So., 12.02.12

Sinneswahrnehmung Schmecken will gelernt sein

Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager

Artikel vom 24.06.2010

Kinder mögen keinen Spinat. Und dass Kohlrabi gesund sein könnte, ist ihnen völlig schnuppe. Der Grund: Sie haben den Geschmack dafür einfach noch nicht entwickelt. Denn einen Geschmackssinn hat man nicht, man erlernt ihn.

Gut gemeinte Gesundheitserziehung in allen Ehren. Aber Studien mit Kindern haben gezeigt, dass es nicht helfe, wenn der Nachwuchs nur weiß, was gesund ist. «Wenn Kinder etwas nicht mögen, dann essen sie es nicht», sagt Kirsten Buchecker, Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie. Doch das heiße noch lange nicht, dass Eltern aufgeben und nur noch Bockwürstchen, Eierkuchen, Pommes, Kartoffelbrei und Fischstäbchen servieren sollten, nur damit es am Mittagstisch kein Geschrei gibt und der Teller auch ja leer wird. 

Denn der Geschmack der Kleinen muss sich erst ausbilden und erlernt werden. Das hat Buchecker bei einer Studie mit Kindern zwischen drei und zehn Jahren herausgefunden. Die jungen Probanden sollten verschiedene Flüssigkeiten nach ihrem Geschmack einordnen. Getestet wurden die Geschmacksrichtungen Süß, Salzig, Bitter und Umami, wie er durch den Geschmacksverstärker Glutamat entsteht. Verglichen wurde Wasser mit jeweils einer Lösung mit unterschiedlicher Konzentration der Geschmacksstoffe. Ergebnis: Je jünger die Kinder, desto höher musste die Konzentration sein, damit etwa Süße im Vergleich zu Wasser überhaupt wahrgenommen wurde.

Angeborener Geschmack?

So brauchten die Dreijährigen die höchste Konzentration, bis sich ein Unterschied bemerkbar machte. Selbst Achtjährige konnten erst bei der vierfachen Menge, die ein Erwachsener brauchen würde, erkennen, dass etwas ganz anders schmeckt.

Diese Beobachtung steht entgegen der bisherigen Annahme, dass der Geschmack angeboren sei, weil Neugeborene sogar über noch mehr Geschmackspapillen verfügen als Erwachsene. «Aber die sind anscheinend noch nicht so ausgebildet», vermutet Buchecker. Auch gibt es Studien, die belegen, dass bereits Ungeborene Vorlieben für bestimmte Speisen entwickeln, abhängig davon, was eine Mutter während der Schwangerschaft isst. Ein kluger Kniff der Natur. Denn das Kind mag so die Speisen, die es im Umfeld der Mutter gibt. Doch der Geschmack wird auch durch das Verhalten im Elternhaus weitergeprägt, sodass nicht klar ist, welcher Faktor anschließend für Vorlieben ausschlaggebend verantwortlich ist.

Interessant bei der Studie sei zudem, dass man im europäischen Ländervergleich große Unterschiede festgestellt hat. So reagieren italienische Kinder etwa viel eher auf Süße als deutsche. Die höchste Schwelle sei in Zypern und Belgien nötig gewesen, berichtet Buchecker. Das könnte darauf hindeuten, dass die täglichen Essgewohnheiten, die von Land zu Land verschieden sind, dafür verantwortlich sind, wie sich der Geschmackssinn entwickelt.

Elternhaus oder Gene?

Auch haben die Forscher Faktoren, wie etwa den Body-Mass-Index (BMI)Der Body-Mass Index – auch kurz BMI genannt – ist eine Maßzahl für die Bewertung der Körpermasse eines Menschen. Der Index wird benutzt um Unter-, Normal- und Übergewicht zu bestimmen. Er errechnet sich aus der Körpermasse in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. der Kinder in ihre Auswertung mit hinein genommen. Das Ergebnis: Übergewichtige Jungen und Mädchen können süßen Geschmack schon viel eher erkennen als ihre normalgewichtigen Altersgenossen. Was das genau bedeutet, wisse man allerdings noch nicht. Vermutet wird, dass dies entweder an genetischen Prägungen liegen könnte oder an Essgewohnheiten im Elternhaus.

Für Buchecker, die auch selbst Mutter ist, bedeuten die Ergebnisse, dass man Kindern nicht nur predigen sollte, dass Gemüse gesund ist, diese dann aber nicht serviert. «Es muss bestimmte Lebensmittel immer wieder geben, damit die Kinder sich daran gewöhnen und den Geschmack dafür entwickeln können», sagt sie. So müsste ihr eigener Nachwuchs immer mindestens einen Löffel von allem essen, erzählt Buchecker. Aber: Man dürfe dabei nie vergessen, dass dieses gesunde Essen immer mit etwas Positivem und nie mit Zwang verbunden sein darf, wenn man möchte, dass die lieben Kleinen sich etwa irgendwann für Kohlrabi begeistern sollen. «Emotionen werden häufig unterschätzt», weiß Buchecker und fügt hinzu: «Essen muss Spaß machen.»

sca/ivb/news.de
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Sinneswahrnehmung: Schmecken will gelernt sein » Gesundheit » Nachrichten

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