Maden Krabbelnde Chirurgen

Kein schöner Anblick, dafür aber umso erfolgreicher: die Madentherapie. Die Larven werden als letztes Mittel der Wundheilung eingesetzt, um Patienten vor einer Amputation zu bewahren. Die Methode ist wieder auf dem Vormarsch - das Geschäft mit den Insekten boomt.

Maden gegen Amputation (Foto)
Die Madentherapie ist oft die letzte Lösung, um eine Amputation zu verhindern. Bild: dpa

Im hermetisch abgeriegelten Labor von Medifly in Singapur stinkt es gewaltig. Vergammelnde Klumpen von rohen Schafsherzen liegen auf dem Tisch. Wer näher hinsieht, entdeckt die winzigen weißen Pünktchen darauf: Eier, die Fliegen dort abgelegt haben. Der Laborassistent nickt zufrieden: Dort wächst das Kapital heran, mit dem die Firma Geld macht und Menschenleben rettet.

Die Maden, die aus den Eiern schlüpfen, tummeln sich demnächst in Menschenfleisch - ärztlich verordnet. Sie fressen totes und krankes Gewebe, und säubern so Wunden, die nicht heilen wollen. Den Patienten bleibt sonst oft nur noch die Amputation  - beispielsdweise bei Diabetikern oder Patienten, die sich im Krankenhaus sogenannte multiresistente Erreger (MRSA) eingefangen haben, gegen die kein Antibiotikum hilft. Maden können dann die letzte Rettung sein. «Bei unserem Start 2007 haben wir 14 Patienten behandelt, deren Gliedmaßen die Ärzte aufgegeben hatten - die Hälfte konnte nach zwei Monaten von der Amputationsliste gestrichen werden», sagt Mediflys Generalmanager Donny Lim.

Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist die eigentlich alte Madentherapie in den vergangenen Jahren wieder in Mode gekommen. In Asien steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen, weil das Getier als zu ekelig empfunden wird. Aber die Wissenschaftler aus Singapur dringen mit Medifly-Maden jetzt an die vorderste Madenforscher-Front: Ob Maden-Fürze besondere antibiotische Qualitäten haben, hat eine Gruppe jetzt untersucht. Die Antwort: ja.

Die Madentherapie ist eigentlich uralt: die Ureinwohner Australiens und die Maya in Mittelamerika haben damit schon geheilt. Im Ersten Weltkrieg entdeckte ein britischer Feldarzt die Heilwirkung, als schwer verwundete Soldaten nach tagelangem Transport mit Wunden voller Maden in seinem Lazarett landeten. Er sah zu seinem Erstaunen, dass ihre Wunden blitzsauber waren und in Kürze zuheilten. Die Entwicklung von Antibiotika war der Niedergang der Madentherapie - bis Ärzte sich angesichts Antibiotika-resistenter Erreger in den 1990er Jahren wieder auf die alten Methoden besannen.

Bei Medifly sind ständig zehntausende Fliegen in der Züchtung. Sie sitzen in 37 Glaskästen, die in einer Glaskammer stehen, abgedichtet und mit Doppeltür versehen, damit auch keine entfleuchen kann - und der Gestank unter Kontrolle bleibt. Lims Mitarbeiter suchen sich alle zehn Generationen einen neuen Ur-Vater und eine Ur-Mutter. «Zu viel Inzucht ist nicht gut», sagt er. Die Fliegen werden in der Nähe des Zoos oder von Märkten in Käfige gelockt. Verwendet wird nur die Art «Lucilla cuprina». 

Nach dem Fressen folgt das Sterben

Die Eier auf dem Fleisch werden sterilisiert, ehe die winzigen Maden nach 18 Stunden schlüpfen. Rund 200 der ein bis zwei Millimeter winzigen Madenbabys kommen in sterile Fläschchen mit Nährlösung und werden an Krankenhäuser geliefert. Dort kommen sie entweder direkt in die Wunde, oder in eine Art Teebeutel, um nicht auszubüchsen. Die Tiere scheiden ein Verdauungssekret aus, dass das tote Gewebe verflüssigt, und saugen dieses Gemisch dann auf. Nach zwei, drei Tagen werden die vollgefressenen Maden, inzwischen bis zu acht Millimeter lang, abgenommen und in Alkohol ertränkt.

Was genau die Maden zu so zuverlässigen Wundhelfern macht, ist noch nicht vollends geklärt. Nicht nur das Verdauungssekret hat antibiotische Eigenschaften, wie Wissenschaftler festgestellt haben, auch der Furz, wiesen die Singapurer jetzt im Laborversuch nach: Die Maden-Gaswolke hemmt das Wachstum der Bakterien, die die Wundheilung verhindern. Medifly denkt schon weiter: «Lässt sich vielleicht ein Spray herstellen, das statt Maden auf die Wunden kann?» sagt Lim. «Wir arbeiten daran.»

sca/ham/news.de/dpa

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