So., 12.02.12

Langzeitstillen Verkehrte Welt

Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager

Artikel vom 16.07.2010

Sechs Monate Brust und dann ist Schluss. Zeit für Selbstständigkeit und Breichen. Der gesellschaftlich aufgesetzte Zeitplan für Babys ist häufig mit viel Geschrei verbunden. Mehr Vertrauen in die Bedürfnisse des Kind täten den Familien gut.

Eine Kaffeerunde. Der dreijährige Sohn einer Freundin flitzt um die Ecke, schmeißt sich auf Mamas Schoß, schiebt ihren Pullover hoch und bedient sich in seinem Milchdurst selbst. Wenn Mütter ihren Kleinen auch im Lauf- und Sprechalter noch Zugang zur Brust gewähren, löst das schnell Entsetzen beim Umfeld aus. 

Man ist es einfach nicht gewöhnt, eine Brust außerhalb des Schlafzimmers – oder der Medien – entblöst zu sehen. Selbst einen Säugling zu stillen löst bereits nervöse Blick und Unbehagen bei nichtstillenden Mitmenschen aus. Aber das hat man gelernt zu akzeptieren Babys gehören an die Brust. Egal wie unwohl sich das Umfeld dabei fühlt. Doch kann der Nachwuchs bereits durch die Gegend laufen und sprechen, ist bei der Selbstbedienung an Mamas Milchbar schnell die Toleranzgrenze erreicht.

Doch, was ist am Stillen von Kleinkindern so schlimm? In anderen Ländern ist das Säugen von Siebenjährigen normal. Nur in Deutschland wird den Babys mit sechs Monaten die Brust aus dem Mund gerissen und der Plastiklöffeln hinein geschoben. Da können die Kleinen noch so laut und herzzerreißend schreien. Geben sie keine Ruhe, wird ihnen Manipulation und verwöhnte Tyrannei vorgeworfen. «Stellt dich nicht so an», heißt es dann, «das Breichen schmeckt doch prima».

Aus diesem Malheur scheint kein Entkommen. Lassen sich Mütter auf die Bedürfnisse ihres Sprößlings ein, wird ihnen vorgeworfen, sie geradezu sexuell zu missbrauchen. Der Druck von Ärzten, Hebammen, Müttern, Freunden und Ratgeberbüchern ist groß, dem Kind doch bitte so schnell wie möglich den Schubs in die Selbstständigkeit zu verpassen. Welch verkehrte Welt, in der die adäquate Versorgung als Verbrechen interpretiert wird.

Ein bisschen mehr Vertrauen in die Instinkte der Mutter, was ihrem Kind und ihr selbst gut tut, würde einige Folgedramen mit wütend stampfenden Füßchen ersparen. Zahlreiche Studien zeigen es immer wieder: Länger gestillte Kinder sind sozialer und ausgeglichener. Logisch. Sie mussten ja nie verzweifelt um die mütterliche Nähe buhlen, sondern haben leicht liebevollen Zugang bekommen. Also: Ein bisschen mehr Toleranz bitte. Man kann ja dezent wegschauen, wenn einem sonst die gesellschaftliche Schamesröte beim Stillanblick ins Gesicht steigt.

ham/news.de
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