Leichtfertige Beliebigkeit
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Artikel vom 11.06.2010
Tätowierungen bedeuteten früher einmal Individualität und Abgrenzung vom Mainstream. Sie standen für eine bestimmte Lebenseinstellung. Das ist vorbei. Der Tintenschmuck ist allgegenwärtig. Eine traurige Entwicklung.
Ob man sich ein Tattoo stechen lassen wollte, musste man sich früher sehr genau überlegen. Auch dem Motiv wurde einige Bedenkzeit zugestanden. Es war nicht nur Körperschmuck, sondern ein Statement. Ein Bekenntnis. Eine Lebenseinstellung. Wer ein Tattoo trug, der gehörte meist einer bestimmten Gruppe an und wollte, dass dies alle wissen. Den Rockern. Den Seefahrern. Den Fernfahrern. Es war eine nach außen getragene Rebellion gegen das Spießbürgertum. Wer sich stechen ließ, wollte auf keinen Fall in einer Bank arbeiten. Da gehörte er einfach nicht hin.
Damals kam man sich bereits verrucht und verwegen vor, wenn man sich auf dem Schulhof aus der Bravo die Aufklebetattoos wie eine kleinlaute und heimliche Kriegserklärung gegen die Erwachsenen auf den Oberarm klebte. Doch die Zeiten, als ein Tattoo noch für Individualität stand, sind endgültig vorbei. Nicht nur weil sich inzwischen so viele Menschen mit Tinte verzieren, so dass eine echte Aussage unmöglich wird. Sondern weil es eben keine Entscheidung mehr für die Ewigkeit ist. Es ist nur noch eine Frage des Geldes.
Die Lasertechnik in allen Ehren. Aber ich wünsche mir die Zeit zurück, als man noch nicht so leichtfertig mit der Verzierung seiner Haut umgegangen ist. Es ist ja ganz prima, dass Tattoos auch ohne Infektionen und große Narben, die dann wiederum anfälliger für Hautkrebs sind, entfernt werden können. Doch ab und zu müssen Konsequenzen auch schmerzhaft sein, um ernst genommen zu werden und Achtsamkeit zu erziehen.
Im Zeitalter des Lasers wird die Tattookultur leichtfertig und beliebig. Sie verlockt dazu, sich Modetrends einfach hinzugeben, unbedacht zu konsumieren und Konsequenzen nicht mitzudenken. Das mindert nicht nur die Bedeutung der Tinte für die fasziniernde Subkultur der «echten» Tattooträger, sondern unterstützt eine Kultur der Gleichgültigkeit. Nun muss ja nicht wieder die alte narbenbringende Hautfräse auf den Plan gebracht werden, um den Tattoos ihren Sinn zurückzugeben. Aber die Kosten der Entfernung sollten noch um einiges nach oben geschraubt werden, um leichtfertiges Handeln mit hohem Lehrgeld zu quittieren.
mik/ham/ivb/news.de
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Tattoos zu entfernen, ist für die Haut kein Risiko mehr. Nur das Konto leidet unter dem mehr ...
Untersuchungen belegen: Viele Frauen wollen ein Arschgeweih. Ein Interview über den Drang zur mehr ...
Tattoos aus der Schmuddelecke zu kriegen, versucht auch das Fernsehen. Tattoo-Künstler aus den USA sind echte Stars. Anders ihre mehr ...