Sa., 26.05.12

Tag der Organspende 05.06.2010 «Warum ich?»

Organspende (Foto)
Nur ein Drittel aller 12.000 Patienten hat das Glück, ein Spenderorgan zu bekommen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Andreas Schloder

«Das Spenderorgan ist da»: Über 12.000 Patienten in Deutschland fiebern Tag für Tag dieser erlösenden Nachricht entgegen. Doch nur ein Drittel erhält sie. Christiane Oehmichen ist eine davon. Nach ihrer erfolgreichen Transplantation betreut sie Patienten, um sie vor und während der Organspende zu unterstützen.

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Wer die 27-Jährige zum ersten Mal sieht, mag es kaum glauben, dass die Leipzigerin in letzter Minute dem Tod entkommen ist. Erst der Mundschutz, den sie grundsätzlich zur eigenen Sicherheit während ihrer Arbeit im Leipziger Herzzentrum aufsetzt, lässt ihren Leidensweg erahnen. Oehmichen betreut seit zwei Jahren bis zu 50 Patienten pro Jahr, die auf ein passendes Spenderorgan warten. Zudem hält sie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organstransplantation (DSO) Vorträge in Schulen, um die Bevölkerung für dieses heikle Thema zu sensibilisieren. «Meine eigene Geschichte erlebe ich jeden Tag aufs Neue», schildert die 27-Jährige.

Die Leipzigerin hat von Geburt an Mukoviszidose - eine genetische Stoffwechselkrankheit, die zunehmend die Lungenflügel verschleimen lässt und meist zu einem tödlichen Organversagen führt. «Bis zu meinem 15. Lebensjahr hat die Krankheit nicht meinen Alltag bestimmt», erinnert sich Christiane. Dann aber griff diese immer stärker ihre Lunge an. Trotz Antibiotika, Schleimlöser und anderer Therapieformen war die Krankheit nicht aufzuhalten. Die Folge: Sie konnte ihr Abitur nicht machen, genauso wenig ihre anschließende Ausbildung als Ergotherapeutin beenden.

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Warteliste ist ein «Teufelskreis»

Als 2005 eine Influenza ihre Lunge zusätzlich stark schwächte, wurde Christiane erstmals auf die Transplantationsliste gesetzt. Bei Mukoviszidose ist eine neue Lunge die letzte und einzige Option, um weiterleben zu können. «Genau ein Jahr später hatte ich dann schon die höchste Dringlichkeitsstufe», erinnert sich die heute 27-Jährige. Dieser Status bedeutet: Innerhalb von 72 Stunden soll das passende Organ gefunden und transplantiert werden.

Eigentlich: Denn mittlerweile müssen Patienten bis zu einem halben Jahr auf eine Spende warten. Ein Teufelskreis, wie Oehmichen ihn bezeichnet. «Es werden immer mehr auf die oberste Stufe gesetzt, um möglichst schnell ein neues Organ zu erhalten. Doch es gibt zu wenig.» Bei einer Transplantation von Herz und Lunge kommt erschwerend hinzu, dass die Organe innerhalb von vier Stunden beim Patienten eintreffen müssen.

Die Leipzigerin hatte noch mehr Glück: Rund einen Monat später, nachdem sie auf die höchste Stelle gestellt wurde, kam die erlösende Nachricht, die sie gar nicht hören wollte. Während ihre Familie und Freunde überglücklich waren, war die Patientin die ruhigste im Klinikzimmer. «Bei mir war nur noch Leere im Kopf. Es steht ein riesiger Eingriff bevor, wo du einfach nur Angst hast, nicht mehr aufzuwachen», beschreibt Oehmichen ihre damaligen Gefühle.

Um ein Haar wäre dies auch beinahe geschehen. Das Organ, das Oehmichen erhalten sollte, passte nicht. «Es muss alles stimmen: Größe, Gewicht und die Blutgruppe», schildert die Leipzigerin die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Operation. Durch die Vorbereitung versagte zudem ihre eigene Lunge, die junge Frau fiel ins Koma. «Das nächste, woran ich mich erinnern kann, war der 15. Dezember»: An diesem Tag erwachte sie aus dem Koma, zwei Tage nach ihrem «zweiten» Geburtstag.

