«Nach zwei Minuten ist alles vorbei»
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Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Artikel vom 28.07.2010
Ob Loveparade, Sheffield oder Mekka: Bei Massenpaniken ist eine Brustquetschung die häufigste Todesursache. Katastrophenmediziner Professor Hans Anton Adams erklärt die tödlichen Folgen.
Der Schock nach der Massenpanik in Duisburg sitzt noch immer tief: Bisher haben 21 Menschen bei der Loveparade ihr Leben verloren. Wie die Obduktion am Dienstag ergab, starben 20 Raver an den Folgen einer Brustkorbquetschung. Beim 21. Todesopfer - eine 25-Jährige aus der Nähe von Essen, die in der Nacht zum Mittwoch verstarb - ist die Ursache noch nicht erwiesen. Tendenz: dasselbe Schicksal.
Die Pathologen sorgten mit der Obduktion zwar für Gewissheit – gerade im Hinblick auf die Vermutung, dass die Besucher durch Stürze ums Leben kamen. Aber man hätte es auch schon vorab vermuten können, wie Professor Hans Anton Adams aus Hannover erklärt. Denn: Kommt es zu einer Massenpanik, ist eine Brustkorbquetschung laut dem Experten von der Stabsstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin der Medizinischen Hochschule in Hannover «offenkundig die häufigste Todesursache».
Der Mensch erstickt dabei, was zum tödlichen Kreislaufstillstand führt. Ein instabiler Brustkorb kann durch zwei Arten entstehen: Entweder durch eine offene Verletzung, beispielsweise ein Messerstich, der die Lunge kollabieren lässt, oder geschlossen durch stumpfe Gewalt und somit Quetschungen. Letzteres war in Duisburg der Fall.
Durch den Druck kann man nicht mehr atmen
«Durch den Druck der Masse auf den eigenen Körper wird der Brustkorb so zusammengedrückt, dass man nicht mehr einatmen kann», erklärt Adams. Das Problem: Beim Einatmen dehnt sich normalerweise die Brustkorbwand. Wird dies durch den Druck von außen verhindert, kommt kein Sauerstoff mehr in die Lunge. Adams vergleicht die Atemnot mit dem Tauchen ohne Sauerstoffflasche: «Nach zwei Minuten ist alles vorbei.»
Kann der Mensch nicht mehr einatmen, nimmt der Sauerstoff im Blut ab. Zudem sammelt sich nicht abgeatmetes Kohlendioxid im Gewebe und Blut an. Die Folge: Man wird bewusstlos.
Und das passiert bereits im Stehen. Wer jedoch regungslos zu Boden fällt, wird von der Masse erst recht erdrückt. Dies führt in der Regel zu weiteren Verletzungen beispielsweise am Kopf und Bauch, wenn andere Menschen über die Opfer hinwegtrampeln.
Herzverletzung und Rippenbrüche
Stichwort stumpfe Gewalt: Die Atemnot kann sich noch gefährlicher auswirken, wenn die Quetschungen zu Rippenbrüchen führen. «Bei diesen Frakturen kann es zu einem so genannten Pneumothorax, einem fehlenden Unterdruck im Brustfell, kommen. Dies hat zur Folge, dass die Lunge kollabiert», erklärt Wolfgang Wesiack. Dabei besteht Lebensgefahr, wie der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI) betont.
«Dazu kommt die Gefahr von Blutungen innerhalb der Brusthöhle, die einen lebensbedrohlichen Schock auslösen können. Ganz schlimm ist es, wenn auch noch der Herzbeutel verletzt wird und das Herz sich nicht mehr richtig füllen kann», fügt Wesiack hinzu.
Um den drohenden Tod zu verhindern, hilft den Patienten bei der Erstversorgung nur eines: «Luft. Da der eigene Körper sich diese nicht mehr beschaffen kann, ist er auf Fremdbeatmung angewiesen. Egal ob über Mund zu Mund, Beatmungsbeutel oder -gerät, nur dadurch wird der Gasaustausch wieder gewährleistet», sagt Adams.
In Duisburg kam diese lebensrettende Maßnahme für die Toten zu spät. Denn: Wer bei einer Großveranstaltung in der Masse kollabiert, hat schlechte Karten. Die Rettungskräfte können nur bedingt zu den Betroffenen durchdringen, wie Adams aus eigener Erfahrung als Notarzt weiß: «Es ist wie in einem Sumpf, in dem man sich nur zäh fortbewegen kann, um das schützende Ufer zu erreichen.»
Eine Massenpanik ist laut dem Katastrophenmediziner schwer zu kontrollieren. Denn es reicht, wenn einzelne das Gefühl haben, es wird eng. Sie kommen nicht mehr aus der Menge heraus und fangen an zu schreien – und stecken damit andere mit ihrer Panik an. «Wenn die Angst einen übermannt, hat das ungeahnte Ausmaße», so der Professor.
Um in Zukunft ein solches Schreckensszenario nicht noch einmal durchleben zu müssen, appelliert Adams, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dass dies in der Masse schwierig ist, weiß der Mediziner. Aber nur, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Der Experte spricht von «Besinnung auf Vorrat». Er vergleicht die Prophylaxe mit einer Schiffsfahrt. «Steigt man ins Boot, beschäftigt man sich meist mit der Schwimmweste – ohne zu vermuten, dass man sie braucht. Aber man ist vorbereitet.»
kat/news.de
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