So., 12.02.12

Scharlach Von wegen Kinderkrankheit

Artikel vom 15.06.2010

Scharlach ist als Kinderkrankheit bekannt - doch auch Erwachsene können sich anstecken. Sie sollten die Infektion nicht unterschätzen: Wird sie nicht behandelt, drohen unangenehme Spätfolgen.

Fürchterliche Halsschmerzen plagten Andrea Runde, und das Fieberthermometer zeigte 40 Grad Celsius an - mitten im Sommer. Als die 37-Jährige auch noch einen feinen Ausschlag an Armen, Leisten und Bauch bemerkte, der wie Nadelstiche piekste, kam ihr ein Verdacht: Sie hatte sich bei ihrem dreijährigen Sohn mit Scharlach angesteckt.

Eigentlich als Kinderkrankheit bekannt, kann die durch die Bakterienart Streptokokken ausgelöste Infektion auch Erwachsene treffen. «Man kann diese Streptokokken ein Leben lang und immer wieder bekommen, bis ins hohe Alter hinein», sagt Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Köln.

Zum sogenannten Vollbild des Scharlachs gehört eine Rachen- und Mandelentzündung mit Halsschmerzen. Dazu gesellen sich Fieber, Schüttelfrost und ein, zwei Tage später ein typischer kleinfleckiger Ausschlag an Haut und Schleimhäuten. «Bei Kindern beginnt der Ausschlag oft an den Leisten und kann sich auf den ganzen Körper und Teile des Gesichts ausbreiten. Der Gaumen ist oft gerötet, die Zunge himbeerrot, die Haut um den Mund herum bleibt aber meist weiß», beschreibt Kinderarzt Fegeler die Krankheit. Am häufigsten sind Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren betroffen, im Winter erkranken mehr als im Sommer.

Schwere Folgeerkrankungen

Wochen bis Monate später können sich in seltenen Fällen noch schwere Folgeerkrankungen bilden, wenn Scharlach nicht behandelt wird. «Dazu gehören das Rheumatische Fieber mit Gelenkbeschwerden und einer Entzündung am Herzen oder eine schwere Entzündung der Nieren, die sogenannte Glomerulonephritis», sagt Frank Riedel, Ärztlicher Direktor des Altonaer Kinderkrankenhauses in Hamburg. Dies sei aber heutzutage wegen der Antibiotikatherapie extrem selten. Er selbst habe in 35 Jahren nur einen Fall von Rheumatischem Fieber nach Scharlach erlebt.

Die Verursacher des Scharlachs tragen den Namen Streptococcus pyogenes oder werden als ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A bezeichnet. Von diesen wiederum gibt es mehr als 80 verschiedene Typen, die sich durch Eiweiße auf den Bakterien unterscheiden. «Alle diese Typen können eine Angina auslösen, und man entwickelt dann Immunität gegen diesen speziellen Typ», erklärt Klaus Ritter vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am Uniklinikum Aachen, dem das Nationale Referenzzentrum für Streptokokken angegliedert ist. Den typischen Ausschlag allerdings verursachen sogenannte Toxine, und davon gebe es nur drei. «Somit kann man streng genommen nur dreimal an dem Vollbild Scharlach erkranken.»

Die Streptokokken nisten sich im Rachen des Menschen ein. Bei etwa jedem Zehnten schlummern sie dort, verursachen keine Symptome und sind dennoch nachzuweisen. Babys seien seltener von Streptokokken betroffen, womöglich weil die Rachenschleimhaut noch glatter ist als bei größeren Kindern und Erwachsenen, sagt Riedel.

Das Problem der Resistenz

Andrea Rundes Sohn hatte eine Woche zuvor Halsweh und Fieber bekommen und sich sehr schlapp gefühlt. Der Kinderarzt hatte einen Abstrich am Rachen gemacht und mit einem Schnelltest bestätigt, dass Streptokokken der Gruppe A im Spiel waren. Da der typische Hautausschlag in den Leisten am Morgen aufgetreten war, empfahl der Arzt, sofort mit dem Antibiotikum Penizillin zu behandeln. Patienten mit Penizillin-Allergie empfehlen Mediziner ein Ausweichen auf andere Antibiotika-Typen, etwa das Makrolid Erythromyzin. «Allerdings sind die Resistenzen der Streptokokken bei den Makroliden häufiger als bei Penizillin, das heißt, es schlägt nicht an und die Krankheitssymptome bilden sich nicht zurück», sagt Riedel.

Ritter nennt drei Gründe, warum schnell Antibiotika gegeben werden sollten: «Es tritt eine rasche Besserung auf, innerhalb von 24 Stunden sind die Patienten nicht mehr ansteckend und die schwerwiegenden Folgeerkrankungen können verhindert werden.» Unbehandelt seien die Patienten rund drei Wochen ansteckend.

In Fällen, bei denen der Schnelltest auf Streptokokken reagiert, aber ein starkes Krankheitsgefühl fehlt, könne gegebenenfalls auf Antibiotika verzichten werden, sagt Riedel. «Aber beim richtigen Scharlach wollen die Patienten behandelt werden, weil sie sich so krank fühlen.» Trete unter dem Antibiotikum keine Besserung ein, müsse ein Rachenabstrich im Labor daraufhin untersucht werden, ob die Streptokokken gegen das Medikament resistent seien.

Tatsächlich ging es dem dreijährigen Sohn von Andrea Runde nach einem Tag Penizillin besser, nach drei Tagen konnte er wieder in den Kindergarten. Jetzt machte sie sich selbst auf den Weg zum Hausarzt. Der schickte einen Rachenabstrich in ein Labor zur sicheren Diagnose, gab ihr aber auch gleich Penizillin, das ebenso schnell zur Besserung führte.

kat/sis/news.de/dpa
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