Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Luis hat Leukämie. Seit mehr als zwei Jahren kämpft der Vierjährige gegen den Blutkrebs. Sein einziger Wunsch: gesund werden und in den Kindergarten gehen. Doch dazu ist eine Stammzellspende nötig und die Bereitschaft möglichst vieler Menschen, ihm zu helfen.
Mit aufgedunsenem und blassem Gesicht liegt der kleine Luis im Krankenbett. Eine weiße Flüssigkeit tropft durch einen durchsichtigen Schlauch in seinen Arm. Sie soll den Feind im Blut des Vierjährigen abtöten. Luis hat Leukämie, auch Blutkrebs genannt, und kämpft verzweifelt gegen den Tod.
Ganz leise und scheinbar harmlos schleicht sich der Krebs in das Leben von Luis und seiner Familie. Noch im Herbst 2007 ist er ein fröhlicher, aufgeweckter Junge – der ganze Stolz seiner Eltern Jan und Elke. Doch plötzlich verändert sich alles. Immer wieder ist Luis erkältet, hat Fieber, fühlt sich unwohl. «Es war eine wahre Odysee durch die Kinderarztpraxen der Stadt. Alle tippten auf harmlose Infekte», sagt Jan Friedrichs. Doch die Infektionen klingen nicht ab. Eine Kinderärztin äußert schließlich den Verdacht auf Leukämie und schickt Luis und seine Eltern ins Uniklinikum Halle. Im Februar 2008 hören sie die schreckliche Diagnose: akute lymphatische Leukämie (ALL).
Die drei Worte gleichen einem Feuer-Inferno, das nicht zu löschen ist. Denn ALL ist eine besonders heftige Art von Blutkrebs, die unbehandelt innnerhalb weniger Wochen oder Monate zum Tod führt. Alle 45 Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch an Leukämie. Es ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems. Dabei vermehrt sich eine bestimmte Sorte der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) unkontrolliert. Zum Teil oder komplett unreife Leukozyten schwemmen vom Knochenmark ins Blut aus und siedeln sich in verschiedenen Organen des lymphatischen Systems oder im Körpergewebe an.
Das lymphatische System ist Teil des Immunsystems; zu den sogenannten lymphatischen Organen zählen zum Beispiel die Lymphknoten, die Milz und die Mandeln. Die erkrankten Blutzellen sind nicht funktionstüchtig. Die Vermehrung dieser Leukämiezellen im Knochenmark verdrängt dort die Blutstammzellen, die zur Bildung aller Blutzellen (rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen) befähigt sind.
Damit Luis versteht, was in seinem Körper geschieht, erzählt ihm Vater Jan von frechen Wichten, die ihr Unwesen in Luis' Blut treiben und ihn matt legen. «Klar, haben wir uns gefragt, warum es ausgerechnet unser Kind trifft», sagt Jan Friedrichs. «Luis war bei der Diagnose doch erst zweieinhalb Jahre alt, er hatte gerade angefangen zu leben und war so gerne in den Kindergarten gegangen.» Doch statt in den Kindergarten muss Luis ins Krankenhaus, wo ihm eine hoch dosierte Chemotherapie verabreicht wird.
Zwei Jahre erträgt der kleine Luis die Tortur. Im März 2010 scheint der Krebs besiegt. «Die Blutwerte waren ganz toll», erinnert sich Jan Friedrichs. Doch dann der Schock: Luis hat ein Rezidiv. Die Krankheit ist in ihrer ganzen Bösartigkeit zurückgekehrt. «Warum?», «Hat das Kind nicht schon genug gelitten?» Solche Fragen schießen den Eltern von Luis durch den Kopf. Fragen, auf die sie keine Antwort wissen. Ebenso ratlos reagieren sie auf Luis' Fragen, warum die frechen Wichte zurückgekehrt sind und ob er nun sterben müsse.
«Ich habe ihm erklärt, dass sich einige Wichte vor der Chemotherapie versteckt haben und jetzt aufs Neue ausgetrickst werden müssen», sagt Jan Friedrichs. Nur eine Transplantation gesunder Stammzellen oder gesunden Knochenmarks könne seinem Sohn helfen, wieder selbst eigenes, gesundes Blut zu produzieren, erklärt der 40-Jährige.
Eine Chance auf Heilung besteht jedoch nur, wenn Luis seinen «genetischen Zwilling» findet. Und da liegt das Problem: Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewebemerkmale zweier Menschen übereinstimmen, ist äußerst selten, weil es mehr als 2600 verschiedene Merkmale gibt, die wiederum in Abermillionen Kombinationen auftreten können. Bei häufigen Merkmalkombinationen findet sich ein passender Spender unter 20.000 Menschen, bei seltenen findet sich unter Millionen Menschen kein einziger.
Die Eltern kommen als Spender nur bedingt in Frage. Das haben Untersuchungen ergeben. Luis ist also auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen. Hier setzt die Arbeit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) an. Die gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Tübingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, für jeden Leukämiekranken einen geeigneten Spender zu finden. Mehr als zwei Millionen Menschen sind derzeit in der Datei registriert. 3578 von ihnen wurden 2009 tatsächlich zum Lebensretter und spendeten einem Patienten Knochenmark oder Stammzellen. Dennoch sucht jeder fünfte Leukämiepatient vergeblich einen passenden Spender.
«Es ist wie bei einem komplizierten Puzzlespiel mit Millionen von Teilen - deshalb ist es wichtig, genügend geeignete Stammzellspender zu finden», sagt Jan Friedrichs. Seine Kollegen von der Unister GmbH haben bereits eine Hilfsaktion gestartet und die Mitarbeiter des Leipziger Unternehmens dazu aufgerufen, sich registrieren zu lassen. «Mittlerweile ist es so einfach, auf dem Postweg DKMS-Spender zu werden. Der Gang zum Arzt mit Blutentnahme wurde abgelöst von zwei Wangenabstrichen, die mittels Wattestäbchen selbst zu Hause durchgeführt werden können», heißt es in dem Aufruf.
Die Resonanz auf den Aufruf ermutigt Jan Friedrichs und seine Frau, den schweren Weg weiter zu gehen. Er hofft, dass sich viele Menschen registrieren lassen – ob in Leipzig oder anderswo in Deutschland. «Denn jeder, der sich typisieren lässt, kann zum Lebensretter von Luis oder einem anderen Leukämiepatienten weltweit werden», sagt Jan Friedrichs.
Bislang hat sich kein passender Spender für Luis gefunden. «Ohne ein Wunder, wird er seinen fünften Geburtstag nicht erleben», sagt Jan Friedrichs. «Alles, was mein Junge sich wünscht, ist wieder in den Kindergarten zu gehen.»
Weitere Infos gibt es im Internet unter www.dkms.de; die DKMS bietet auch eine Seite an, auf der man sich online registrieren lassen kann.
ham/reu/news.de
Bin typisiert und warte darauf, helfen zu können. Wäre toll, wenn ich könnte. Drücke dem kleine Luis die Daumen.
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