20.06.2010, 08.07 Uhr

Körperbeschwerden: Schmerzen, aber kein Befund

Oft liegt ein langer Leidensweg hinter ihnen und sie sind von Arzt zu Arzt weitergereicht worden: Fast jeder fünfte Patient verlässt die Praxis, ohne dass seine schmerzhaften Symptome mit einer körperlichen Ursache erklärbar sind. Dann hilft oft eine Verhaltenstherapie.

Nicht jeder Schmerz hat eine körperliche Ursache. Gibt es keinen klaren Befund, kann eine Verhaltenstherapie helfen. Bild: ddp

Rücken-, Kopf-, Nacken- oder Gelenkschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel oder Atemnot: Medizinisch unklare Körperbeschwerden können ganz unterschiedlicher Natur sein. Auch Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Durchfall, Verstopfung und Speiseunverträglichkeiten gehören dazu, genauso wie eine schmerzhafte Periode bei Frauen, Lähmungserscheinungen, Hautirritationen, Seh- und Hörprobleme.

«Diese Körpersymptome haben dann auch häufig Folgeerscheinungen wie sexuelle Gleichgültigkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen, Depressionen und Beeinträchtigungen im sozialen Leben», erklärt die Mainzer Psychologin Ann Christin Krämer. Dabei ist das Auftreten von körperlichen Missempfindungen nichts Ungewöhnliches. Wenn die Beschwerden jedoch zunehmend das Leben bestimmen, sollte eine Psychotherapie in Betracht gezogen werden.

Kein Befund vom Arzt

In der Verhaltenstherapie sollen Strategien entwickelt werden, um mit den körperlichen Beschwerden besser zurechtzukommen und die Lebensqualität zu verbessern. Laut neuen wissenschaftlichen Untersuchungen hat insbesondere die verhaltenstherapeutische Behandlung medizinisch unklarer Beschwerden, medizinisch korrekt  «somatoforme Störungen» genannt, gute Erfolgsaussichten.

Voraussetzung für die Therapie ist eine Bestätigung vom Arzt, dass kein organischer Befund vorliegt. Wenn körperliche Beschwerden diagnostiziert wurden, dürfen diese nicht die Art und das Ausmaß der Symptome, das Leiden und die innerliche Beteiligung des Patienten erklären. «Die Beurteilung ist oftmals sehr schwierig, da müssen wir uns ganz auf den Arzt verlassen», sagt Krämer.

Auch andere psychische Erkrankungen spielen bei der Entscheidung für oder gegen eine Verhaltenstherapie eine Rolle. «Wenn jemand unklare Körperbeschwerden aufweist, jedoch beispielsweise eine schwere Depression im Vordergrund steht, wird dem Patienten die Behandlung der Depression empfohlen. Aber wenn die Körperbeschwerden im Vordergrund stehen, beispielsweise ein Patient klagt: ‹Ich habe ein Reiz-Darm-Syndrom, vor allem in Stresssituationen, ich kann es kaum noch aushalten, dadurch nicht mehr schlafen›, dann könnte er in unseren Behandlungsschwerpunkt passen», erklärt Krämer.

Sehr viele Sorgen um die Gesundheit

Patienten mit unklaren Körperbeschwerden bewerten ihre Symptome oft negativ verzerrt, machen sich sehr viele Sorgen um ihre Gesundheit und die möglichen Folgen der Beschwerden. «Das primäre Problem bei somatoformen Störungen besteht darin, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit sehr stark auf ihren Körper beziehungsweise körperliche Veränderungen und Empfindungen ausrichten», erklärt Krämers Kollegin Maria Kleinstäuber.

«Die Gedanken kreisen ständig um den eigenen Körper, so dass der Betroffene sich kaum auf andere Aspekte konzentrieren kann. Diese Aufmerksamkeitsfokussierung verstärkt wiederum die körperlichen Beschwerden.»

Die meisten Betroffenen entwickeln dann ein Schonungs- beziehungsweise Vermeidungsverhalten, um die Symptome zu reduzieren. «Einige Betroffene nehmen zum Beispiel nur noch bestimmte Körperhaltungen ein, in der Hoffnung, ihre Schmerzen zu lindern», berichtet Kleinstäuber. Viele vermeiden Sport und körperliche Aktivität, und ziehen sich aus ihren sozialen Aktivitäten zurück.

Kurzzeittherapie in 25 Sitzungen

Die Kurzzeittherapie, die die Ambulanz für Psychotherapie anbietet, umfasst fünf  Probe- und 20 Einzeltherapiesitzungen von je 50 Minuten. «In den Probesitzungen lernt man sich besser kennen und baut eine therapeutische Beziehung auf», erklärt Krämer.

Ein wichtiger Teil dieser ersten Phase sei es, realistische Erwartungen aufzubauen und dabei immer wieder die Rolle des Patienten deutlich zu machen, der einen ganz aktiven Teil mittragen soll. Bisher haben 40 Patienten die Kurzzeittherapie zu medizinisch unklaren körperlichen Beschwerden in Mainz in Anspruch genommen, im Schnitt waren sie 40 Jahre alt, überwiegend waren es Frauen.

«Betroffene mit unklaren Körperbeschwerden ziehen sich oft zurück, weshalb wir in der Verhaltenstherapie versuchen, Aktivitäten zu finden, die ihnen früher Spaß gemacht haben und überlegen gemeinsam, wie man sie wieder in den Alltag integrieren könnte», erklärt Krämer. Die Aktivitäten soll der Patient zwischen den einzelnen Therapiesitzungen austesten. Eine konkrete Aufgabe könne beispielsweise sein, jeden Tag eine halbe Stunde joggen zu gehen.

kat/sca/news.de/ap

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