Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager - 16.06.2010, 11.36 Uhr

Paruresis: Es einfach laufen lassen? Unmöglich!

Angst vor öffentlichen Toiletten? Das hört sich banal an. Doch diese soziale Phobie kann den Alltag zur Hölle machen. Christof K. hat inzwischen einen Weg gefunden, mit ihr umzugehen, während Vanessa W. immer wieder daran verzweifelt.

Es will einfach nicht laufen. Paruretiker können vor lauter Angst auf öffentlichen Toiletten einfach nicht Wasser lassen. Bild: istockphoto

«Ich würde mir am liebsten dauerhaft einen Katheder legen lassen», sagt Vanessa W. Die 34-Jährige kämpft seit ihrer Kindheit mit der Angst, auf öffentliche Toiletten gehen zu müssen. «Ich denke oft, mein Leben ist nicht mehr lebenswert», sagt sie. Denn so banal sich ihre Erkrankung auch anhört, so sehr schränkt sie ihr tägliches Leben ein. Jeder Schritt will gut geplant sein. «Wenn ich weiß, dass ich in einer Woche irgendwo hingehe, wo ich vielleicht auf eine andere als die eigene Toilette gehen müsste, dann bekomme ich vorher schon Panik», so Vanessa W.

Ihr Problem: Auf öffentlichen Toiletten kann sie häufig nicht Wasser lassen. Da spielt es kaum eine Rolle, wie voll die Blase ist. Selbst wenn der Druck bereits Schmerzen verursacht, kann sie es einfach nicht laufen lassen. Das hat bereits zu einer krankhaft vergrößerten Blase geführt. Innengefäße sind geplatzt. Immer wieder bleibt etwas Restharn zurück. «Ich kann sie gar nicht mehr komplett entleeren.» Weder Ärzte noch Psychiater konnten ihr bisher helfen.

FOTOS: Phobien Die Welt ist besessen von Ängsten

Auch Christof K. ist jahrelang von Ärzten ohne Befund nach Hause geschickt worden. Und dass, obwohl er mit übervoller Blase sogar zweimal im Krankenhaus landete und selbst zu Hause keine Erleichterung mehr möglich war. «Ich weiß zwar nicht mehr, wie viel genau damals über den Katheder ablief», sagt er. «Aber es war hart an der Grenze des Möglichen.»

Während einer dieser Krankenhausaufenthalte wurde sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit. «Mir wurde die Blase befüllt und es standen mehrere Ärzte um mich herum», erinnert sich der 34-Jährige und schüttelt heute noch den Kopf bei dem Gedanken daran. «Und dann sagte einer ‹Und jetzt lassen Sie einfach mal los›.» Dass er genau das aber nicht konnte, hätten die Ärzte damals nicht verstanden. Sein Zustand habe sich anschließend sogar verschlimmert. Damals war Christof K. 18 Jahre alt.

«Das Internet war mein Lebensretter»

Nicht zu wissen, was man hat, sei das Schlimmste gewesen. Er habe viele Vermeidungsstrategien entwickelt und seine Freunde immer wieder angelogen. Er habe Bauchschmerzen und müsse deshalb die Party oder das Kino sofort verlassen. Oder er nahm bei Veranstaltungen einfach nicht teil. Das sei auf viel Unverständnis gestoßen. Schließlich wusste niemand, was ihn wirklich quälte.

Besserung kam erst mit dem Wissen um die eigene Krankheit. «Das Internet war mein Lebensretter», sagt K. heute. Denn dort stieß er auf das Wort Paruresis und auf die Workshops, die sein Leben verändern sollten. Sie wurden initiiert von Steven Soifer, der sich in den USA dafür stark macht, die Erkrankung bekannter zu machen.

Auch Vanessa W. empfand es als große Erleichterung, als ihre Qualen über einen Artikel im Spiegel 2004 endlich einen Namen bekamen. Sie habe im Internet recherchiert und sich in Foren mit anderen Betroffenen ausgetauscht. Dann fand sie das Buch Lass es laufen! von Dr. Philipp Hammelstein und die darin beschriebene Konfrontationstherapie, die auch Christof K. bei den Workshops ein normales Leben ermöglichen sollte.

Von einem Psychotherapeuten zum nächsten

Doch anstatt sich nun langsam zum Weg der Besserung vorzukämpfen, begann eine lange Odyssee durch die Büros der Psychotherapeuten. «Ich bin immer mit dem Buch in der Hand dorthin gegangen und hab gesagt, das habe ich und so möchte ich behandelt werden», erzählt Vanessa W. Ohne Erfolg. Eine vorerst willige Therapeutin machte die Situation mit nur halbherzig durchgeführten Übungen sogar noch schlimmer. «Jetzt übe ich immer alleine», sagt Vanessa W.

