WM-Aus für Amateure Vom Bolzplatz auf den OP-Tisch

Die Fußball-Euphorie spornt viele Ex-Amateurkicker an, selbst wieder den Rasen zu betreten. Statt Tore folgen Verletzungen. Damit sorgen sie auch lange nach der WM für volle Wochenpläne von Sportorthopäden: Auch bei Dr. Christian Hensler.

Fußballverletzung (Foto)
Während der WM steigt die Zahl der Verletzungen im Amateurbereich enorm an. Grund: hoch motiviert, hoch untrainiert. Bild: istockphoto

Spielen Sie selbst Fußball?

Dr. Christian Hensler: Nein und ich habe es auch nie getan. Mir genügen schon die Fußballer, die zu mir in die Klinik kommen. Außerdem würde ich jetzt nicht mehr damit anfangen, da ich seit meinem dritten Kind nicht mehr im regelmäßigen Sporttraining bin und ich täglich sehe, wozu das führen kann. Und ich zähle zur Risikogruppe.

Was meinen Sie damit?

Hensler: Ich bin 46. Somit gehöre ich zur Generation «40 plus», die wie keine andere Altersgruppe extrem anfällig für degenerativ vorgeschädigte Risse ist. Der Fußball zählt zu den Risikosportarten. Nichts gegen Risiko, aber es muss kalkuliert sein. Und darin liegt das Problem, das sich gerade während der WM bei denen zeigt, die wieder kicken wollen: hoch motiviert, hoch untrainiert.

Warum ist das so gefährlich?

Hensler: Die WM spornt an, es noch einmal wissen zu wollen. Aber man kann selbst ab Mitte 30 nicht mehr erwarten, noch die gleiche Gewebeelastizität in Sehnen und Bändern zu haben wie im Jugendalter. Nach histopathologischenEs handelt sich dabei um eine krankhafte Veränderung des Gewebes. Gesichtspunkten fängt der Körper mit 20 Jahren an zu altern. Das Körpergewebe wird spröder und reagiert empfindlicher auf ruckartige Bewegungen. Wenn die Motivation größer ist als der Trainingszustand, sind schwerwiegende Verletzungen vorprogrammiert. Denn durch langjähriges Training gestärkte Sehnen und Bänder helfen, schwerwiegenden Verletzungen vorzubeugen. Zusätzlich sind biomechanische Reflexe verlangsamt - und damit auch die Schutzreflexe.

Kann man in Zahlen festlegen, wie viele Menschen WM-bedingt von Ihnen behandelt werden müssen?

Hensler: Ich führe keine Statistik. Meine Spezialgebiete sind die Behandlungen von Knie und Schulter. Da ich aber selten die Erstversorgung mache, sondern überwiegend das operativ Notwendige, kommt es bei mir zu zeitversetzten Häufungen. Das wird nach der WM passieren, denn dann landen auch die überregionalen Fälle bei mir, die mittels MRTMagnetresonanztomographie, umgangssprachlich auch als Kernspin bekannt, ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem die Struktur und Funktion von Gewebe und Organen dargestellt wird. Es ermöglicht eine präzisere Diagnose als das Röntgen. von externen Orthopäden diagnostiziert worden sind. Den spürbaren Anstieg sehe ich, wenn im Wochenplan bis zu 15 Knieband-Operationen auf einen Schlag vermerkt sind. Weitere Häufungen über das Jahr verteilt sind zu Beginn der Vereinssaison und im Winter  mit den Skiunfällen zu verzeichnen.

Was sind die größten Fehler, die die Möchtegern-Kicker begehen?

Hensler: Der Klassiker sind die unaufgewärmten Spieler, die von null auf 100 losrennen und abrupt abbremsen - wie es beim Bewegungsablauf von Sportarten wie Fußball, Handball und Tennis der Fall ist. Sofort in die Volllast zu gehen, ist pures Gift. Dies führt in vielen Fällen zu Muskel- und Sehnenverletzungen wie dem Achillessehnenriss, der eine sehr schwerwiegende Verletzung darstellt.
Bisweilen sind die Sehnenenden wie bei einem Seilriss so zerfetzt, dass die Enden nur noch schwierig zu rekonstruieren sind. Daher ist ein Aufwärmen und ein Sport mit Augenmaß obligat. Befolgen die älteren Hobbysportler das nicht, hat das oft schwerwiegende Konsequenzen, die weit über den Sport hinaus das Leben verändern können.

