Von news.de-Redakteur Andreas Schloder - 25.06.2010, 11.11 Uhr

Impotenz: «Der Penis ist die Fahne des Herzens»

Sechs Millionen Deutsche sind laut Statistik impotent. Doch weil die fehlende Manneskraft tabuisiert wird, dürfte die Dunkelziffer weitaus höher liegen. Frauenärztin Dr. Verena Breitenbach erklärt, warum Frauen das Problem ansprechen und Potenzpillen gefährlich sind.

Jeder sechste Deutsche leidet unter fehlender Manneskraft. Das schlägt auf die Psyche. Bild: istockphoto

Impotenz, Erektionsstörung, erektile Dysfunktion: Was ist der Unterschied?

Breitenbach: Im Prinzip ist alles das gleiche. Kernproblem dieser ernsthaften Erkrankung ist es, dass der Penis nicht mehr steif wird oder nur schwach eregiert. Bei lang anhaltender Impotenz spricht der Arzt von erektiler Dysfunktion. Das hört sich einfach medizinisch gehoben besser an.

Ohne Ihnen als Gynäkologin nahe treten zu wollen: Warum sind Sie Expertin für männliche Impotenz?

Breitenbach: Genau darin liegt ja das Problem. Obwohl neueste Studien so weit gehen, dass fast jeder zweite Mann im Alter zwischen 40 und 70 Jahren eine Erektionsstörung hat, ist die Erkrankung immer noch ein Tabuthema. Das ist auch eine nachvollziehbare Hemmschwelle. Denn es kratzt nichts so sehr an der Männlichkeit wie eine erektile Dysfunktion.

Wer spricht dann das Potenzproblem an?

Breitenbach: Das sensiblere Gefühl für das Thema Gesundheit liegt immer noch in der Hand der Frau, die regelmäßiger den Arzt zur Routine aufsucht. In meinen Sprechstunden erzählen die Patientinnen oft von den Potenzproblemen ihrer Partner und fragen mich, was es zu tun gilt und ob ich den Männern ein Mittel verschreiben könnte.

Was kann die Erektionsstörung auslösen?

Breitenbach: Es gibt verschiedene Ursachen. Stress, Psyche und Partnerschaftsprobleme werden bis dato als Hauptgründe verstanden. Die spielen sicherlich auch eine Rolle, sind aber nicht Ursache Nummer eins.

Sondern?

Breitenbach: Der häufigste Grund ist eine Verkalkung der Blutgefäße - sei es durch Bluthochdruck, erhöhte Fettwerte oder durch Diabetes. Letztendlich machen all diese Krankheiten die kleinen Gefäße dicht und führen zu einer Durchblutungsstörung. Es kann aber auch sein, dass die Schwellkörper von den ableitenden Venen Lecks aufweisen, sodass das Blut wieder heraus fließen kann. Zudem können Nerven- und Rückenmarkschädigungen, die nach Operationen oder durch Medikamente auftreten, eine Erektion mindern.

Wenn vorwiegend organische Probleme für die Dysfunktion sorgen, wie sollte man das angebliche Tabu thematisieren?

Breitenbach: Indem man erklärt, dass die Störung eine Erkrankung ist, die nichts mit Männlichkeit und Attraktivität zu tun hat. Und es ist ein Warnzeichen für einen möglichen Herzinfarkt: Nicht umsonst wird der ‹Penis als Fahne des Herzens› bezeichnet.

Was meinen Sie damit?

Breitenbach: Die Durchblutungsstörungen resultieren aus einer Arterienverkalkung, die im Penis beginnt und bis zum Herzen führen kann - wenn man die Fettwerte nicht reduziert oder den Blutdruck senkt. Daher gilt, Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes, Stress, Alkohol- und Nikotinkonsum zu verringern beziehungsweise zu vermeiden.

Wenn der Mann die Erektionsstörung bemerkt, was sollte er tun?

