken, Wiesbaden; Professor Ulrike Nitz, Fachärztin für Gynäkologie an der Klinik für Brusterkrankungen / Senologie in Mönchengladbach; Professor Nicolai Maass, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Frauenklinik in Aachen; Professor Rudolf Weide; Facharzt für Hämatologie und Internistische Onkologie, Praxisklinik für Hämatologie und Onkologie Koblenz.

kat/sca/news.de/pr.nrw
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