Von Wolfgang Schönwald
Der Griff zum Sandwich in der Tüte oder zur Currywurst auf dem Pappteller - viele Deutsche essen unter Zeitdruck, unterwegs, am Arbeitsplatz oder allein. Jeder Vierte gibt zu, dass er zu unregelmäßig und zu fett isst oder sich zu wenig Zeit dafür nimmt.
«80 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik schaden mit ihrem Essverhalten der Gesundheit, und der Spaß bleibt auch auf der Strecke», sagt Gunter Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. «Und es werden immer mehr.»
Das Denkwerk Zukunft, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, will diesem Verfall der Essgewohnheiten entgegenwirken. Mit einem Memorandum «Für eine erneuerte Esskultur» wollen sie Anregungen für eine bessere und bewusstere Ernährung geben. «Dass Essen einen sozialer Akt darstellt, ist verloren gegangen. Wir wollen das Feuer wieder entfachen» , sagte Hirschfelder, der dem Gremium angehört.
Viele können nicht kochen
Vor allem die praktischen Fähigkeiten, ein gutes Essen vorzubereiten, seien vielen abhanden gekommen, findet Thomas Ellroth, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie der Georg-August-Universität Göttingen. «Wer denkt, die vielen Kochshows im Fernsehen regen zum Selbstkochen an, der irrt. Die Zuschauer sehen dies vielmehr als angenehme Unterhaltung und lassen sich nur berieseln, greifen eher noch zu den Tüten mit den Chips», sagt der Arzt.
Deshalb regen die Forscher an: Die Menschen sollen aus eigenem Antrieb runter vom Sofa und rein in die Küche. «Unser Denkkreis Lebens-Mittel wirbt beispielsweise für das Erlebnis Gemeinschaftskochen», sagte Stefanie Wahl von Denkwerk Zukunft. In Schulen, Kindertagesstätten oder Alten- und Pflegeheimen müssten die Mahlzeiten nicht nur gesund und geschmackvoll angerichtet werden, sondern auch zu einem sinnlichen Erlebnis werden. Ältere sowie Kinder und Jugendliche könnten in die Zubereitung der Speisen mit eingebunden werden.
Die Verbraucher sind überfordert
Aber auch das Angebot eines gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln schaffe für viele neue Blickwinkel, sagt Ellroth. «Dabei geht es auch um den bewussten Griff zu saisonalen Produkten bevorzugt aus der Region.» Deshalb sei bei den Produkten Transparenz notwendig. «Da die Verbraucher schon heute überfordert sind, die Kennzeichnung zu verstehen, sollten die Waren von nebenan ohne auskommen und nur die von weither transportierten Produkte Aufdrucke erhalten», erläutert der Ernährungspsychologe.
Dass zunehmend Bio- oder Öko-Produkte von den Verbrauchern gewünscht werden, zeigten die breiter werdenden Sortimente in den Supermärkten. «Das stimmt mich hoffnungsvoll», sagt Klaus Hahlbrock, Autor des Buches Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren. So wie auch die Tatsache, dass in Deutschland vielerorts Gaststätten mit einer regionalen und saisonalen Küche die Gäste anlocken.
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