Breitenbach: Ich rate immer, sofort einen Urologen aufzusuchen. Hier ist von größter Bedeutung, dass im Rahmen der Untersuchung eine gründliche Anamnese erstellt wird. Das passiert leider immer noch zu selten. Um, wie schon erwähnt, einem Herzinfarkt entgegenzuwirken, sollten sofort der Blutdruck und die Fettwerte gemessen werden. Idealerweise verweist der Urologe den Patienten zu einem Internisten, wo das Herz und die Schlagadern durchgecheckt werden. Beim Urologen selbst gibt es dann verschiedene Arten der Diagnose, beispielsweise mit Ultraschall, um die Dauer der Durchblutung im Penis zu messen. Aber auch eine nächtliche Tumaszenzmessung, in der analysiert wird, wie oft während des Schlafes eine Erektion beim Mann auftritt. Bei einem durchschnittlichen Mann kann dies bis zu sechsmal passieren.

Welche Therapieformen stehen zur Verfügung? Auf die Schnelle schießt einem eigentlich das Bild von den kleinen, blauen und eckigen Tabletten in den Kopf.

Breitenbach: In der Standardtherapie werden so genannte PDE-5-Hemmer eingesetzt. Da gibt es Unterschiede. Während Viagra bis zu zehn Stunden wirken kann, gibt es andere Medikamente, die durch ihre Dosierung bedingt bis zu 36 Stunden ihre Wirkung zeigen können. Aber wer hat schon so lange Zeit? Ärzte und Redakteure wahrscheinlich nicht. Bei allem darf aber nicht vergessen werden, abseits der Medikamente die Risikofaktoren für eine Arterienverkalkung zu vermeiden.

Zur Erektion: Heißt das salopp formuliert, dass man 36 Stunden lang mit einer Dauerlatte herumläuft?

Breitenbach: Nein. Das ist auch ein Irrglaube. Mit den Medikamenten wird nicht die Lust gesteigert, sondern nur die Erektion. Die Lust kann nur durch die Berührung der Partnerin ausgelöst werden.

Wie erfolgreich sind die Tabletten?

Breitenbach: Die Behandlung macht unheimlich viel aus. Für das Selbstwertgefühl der Männer sind die Tabletten ein Segen. Aber auch für die Partnerinnen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Sex befriedigender ist, wenn der Koitus, also der Akt des Beischlafes, vollzogen wird. Streicheln kann das nicht kompensieren.»

Gibt es aber trotzdem Nachteile?

Breitenbach: Wenn die Medikamente auf den Betroffenen richtig eingestellt sind, dann nicht. Es gibt aber einen entscheidenden Nachteil. Das sind die Kosten, die vom Patienten selbst getragen werden müssen. Weder Krankenkassen noch private Versicherungen bezahlen die Medikamente. Im Durchschnitt beträgt der Tablettenpreis für PDE-5-Hemmer rund 10 Euro.

Zu welchen Mitteln greifen die Betroffenen, um Kosten zu sparen?

Breitenbach: Weit verbreitet ist die Praxis, die Tablette buchstäblich zu teilen. Damit verringert sich aber auch die Wirkung. Das bringt also gar nichts. Viel gefährlicher ist es aber noch, die Medikamente über das Internet zu bestellen. Ich erhalte pro Tag bestimmt bis zu zehn dubiose E-Mails, in denen Viagra kostengünstig angeboten wird. Lassen Sie um Himmels willen die Finger davon! Die Produkte sind extrem riskant, da die Zusammensetzung hochgiftig ist. Die Pharmaunternehmen haben auf diese Fehlentwicklungen nun so reagiert, dass sie die Preise ihrer Produkte gesenkt haben. Und das ist gut.

Dr. Verena Breitenbach ist Fachärztin für Gynäkologie und führt eine Praxis bei Ulm. Bekannt wurde die Frauenärztin mit ihrer gleichnamigen Fernsehsendung auf dem Privatsender Pro Sieben (2002-2003). Zudem verfasst die Buchautorin Kolumnen und medizinische Beiträge für diverse Magazine.

ham/ivb/news.de

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