Die Arztpraxis im Schlafzimmer
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Nicht jeder chronisch Kranke hat den Spezialisten vor der Haustür. Damit umfassende Betreuung dennoch gewährleistet wird, soll Telemedizin eine Brücke schlagen. Der Patient misst daheim alles selbst und funkt die Ergebnisse zum Fachmann.
Das Schlafzimmer von Werner Goldschmidt hat ein bisschen was von einer Arztpraxis. Auf der Kommode - zwischen Porzellan-Kerzenständern und Plastikblumen - liegt jede Menge Technik: Blutdruckmesser, EKG-Gerät und ein kleiner Taschencomputer. Auf dem rosa Teppich neben der Kommode steht eine Waage. «Funkzeugs», nennt Goldschmidt die Gerätschaft. Der 69-Jährige ist herzkrank und wird aus der Ferne überwacht - per Telemedizin. Experten sehen darin die Zukunft. Auch als Mittel, um mit dem Ärztemangel fertig zu werden.
Das Prozedere ist für Goldschmidt jeden Morgen gleich: Er nimmt das EKG-Gerät, legt sich aufs Bett und den kleinen Apparat auf den Brustkorb. Nach zwei Minuten piept es. Weiter zur Waage. 91,75 Kilogramm zeigt das Display. «Das ist ok», meint Goldschmidt, steigt von der Waage und setzt sich zum Blutdruckmessen auf einen Stuhl vor der Kommode. Der Ruhepuls ist reichlich hoch, aber Goldschmidt fühlt sich gut. Das erklärt er nun noch dem Taschencomputer. «Wie fühlen Sie sich heute?», fragt der auf dem Display. Zur Wahl steht eine Farbskala von grün über gelb und orange bis rot. Goldschmidt ist heute grün zumute. Er tippt einmal auf die passende Stelle im Display - und nach sechs Minuten ist die «Visite» vorbei.
Die Geräte funken die Werte automatisch an den Taschencomputer und der sendet sie gleich weiter - vom Schlafzimmer in Berlin-Kreuzberg direkt in die Charité in Berlin-Mitte. Dort, knapp sechs Kilometer entfernt, sitzt ein Team von Medizinern vor Monitoren und wacht über Goldschmidts Herz. Die Ärzte kontrollieren die Daten - Gewicht, Blutdruck, Herzkurven und Wohlbefinden. Sie kennen Goldschmidts Krankengeschichte genau. Gibt es Abweichungen, melden sie sich bei ihm. Und wenn die Herzkurven ganz gefährlich aussehen, schicken sie gleich Hilfe los.
Sicher mit Notfallknopf
«Das ist wie eine zweite Lebensversicherung», sagt Goldschmidt. Vor 40 Jahren fing sein Herz zum ersten Mal an zu stolpern. Lange nahm er die Herz-Rhythmus-Störungen nicht ernst, schluckte nur ein paar Pillen. Vor ein paar Jahren geriet das Herz aber richtig aus dem Takt, Goldschmidt bekam keine Luft mehr, konnte gerade noch rechtzeitig zum Telefon greifen und überlebte die Attacke. Heute hat er für solche Fälle einen Notfallknopf - und eine direkte Verbindung zur Charité. Er fühlt sich sicher.
Neben Goldschmidt sind noch über 700 andere Menschen, die unter Herzschwäche leiden, mit der Charité vernetzt: in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg. Die Studie läuft seit Anfang 2008. Nun, Ende April, ist Schluss, und die Ergebnisse werden ausgewertet.
In Goldschmidts Fall sind die Resultate vielversprechend. Vor drei Jahren war Goldschmidt noch Dauergast im Krankenhaus. Seitdem sein Herz jeden Tag überwacht wird, geht er nur noch zum Blutabnehmen zum Arzt. Den Kontakt zum Hausarzt solle die Telemedizin nicht ersetzen, sagt der Leiter der Studie, Friedrich Köhler, «aber dazwischen wird für die Patienten ein unsichtbares Sicherheitsnetz gespannt». Das ist gerade für Menschen in Regionen wichtig, wo Ärzte Mangelware sind.
Der Hausarzt um die Ecke und der Facharzt in der Nähe sei weiter das Ideal, sagt Köhler. In vielen strukturschwachen Regionen und auf dem Land ist das aber längst nicht mehr der Fall. Deshalb jongliert Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) derzeit mit Ideen wie der «Landarztquote» oder dem Nein zu Praxis-Nachbesetzung in überversorgten Ballungsräumen. Köhler hält aber gerade die Telemedizin für einen Weg, um Lücken zu schließen und dafür zu sorgen, dass Patienten auf dem Land ebenso gut versorgt werden wie anderswo.
Versorgungskosten um ein Drittel reduzieren
Dieser Ansicht ist auch Wolfgang Loos von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Hinzu komme das Einsparpotenzial, sagt er: Werden Risiken früher erkannt, müssen die Patienten seltener ins Krankenhaus. Schätzungen zufolge könnte die Telemedizin allein bei Herz-Kreislauf-Patienten die jährlichen Versorgungskosten um ein Drittel reduzieren.
Auch bei anderen Krankheiten wird die Technik eingesetzt: Da senden Diabetes-Patienten ihre Blutzuckerwerte per Handy an den Arzt. Oder Regionalkrankenhäuser vernetzen sich mit Schlaganfallzentren und holen sich per Datenübertragung und Videokonferenz den Rat der spezialisierten Kollegen ein.
Beispiele gibt es viele, doch nur wenige Projekte schaffen es in die Regelversorgung. Dafür muss die Wirksamkeit in langen Studien nachgewiesen werden - und das ist teuer. Während Köhlers Programm den Schritt geschafft hat, verschwinden viele andere Ideen nach einer Modellphase wieder in der Versenkung. «Das ist das Dilemma in Deutschland», klagt Loos. Doch lange werde das nicht mehr so weitergehen, meint er, «die demografische Entwicklung wird die Telemedizin einfach erzwingen. Das wird nicht aufzuhalten sein.»
kat/ivb/news.de/ddp
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