Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich mit der Initiative «Vision 2020» das Ziel gesetzt, in den kommenden zehn Jahren die Erblindung von über 100 Millionen Menschen zu verhindern. Ein US-Dollar pro Tag würde dafür schon genügen.
Diese Zahlen stimmen nachdenklich: Weltweit sind etwa 37 Millionen Menschen blind - 180 Millionen schwer sehbehindert. Neun von zehn Fällen treten in den Armutsgebieten der Erde auf. Statistisch gesehen verliert alle fünf Sekunden ein Mensch in der Dritten Welt das Augenlicht - pro Minute ein Kind. Noch schlimmer: Rund die Hälfte aller Blinden könnte geheilt werden, bei 80 Prozent würde es gar nicht so weit kommen. Trotzdem steigt die Zahl neu erblindeter Menschen Tag für Tag.
Aufgrund dieser alarmierenden Fakten hat die WHO die Blindheitsverhütung und -heilung ganz oben auf ihrer Agenda - und ihr mit der Initiative «Vision 2020» einen Namen gegeben. In den kommenden zehn Jahren sollen bis zu 100 Millionen Menschen vor der totalen Finsternis gerettet werden.
«Die Initiative hat drei wesentliche Schwerpunkte: Es geht zum einen darum, Augenerkrankungen weltweit unter Kontrolle zu bekommen. Eng damit verbunden sind der Aufbau einer effektiven Infrastruktur zur augenärztlichen Versorgung und die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Fachpersonal», erläutert Professor Günther Rudolph, Oberarzt an der Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Der Titel der Initiative bezieht sich nicht nur auf den Zeitraum, es ist auch eine augenärztliche Bezeichnung für eine Sehschärfe von 100 Prozent.
Blinde Kinder sterben früher
Ein besonderes Augenmerk der Initiative liegt auf der Verhütung von Blindheit bei Kindern. «Jedem zweiten blinden Kind hätten Vorbeugung und Therapie das Augenlicht retten können», so Rudolph im Vorfeld des Weltaugenkongresses (WOC), der in der kommenden Woche in Berlin stattfinden wird. Blindheit bedeute für die Kinder nicht nur, nicht sehen zu können. Sie sei zudem mit einer erhöhten Sterblichkeit in den ersten Lebensjahren verbunden. Außerdem bleibe einem großen Teil dieser Patienten auch ein Schulbesuch oder eine Berufsausbildung verwehrt.
Die Ursachen für Erblindungen von Kindern sind je nach Herkunftsland verschieden: In ärmeren Ländern stehen die Austrocknung und Vernarbung der Hornhaut infolge eines Vitamin-A-Mangels sowie der graue Star (Katarakt) und der grüne Star (Glaukom) im Vordergrund. Zudem erblinden viele Kinder aufgrund von Funktionsstörungen des Sehnervs oder infolge einer Maserninfektion. «In der Subsahara-Region und in Teilen Asiens konnten die Blindheit und die damit verbundene Frühsterblichkeit durch zweimalige Gabe von Vitamin A signifikant gesenkt werden», berichtet Rudolph. «Die Kosten pro Kind betragen nur etwa einen US-Dollar», fügt der Arzt hinzu.
In den Industrieländern sind dagegen Netzhautschäden bei Frühgeborenen, die sogenannte Frühgeborenen-Retinopathie, sowie genetische Augenerkrankungen und das Glaukom die häufigsten Erblindungsursachen. Auch hier gibt es laut Rudolph Fortschritte: «Bei der Frühgeborenen-Retinopathie kann die Gabe von Medikamenten direkt in das Auge die Therapieaussichten verbessern», so der Experte. Die Netzhautschäden treten gehäuft bei Kindern auf, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen oder bei der Geburt unter 1500 Gramm wiegen.
«Seit der Initiierung vor zehn Jahren hat Vision 2020 deutliche Fortschritte gemacht», stellt Rudolph fest, der auf dem Weltaugenkongress mit seinen internationalen Kollegen weitere Strategien für die Zukunft besprechen und umsetzen will. Vor allem deutsche Augenärzte bemühen sich seit längerem intensiv um einen Wissenstransfer in die Entwicklungsländer. So stellt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) Mittel für die Ausbildung afrikanischer Augenärzte bereit, die LMU München beispielsweise kooperiert mit der Augenklinik der Universität Nairobi. «Seit 1978 sind über diese Partnerschaft mehr als 100 Augenärzte aus mehr als zehn afrikanischen Staaten ausgebildet worden», so Rudolph.
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