Krankhafte «Aufschieberitis»
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Das ganze Wohnzimmer voller Müll, die Abfallberge werden immer größer. Was viele einfach für assozial halten, bezeichnen die Experten als «Messies» - in Anlehnung an das englische Wort für Unordnung. Die Betroffenen sind regelrecht überfordert.
Schätzungen sprechen von rund zwei Millionen Messies in Deutschland - die Dunkelziffer dürfte weit höher ausfallen. «Das Messie-Syndrom wird völlig unterschätzt», sagt Wedigo von Wedel. Er ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins «H-Team e.V.», der sich seit 20 Jahren mit dem Messie-Phänomen beschäftigt.
«Das Messie-Syndrom ist in aller Munde, aber keiner weiß so genau, was das eigentlich ist», betont von Wedel. «Wir brauchen mehr Forschung und vor allem bessere Ausbildung von Sozialarbeitern. Nicht nur die Betroffenen selbst sind hilflos - auch diejenigen, die sie betreuen sollen.»
Messies gibt es nach Angaben von Wedels quer durch die Gesellschaft. «Es geht von Jung bis Alt - wir haben auch schon Jugendliche, die an dem Problem leiden», betont er. Ein Armutsphänomen sei das Syndrom nicht. «Es sind alle Schichten betroffen.» Allerdings könnten - vor allem bei älteren Menschen - «traumatische Armutserfahrungen» in der Jugend ein Grund für den zwanghaften Sammelwahn sein. Die Ursachen sind in fast allen Fällen sehr ähnlich. «Wir finden bei annähernd jedem Fall schmerzhafte Verluste - den Tod eines nahen Angehörigen zum Beispiel», sagt er.
«Viele mussten viel zu früh Eigenverantwortung übernehmen und fühlen sich chronisch überfordert. Oft kommen dann noch gescheiterte Beziehungen und Beziehungsängste dazu.» Eine komplett zugestellte oder zugemüllte Wohnung biete vielen Menschen ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit. «Zumauern, Höhle bauen», erklärt von Wedel. «Wenn jemand immer wieder von Menschen enttäuscht wurde, sagt er: ‹Meine Bücher sind mir wenigstens treu.›» Eine solche Einstellung führe aber meist dazu, dass soziale Kontakte einschlafen oder ganz abbrechen.
Nicht jeder, der unordentlich sei, sei aber gleich ein Messie, sagt von Wedel. Keine Lust aufzuräumen, das kenne jeder. «Wenn man aber merkt, dass diese ‹Aufschieberitis› unheimlich frustrierend und deprimierend wird, dann sind die Probleme da.»
kat/sca/sck/ivb/news.de/dpa
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