Ein Moment, den sie auch jetzt noch kaum in Worte fassen kann. Während sie im Koma lag, wurde sie ins Leipziger Herzzentrum verlegt. In der Zwischenzeit wurde auch die richtige Lunge gefunden und transplantiert. «Ich hatte überhaupt nicht verstanden, was mit mir passiert ist. Erst nach einer halben Stunde habe ich gemerkt, dass ich eine neue Lunge hatte», schildert die ehemalige Patientin das unbeschreibliche Gefühl. «Ich musste den ganzen Tag über weinen, so glücklich war ich. Und ich hatte extremen Hunger», muss die junge Frau schmunzeln.

Die Leipzigerin erholte sich schnell vom Eingriff – auch, weil sie alle Anweisungen in der Reha-Klinik und im Alltag richtig befolgte. Sie war so glücklich, dass sie sich selbst an den einfachsten Dingen erfreute. «Als ich wieder zu Hause war, wollte ich einfach nur die Treppen zum Briefkasten hinunter gehen und selbst die Post holen»: Für Christiane das Schönste.

In der Folgezeit holte sie alles nach, was in den Jahren zuvor unmöglich war. Sie machte den Führerschein und konnte nach einem Jahr endlich wieder ihrer großen Leidenschaft nachgehen: Flugzeuge beobachten und selbst als Passagier wieder mitfliegen. Fast jede freie Minute verbringt die passionierte Fotografin an Flughäfen, wo sie auch ihren Verlobten kennen gelernt hatte, den sie im kommenden Jahr heiraten wird.

«Einbußen, die ich gerne in Kauf nehme»

Dennoch ist Christianes Leben nicht ganz sorglos: «Meine Wohnung muss absolut steril sein, also kein Teppich. Und es muss alle zwei Tage geputzt werden. Es dürfen auch keine Pflanzen darin stehen», zeigt sie auf. «Auch beim Essen muss ich aufpassen. Das heißt: keine rohen Lebensmittel, alle Speisen müssen innerhalb eines Tages verzehrt werden und ich darf beispielsweise keinen Käse essen, der Schimmel enthält.» Denn die Pilzbelastung könnte Infektionen begünstigen – die häufigste Komplikation nach Organtransplantationen. Daher muss sie auch Menschenmassen meiden.

Viel schlimmer ist aber: So bald ihr Freund krank wird, muss er zu ihrem Schutz ausziehen. «Momentan ist er so oft krank, dass ich ihn schon frage, wer von uns das schwächere Immunsystem hat», scherzt die 27-Jährige. So einschneidend die Vorgaben auch sein mögen, nimmt sie diese gelassen hin: «Das sind Einbußen, die ich gerne in Kauf nehme.»

Ihr Wissen und ihre Erfahrungen sind wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Seit einem Jahr arbeitet sie hauptamtlich am Leipziger Herzzentrum, um anderen Patienten beizustehen und sie in der schweren Zeit zu ermutigen. Gerade am Anfang fiel ihr das nicht leicht. «Es tut weh, ansehen zu müssen, dass bei vielen Patienten der Kampf umsonst war, auf ein passendes Organ zu warten», klagt die Transplantations-Expertin. Die derzeitige Spendensituation reiche bei weitem nicht aus. Und sie gibt zu bedenken: «Jeder kann in eine solche Situation geraten.»

nak/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Renate Kress
  • Kommentar 2
  • 07.06.2010 11:13
 

Da ich Frau Oehmichen persönlich kenne, freue ich mich von ganzem Herzen mit ihr über ihr neugwonnenes Leben. Ausserdem ist sie eine hervorragende Begleitung für all jene mit dem gleichen Schicksal. Jemand der nicht in einer vergleichbaren Situation steckt kann einfach nicht mitreden. Ich selbst habe jedoch bei meinem Patientenbesuchsdienst ebenfalls bei einer sehr jungen Pat. mit derselben Erkrankung erlebt, wie Frau Oehmichen durch ihre häufigen Besuche diese ermutigt hat, nich aufzugeben, da die Zeit nach einer Transplantation eine enorme Herausforderung darstellt.

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  • kiss
  • Kommentar 1
  • 06.06.2010 15:32
 

Meine Meinung ist extrem. Ich halte Organtransplantation für modernen Kannibalismus. Da dies gegen den Zeitgeist verstößt habe ich kaum Bedenken man könne diese Meinung veröffentlichen. Schuldgefühle ob dieser Meinung habe ich nicht. B.Kissel

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