Psychedelische Drogen Im Delirium Ängste bekämpfen

Psychotherapie (Foto)
Umstritten: Um Krebspatienten die Ängste zu nehmen, schwören Forscher auf psychedelische Drogen. Bild: dpa

Mehr als umstritten: Forscher um den Psychiater Stephen Ross wollen zeigen, dass psychedelische Drogen bei der Therapie etwa von Angst helfen können. Vor gut vier Jahrzehnten waren alle Studien mit den Substanzen eingestellt worden. 

Die Droge wird in einem tönernen Kelch gereicht. Bevor Nicky Edlich die weiße Kapsel schluckt, hält sie ihre beiden Therapeuten an den Händen und erklärt, was sie sich von der Erfahrung erhofft. Dann schluckt die 67 Jahre alte krebskranke Frau die Pille, legt sich auf das Sofa und wartet auf die Wirkung.

«Die Welt bestand aus Juwelen, und ich stand in einer Kuppel», erzählt sie danach. Umringt von prächtigen Kaleidoskop-artigen Farben sah sie, wie sich das Gewölbe öffnete und «dieses äußerst unglaubliche Leuchten einströmte, das alles noch herrlicher machte». Tränen überströmten ihr Gesicht, als sie erkannte, «wie schön die Welt eigentlich sein könnte».

Vor einem Jahr nahm Nicky Edlich an der Universität New York die Substanz Psilocybin - den Wirkstoff der magischen Pilze, die in Teilen Mexikos seit Jahrhunderten rituell verwendet werden. Rückblickend sagt die Frau, die an Eierstock-Krebs in fortgeschrittenem Stadium leidet, die Erfahrung habe ihre Psychotherapie und den Umgang mit ihren Ängsten unterstützt.

Die Studie ist ein kleiner Schritt auf einem weiten Weg. Die Forscher um den Psychiater Stephen Ross wollen zeigen, dass psychedelische Drogen, die seit den 1960er Jahren ebenso berühmt wie berüchtigt sind, Ärzten bei der Therapie etwa von Angst oder der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) helfen können. Vor gut vier Jahrzehnten waren sämtliche Studien mit den Substanzen im Zug des Kriegs gegen Drogen eingestellt worden.

Nun läuft die Forschung langsam wieder an. In den USA, Israel oder der Schweiz nehmen Patienten im Rahmen von Studien Drogen wie LSD, Psilocybin oder den Ecstasy-Wirkstoff MDMA. Auch wenn eine Konferenz zu psychedelischer Forschung in Kalifornien kürzlich rund 1200 Teilnehmer anlockte, ist die Genehmigung und Finanzierung von Studien schwierig.

«Es gibt viel Widerstand»

Staatliche Stellen beäugen die Untersuchungen mit Misstrauen, und Pharmakonzerne haben keinerlei Interesse an Wirkstoffen, die sich nicht patentieren lassen und somit keinen Gewinn versprechen. «Es gibt viel Widerstand», sagt der Chemiker David Nichols von der Purdue Universität im Staat Indiana. «Die ganze Hippie-Geschichte in den 1960ern und die Berichte der Medien haben in der Öffentlichkeit einen üblen Beigeschmack hinterlassen.»

Nicky Edlich hat das nicht abgeschreckt. Wegen Eierstockkrebs musste sie ihre Arbeit als Französisch-Lehrerin an einer Privatschule aufgeben. Nach der Therapie kehrte der Tumor mehrmals zurück, und mit ihm kam die Angst vor einem langsamen Sterben und um die Zukunft ihrer Familie. Als in ihrer Krebs-Selbsthilfegruppe Forscher das Psilocybin-Projekt vorstellten, meldete sie sich freiwillig.

Die Pilzsubstanz kann während ihrer vier- bis sechsstündigen Wirkung tiefgreifende spirituelle Erfahrungen auslösen: Gesunde Teilnehmer einer im Jahr 2008 veröffentlichten Studie zählten die Sitzung zu den fünf bedeutendsten Erfahrungen ihres Lebens. Noch 14 Monate später gaben die meisten an, sich besser zu fühlen und besser zu leben. Gleichzeitig warnen Experten vor Selbstversuchen: Da die Substanz auch Panik und Paranoia wecken kann, solle man sie keinesfalls auf eigene Faust einnehmen.

Die New Yorker Studie soll klären, ob schon eine einzelne Psilocybin-Sitzung die neunmonatige Psychotherapie der Teilnehmer unterstützen kann. Edlich brachte zu ihrer psychedelischen Sitzung Fotos ihres Partners, ihres Sohnes und ihrer Enkelkinder mit. Während der Wirkung erlebte sie zwei Episoden aus ihrem Leben, über die sie auch mit Freunden nicht spricht. «Sie brachten mir tiefe Trauer und großes Leid», sagt sie. Die Eindrücke besprach sie aber ausgiebig mit den beiden Therapeuten. Als sie nach neun Stunden wieder nach Hause kam, füllte sie 30 Seiten ihres Tagebuchs, und wochenlang dachte sie über das Erlebte nach.

«Ich glaube nicht, dass das weite Verbreitung findet»

Ob die Droge ihr geholfen hat? «Sie brachte mich an einen tieferen Ort in mir, an den ich sonst nie gelangt wäre», antwortet sie. Plötzlich sah sie jene Fragen, die sie stets umgetrieben hatten, aus einer anderen Perspektive. «Mir ist bewusster geworden, was für mich wichtig ist», sagt sie.

Ähnlich erging es auch den anderen zwei Krebspatienten, die bislang bei der Studie mitmachen. Ermutigende Resultate lieferten auch zwei andere kleine Untersuchungen aus Los Angeles und Baltimore. Dennoch sehen andere Mediziner die psychedelische Therapie mit Skepsis. «Ich glaube nicht, dass das jemals weite Verbreitung findet», sagt die Psychoonkologin Susan Block vom Dana-Farber Krebsinstitut in Boston. «Aber bin schon irgendwie neugierig.»

sca/ivb/news.de/ap

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Delique
  • Kommentar 2
  • 25.03.2011 20:34
Antwort auf Kommentar 1

Dem kann ich nur zustimmen. Übrigens regt es mich auf, wenn so genannte "Experten", nur weil sie einen Doktortitel in Psychologie haben, meinen, über psychedelische Drogen urteilen zu können, wobei sie selbst noch nie Erfahrungen damit gemacht haben (siehe Susan Block aus dem Artikel). Schon in den 60er Jahren wurden exzellente Ergebnisse bei der Behandlung von Depressionen, Traumata und Süchten (insb. Alkoholiker) erzielt. Dass die Forschung bis heute kaum Möglichkeiten hat, das Potential dieser Substanzen zu erforschen, ist in meinen Augen ein Skandal.

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  • David Showler
  • Kommentar 1
  • 25.05.2010 22:26

Meiner Meinung nach sind Drogen in der westliche Welt verboten, weil der Staat daran nicht daran verdienen kann, wie an den viel schlimmeren Drogen Tabak und Alkohol. Ausserdem passt es dem Staat nicht das ein Mensch der auf dem Wege der Selbstfindung ist, ist nicht mehr so verführbar ist für den Konsum. Ja, und wo bleibt dann der von den Regierungen vergötterter Wirtschaftswachstum?? Ansonsten interresiert sich der Staat ja auch nicht sehr, wie es dem Einzelnem geht. Nur bei Drogenbesitz und Konsum eines Bürgers wird der Staat plötzlich nervös und übergriffig.

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