Mo., 13.02.12

Nach dem Mutterschutz Schreibtisch oder Wickelkommode?

Von news.de Redakteurin Nadine Faßhauer

Artikel vom 29.04.2010

Nicht jede Frau sieht ihre Berufung darin, nach der Geburt zu Hause das Kind zu hüten. Einige stürzen sich direkt nach dem gesetzlichen Mutterschutz wieder in die Arbeit. Für Mutter und Kind ist diese Entscheidung nicht immer einfach.

In Deutschland dauert der gesetzliche Mutterschutz nach der Geburt acht Wochen. In dieser Zeit dürfen frischgebackene Muttis nicht arbeiten - danach steht es ihnen frei, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren oder bis zu drei Jahre Elternzeit bei ihrem Chef anzumelden. Rabenmutter oder Hausmütterchen? Egal, ob man als Frau wieder arbeitet oder lieber zu Hause bleibt: Es werden aus der Familie oder dem Bekanntenkreis die Unkenrufe laut.

Als Mutter ist man hin- und hergerissen. Schließlich möchte man nicht die falsche Entscheidung treffen. Weder fürs Kind, noch für sich selbst. Für viele ist der Gedanke, den ganzen Tag in den eigenen vier Wänden zu verbringen, beengend. Andere Frauen gehen in ihrer neuen Mutterrolle voll auf. Wer seinen Sprössling nach der gesetzlichen Auszeit in eine Krippe oder zu einer Tagesmutter gibt, hat oft Bedenken. Doch welche Auswirkungen eine Fremdbetreuung auf das Kind hat, hänge von vielen Faktoren ab, erläutert die Entwicklungspsychologin Gisela Storz: «Will die Mutter gern wieder arbeiten oder fühlt sich gezwungen? Wie und von wem wird das Kind versorgt? Hat die Mutter ein gutes Gefühl dabei?» Das Baby merke schon sehr genau, ob die Mutter hinter ihrem Schritt steht oder nicht.

Zu bedenken ist: Frauen sind glücklicher, wenn sie arbeiten, statt zu Hause am Herd zu stehen. Eine Studie des Deutschen Wirtschaftsinstituts, die im Mai 2009 erschienen ist, besagt, dass in Vollzeit erwerbstätige Mütter mit ihrem Leben wesentlich zufriedener sind, als solche, die Teilzeit oder gar nicht arbeiten. Ist Mama glücklich, kommt das auch dem Kind zugute.

Wer sich für seine Firma entscheidet, muss sich bewusst machen, dass so ein kleiner Mensch schon ziemlich genau weiß, wer gerade den Kinderwagen hin-und herschiebt oder die Flasche gibt. Laut Storz erkennen bereits Ungeborene im Bauch die Stimme von Mutter und Vater und die feine Nase des Säuglings erschnuppert: «Hier riecht es nicht nach Mutti.»

Das muss einen aber nicht davon abhalten, sein Kind anderen Vertrauenspersonen zu überlassen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt, man brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind erziehen zu können. Laut Storz ist da etwas Wahres dran: «Wichtig ist, dass die anderen Personen eine stabile, zuverlässige Beziehung zu dem Baby aufbauen. Ständig wechselnde Personen verkraftet kein Kind ohne Schaden.» In einem solchen Fall besteht die Gefahr der Bindungsstörung. Ständig weitergereichte Kinder weinen viel, sind nervös und unruhig und essen oft schlecht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Krippe?

In der Kinderkrippe Lummerland in Neustadt an der Weinstraße werden bereits Babys ab acht Wochen aufgenommen. Zurzeit befinden sich 35 Kinder in der Einrichtung - drei davon sind erst zwischen drei und fünf Monaten alt. Die Leiterin der Einrichtung Carolin Hauck-Wörtge rät Eltern, genauestens auf die Qualität der Krippe zu achten: «Es muss eine Einrichtung sein, die die Kinder fördert, mit den Kleinen etwas unternimmt und somit die Betreuungszeit sinnvoll nutzt.» Es dürfe sich nicht um reine Aufbewahrungsstätten handeln.

Psychologin Storz ist überzeugt, dass die Tagesmutter oder die Erzieherin zu dem Kind passen muss. «Es ist eine ausreichend lange Eingewöhnungszeit wichtig, bei der die Mutter erstmal einige Tage oder Wochen mit vor Ort bleibt und erst geht, wenn sie sieht, dass es dem Baby gut geht.»

Wenn dies gegeben sei, gebe es laut Hauck-Wörtge für die Kinder keinen zu frühen Zeitpunkt, um eine Krippe oder eine Tagesmutter zu besuchen. Oft steckten die Kleinen die neue Situation besser weg als ihre Eltern. «Wenn Kinder noch sehr klein sind, fremdeln sie noch nicht und sind allen Menschen gegenüber sehr offen. Bis sie dann in diese Fremdelphase kommen, sind sie bereits so gut eingewöhnt, so dass es keine Probleme mehr gibt.» Auch Psychologin Storz hält eine familienergänzende Betreuung durchaus für sinnvoll: «Es wirkt sich immer positiv aus, wenn die Eltern entlastet werden.»