Inwiefern?

Hensler: Diese schweren Verletzungen führen nicht selten zu einer Alltagsinstabilität. Das heißt: Wenn bei Handwerkern, beispielsweise Zimmerern, ein absolut sicherer Stand unabdingbar, aber nicht mehr gegeben ist, kann dies eine Jobaufgabe und Umschulung zur Folge haben. Und das ist eine üble Angelegenheit.

Wo verletzen sich die Hobbykicker am häufigsten?

Hensler: Besonders anfällig bei Fußballern ist und bleibt das Knie, insbesondere das Kreuzband. Das Gemeine daran: Wie kürzlich in der Fachliteratur vorgestellt wurde, passieren 70 Prozent aller Kreuzbandrisse ohne Einwirkung des Gegners. Was auch interessant in dieser Studie zu lesen war: Frauen sind für diese Verletzungsform deutlich anfälliger.

Aber Frauen spielen doch weniger Fußball oder Handball?

Hensler: Natürlich betreiben weniger Frauen diese Sportarten. Statistisch gesehen haben sie aber mehr mit dieser Verletzung zu kämpfen. Das liegt am Bewegungsmuster. Beispielsweise beim Landen nach einem Sprung oder einem Antäuschen mit anschließendem Richtungswechsel wird das vordere Kreuzband maximal belastet. Frauen beugen bei der Landung nach einem Sprung zu wenig die Hüfte und das Knie und spannen umso mehr die Oberschenkelmuskeln an. Diese plötzliche Anspannung der Oberschenkelmuskulatur setzt das vordere Kreuzband unter maximalen Stress und kann reißen.

Welche Verletzungen gibt es sonst noch?

Hensler: Sprunggelenksverletzungen wie Risse des Außenbandes stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Doch die Behandlung ist eher eine Domäne der konservativen Sportmediziner, da man sie mit relativ einfachen Bandagen therapieren kann. Auch Prellungen und Muskelzerrungen sind häufig, aber die werden so gut betreut, dass wir nicht gleich das Messer zücken müssen.

Wie kann man sich am besten dagegen schützen?

Hensler: Ganz wichtig ist das Aufwärmtraining. Ein gemütliches Einlaufen bereitet Sehnen, Muskeln und Gelenke auf die kommende Belastung vor. Dadurch werden die Muskeln elastischer und reaktionsschneller. So wichtig das Warmmachen ist, hilft es gar nichts, wenn man sich nach der Anstrengung nicht vorsichtig und sanft dehnt. Schon ein einmaliges Stretching reicht da völlig aus. Das wirkt Muskelverkürzungen und Sehnenüberlastungen entgegen. Und bitte: Mit Bedacht den Sport ausüben. Ich habe schon sehr viele Patienten behandelt, die nicht «materialschonend» mit ihrem Körper umgegangen sind.

Ist eine Verletzung nun doch aufgetreten, was muss man tun?

Hensler: Erste Maßnahme: Pause, Ruhe gönnen. Dazu, wenn es um Muskeln geht, Kompressionen anlegen und kühlen. Und einen Facharzt aufsuchen. Im Vergleich zum normalen Hausarzt stehen ihm Geräte zur Verfügung, die eine schnelle Diagnostik möglich machen, um Folgeschäden zu minimieren.

Dr. Christian Hensler ist Sportorthopäde und arthroskopischer Chirurg am Klinikum Gengenbach. Dieses zählt zum Ortenau Klinikum, einem Verbund in Baden-Württemberg mit zahlreichen medizinischen Zentren an neun Standorten. Pro Jahr führt Dr. Hensler im Schnitt 1000 Eingriffe an Knie, Schulter, Ellenbogen und Sprunggelenk durch. 

ham/reu/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig