Brüste als Lebenskrise
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Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Artikel vom 03.09.2010
Zur Kommunion die ersten Schamhaare: Mädchen, die im Alter von neun Jahren schon die anstehende Pubertät spüren, sind keine Seltenheit mehr. Doch der Druck, der auf ihnen lastet, ist enorm. Die Familien sind mit der geraubten Kindheit überfordert.
Die frühe Pubertät ist auf dem Vormarsch: Wie zahlreiche internationale Studien bestätigen, setzt vor allem bei Mädchen der Reifeprozess schon während der Grundschulzeit ein. Vor kurzem haben US-Forscher in einer Untersuchung von 1200 Mädchen festgestellt, dass vielen der weiblichen Probanden bereits im Alter von sieben Jahren Schamhaare und Brüste wuchsen.
Dänische Forscherkollegen bestätigen die Entwicklung: Das Brustwachstum beginnt heute ein Jahr früher als noch vor 15 Jahren. Das Durchschnittsalter betrage neun Jahre und zehn Monate. Ende des 19. Jahrhunderts lag es bei 15 Jahren.
Was genau die Ursache für das schnellere Wachsen ist, darüber wird heftig spekuliert: Übergewicht, Umweltgifte und östrogenhaltige Lebensmittel werden derzeit als höchste Risikofaktoren gehandelt. Dabei liegt der Fokus auf dem östrogenähnlichen Stoff Bisphenol A. Der Weichmacher im Kunststoff kommt unter anderem in Plastikflaschen und Getränkedosen vor.
Auch wenn der Auslöser noch nicht gefunden ist, die Folgen der frühen Reife sind umso bekannter: Dazu zählt durch den gesteigerten Östrogenspiegel ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Betroffenen haben zudem im Schnitt früher Sex, was Teenagerschwangerschaften immer wahrscheinlicher macht. Und sie neigen zu psychischen Problemen wie Essstörungen oder geringem Selbstwertgefühl.
Letztere werden schon in der Kindheit ausgeprägt: Die Mädchen leiden unter ihrer geraubten Kindheit, ohne überhaupt zu wissen, was mit ihnen passiert, wie Christian Hanckel erklärt. Der pensionierte Schulpsychologe aus Heidelberg weiß, was in den Mädchen vorgeht. Vor allem, wenn man auf dem Schulhof oder in der Klasse von den Mitschülern dafür gehänselt wird. «Das ist die erste Lebenskrise», so Hanckel.
Eine Krise, die es mit viel Fingerspitzengefühl zu lösen gilt – sei es von den Eltern als auch den Lehrern sowie Schulpsychologen. «Erkennen die Eltern, was mit ihrem Kind passiert, so sollten sie mit ihm ganz ruhig über die Pubertät reden. Man muss ihm klar machen, dass ein spannender Prozess einsetzt – ein Schritt zu mehr Selbständigkeit und zum Erwachsenwerden», macht der ehemalige Schulpsychologe deutlich.
Das Kind ist nicht krank
Das A und O sei es dem Heidelberger zufolge, vollkommen zu seinem Kind zu stehen und nichts zu vertuschen. «Ganz falsch wäre es, den Nachwuchs von einem Arzt zum nächsten zu schicken. Hier wird dem Kind vermittelt, dass es krank ist. Das setzt es zusätzlich unter psychischen Druck», appelliert Hanckel. Hierbei kann es ratsam sein, dass die Eltern ohne ihr Kind ein Gespräch mit dem Hausarzt ihres Vertrauens führen, die Symptome schildern und sich beraten lassen.
Die passende Unterstützung muss aber nicht nur im familiären Umfeld gewährleistet sein: «Sobald die Lehrer bemerken, dass eine Schülerin wegen der frühen Pubertät gehänselt wird, sollten sie das Mädchen ansprechen und das Problem zum Thema in der Klasse machen», rät Hanckel.
Doch es muss nicht immer Spott sein, der den Reifeprozess anzeigt: Ist bei den Schülern ein Leistungsabfall festzustellen, deute dies daraufhin, dass das Kind mit der Situation überfordert ist. «Ein Gespräch mit dem Schulpsychologen oder dem Sozialpädagogen - zusammen mit den Eltern - kann dabei helfen, sich auf die neue Situation einzustellen», sagt Hanckel.
ham/reu/news.de
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