Psychologische Schützenhilfe müsse da eher bei den Müttern geleistet werden.  Hauck-Wörtge: «Wir sind da sehr sensibel auf die Eltern eingestellt und erklären ihnen sehr genau, was mit den Kindern über den Tag passiert. Diese Transparenz beruhigt sie»

Auch für die Erzieherinnen eine Herausforderung

Wickeln, Umziehen, Füttern: Für die Erzieherinnen, die gerade aus ihrer Ausbildung kommen, ist der Umgang mit Frischgeborenen oft etwas ganz Neues. Im Alltag mit den Säuglingen müssen sie ganz andere Tätigkeiten ausüben, als sie in ihrer Ausbildung lernen. Hauck-Wörtge muss deshalb in ihrer Krippe die neuen Angestellten erst sechs Monate lang zusätzlich schulen, bevor sie mit den Würmchen umgehen dürfen. «Der pflegerische Anteil ist sehr hoch. Die Erzieherinnen bekommen in ihrer Ausbildung davon leider nicht genug mit.»

Die Gründe, warum sich Mütter für ihren Arbeitsplatz statt für die Kinderbetreuung zu Hause entscheiden, sind nach der Erfahrung der Krippenleiterin ganz unterschiedlich. Teilweise bekämen sie von ihrem Arbeitgeber die Pistole auf die Brust gesetzt, dass ihr Job nicht mehr da sei, wenn sie ein Jahr zu Hause bleiben. Andere möchten gerne weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. «Wir haben aber auch Eltern, denen es wichtig ist, dass ihr Kind mit anderen in Kontakt kommt und so soziale Bindungen aufbauen kann.» Diese würden ihren Nachwuchs auch in die Krippe bringen, wenn sie nicht beruflich eingebunden sind.

Doch das sind die Wenigsten: Eine Studie des Bundesfamilienministeriums hat im Jahr 2008 herausgefunden, dass 29 Prozent aller Mütter mit Kindern unter einem Jahr wieder arbeiten. Im Durchschnitt bleiben die Frauen stattdessen vier Jahre und acht Monate bei ihren Schützlingen in den eigenen vier Wänden.

Wer unsicher ist, ob die Krippe oder die Tagesmutter seinem Kleinen gut tut, sollte sein Kind genau beobachten. Entwickelt es sich gut? Lacht es? Wie verhält es sich, wenn es abgegeben wird? Ist der Nachwuchs quietschfidel, ist alles okay.  Doch wenn es jedes Mal brülle, stimmt laut Storz etwas nicht. In solchen Fällen muss sich die Mutter dann doch für die Wickelkommode zuhause entscheiden - oder ihr Glück bei einer neuen Betreuung versuchen. 

kat/ivb/news.de
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Nach dem Mutterschutz: Schreibtisch oder Wickelkommode? » Gesundheit » Nachrichten

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Leserkommentare (5)
  • Kommentar: 5
  • 19.06.2010 17:41
von
eatart

Schade, dass die Väter in diesem Artikel mit keiner Silbe erwähnt werden, selbstverständlich ist es nur "die Mutter", die sich kümmern muss und alle Entscheidungen allein zu verantworten hat. Nicht "die Mutter" muss in der Eingewöhnungszeit den Umgang mit der Tagespflegeperson beobachten, nicht "die Mutter" muss sich, falls es nicht gut läuft, für die Wickelkommode entscheiden, sondern ein Elternteil oder auch beide Eltern. Diese Selbstverständlichkeit scheint in Deutschland immer noch ein Novum zu sein und die Väter sind aus der Betreuungsverantwortung mal wieder heraus.

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  • Kommentar: 4
  • 30.04.2010 20:36
von
Illi

danke für den freundlichen Wunsch! Unsere ersten fünf Kinder haben inzwischen Nachwuchs, den sie liebevoll zu Hause umsorgen (die Älteste von neun Enkelkindern ist gerade 4 geworden). Wir könnten noch mehr Hoffnung haben, wenn die Politik nicht beabsichtigen würde, die Frauen in die Erwerbstätigkeit und die Kinder in professionelle Betreuung zu bringen. Nur so kann ich mir die diese öffentliche Verunglimpfung der Vollzeitmütter erklären. Unsichere Frauen können diesen Druck nicht weg stecken. Selbstbewusste Frauen, die zu ihrer Mutterschaft stehen, gibt es aber trotzdem viele.

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  • Kommentar: 3
  • 30.04.2010 10:38
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 2

Ein Bekenntnis, das einem wieder Hoffnung gibt! Mein Wunsch, das Glück möge Mutter und Kind stets begleiten.

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  • Kommentar: 2
  • 29.04.2010 17:47
von
Illi

übrigens, das gibt es auch: Mütter, die dem jungen Säugling die notwendige Nestwärme geben, die um die unwiederbringliche Bindungs- und Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes in den ersten drei Jahren wissen, die selbständig und kreativ diese wenigen Jahre gestalten und stark genug sind, sich nicht von diffamierenden Berichten davon abhalten zu lassen, ihre Mutterschaft zu genießen.

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  • Kommentar: 1
  • 29.04.2010 17:04
von
RAGNAROEKR

Allein diese Alternativen sind amüsant. Da haben wir eine Frau, die nach der Schwangerschaft nichts anderes im Kopf hat, als zu arbeiten. Das könnte sie ihr ganzes Leben lang, aber ihr Kind auf du und du erleben ist doch wohl fast einmalig. Was diese Deutschen unter Lebensart verstehen, wird immer rätselhafter. Irgendwie gewinnt man den Eindruck, da fehlte überall die Mutter. Bestürzend die Vorstellung, dass man nur von Halbwaisen umgeben ist. RAGNAROEKR empfiehlt: Die Mustermutter Kraus sollte einen Antrag auf Abkürzung der Schwangerschaft einreichen.

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