Aber das ist eigentlich nicht Sinn des Ansatzes. Bei den Workshops, an denen Christof K. inzwischen schon mehrere Male teilgenommen hat, legt jeder Paruretiker Situationen, die ihm Schwierigkeiten bereiten, nach einer Skala fest. Die Stufe 1 könne etwa sein, dass man sich alleine in einem Hotel im vierten Stock befinde, alle Türen sind geschlossen und unten in der Lobby wartet jemand. Schon das kann Druck bewirken. Gemeinsam mit einem sogenannten «Pee Buddy» (zu deutsch: Pinkelkumpel) werden die Situationen nach und nach kreiert, wobei der Übende immer die Kontrolle über die Situation behält und sie mit seinem Partner inszenieren kann.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Christof K. seine Krankheit in den Griff bekam

Christof K. hat es mit dieser Methode sogar geschafft, in ein Pissoir zu urinieren, während die Tür zum Flur offen war und mehrere Leute davor standen. «Das war großartig», erzählt er stolz. Aber: Die Situation beim Workshop sei natürlich nicht mit dem wahren Leben zu vergleichen. «Alle wissen dort, wie es dir geht. Alle wissen, was Paruresis ist und sind selbst betroffen», so Christof K. Kleine Rückschläge im Alltag sind somit erstmal Normalität.

Dennoch haben die Erfolgserlebnisse ihm geholfen, sein Leben so sehr im Griff zu haben, dass er heute beim Kabinenpersonal einer Fluggesellschaft Langstreckenflüge begleiten kann. Unbewusst habe er sich aber immer Berufsfelder gesucht, in denen er mit seiner Angst auf Konfrontationskurs gegangen sei. «Das war oft sehr schwierig.» Aber er sei sich im Klaren gewesen, sollte er die Kontrolle über die Situation auch im Job völlig verlieren, «dann ist mein Leben vorbei».

Vanessa W. ist noch lange nicht an diesem Punkt angekommen. Doch auch sie feiert immer wieder kleine Erfolgserlebnisse. So kann sie vor allem dann unter schwierigen Umständen ihre Blase entleeren, wenn ihr Ehemann bei ihr ist, sie ablenkt und tröstet.

Wenn die beiden ihrem größten Hobby – Festivals und Konzerte – nachgehen, dann halten sie gemeinsam nach günstigen Toiletten Ausschau. Entscheidende Kriterien sind, wie laut es dort ist, wie viele Kabinen es gibt, wie geschlossen diese sind, wie viele Leute da ein- und ausgehen und ob sie direkt vor der Kabine oder in einem Vorraum warten, wenn sie anstehen. «Das überschattet dann manchmal die ganze Veranstaltung», bedauert die 34-Jährige. Doch jemanden, mit dem sie die Konfrontationstherapie gezielt umsetzen könnte, hat sie noch nicht gefunden.

Offener Umgang mit Freunden

Beide Paruretiker können nach jahrelangem Versteckspiel heute offen über ihre Krankheit reden. Auch im Bekanntenkreis wissen alle Bescheid. Damit fällt zumindest der Druck weg, Angst davor haben zu müssen, was die anderen denken könnten, wenn man nach zehn Minuten immer noch nicht aus der Klokabine wieder aufgetaucht ist.

Christof K. ist davon überzeugt, dass er seine Probleme vor allem überwunden hat, weil die Bewertung des Problems im Kopf nicht mehr Überhand nimmt. «Man stellt sich in solchen Panikmomenten vor, dass jemand die Tür aufbricht, wenn man zu lange das Klo besetzt», beschreibt er die Gedankengänge, die diese Intimsphäre bedrohen. «Aber das ist in der Realität ja gar nicht so.» Auch das Gefühl, kein richtiger Mann, sondern ein Freak zu sein, nur weil er nicht überall sofort urinieren kann, hat er inzwischen von sich wegschieben können. Er gehe viel entspannter mit dem Thema um. «Wenn es mal nicht geht, dann führe ich mir vor Augen, dass ich diese Krankheit eben habe, akzeptiere das und versuche es einfach nochmal ein bisschen später.»

Christof K.s größtes Anliegen ist, dass Paruresis bekannter wird, damit die vielen Betroffenen daheim nicht mit ihren Problemen und ohne Befund verzweifeln. Gerade Urologen müssten sich dieser sozialen Phobie bewusster werden. Denn: «Wenn man etwas mit der Blase hat, dann geht man zum Urologen», so Christof K. Liegt kein organisches Problem vor, sind die Patienten auf sich allein gestellt.

Der nächste Workshop von Steven Soifer findet vom 17. bis 19. September in Speyer statt.

ham/reu/news.de

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