Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager - 23.04.2010, 14.54 Uhr

Patientenverfügung: Die schwere Frage des Willens

Ein Patient lehnt künstliche Beatmung ab. Bei Atemnot sieht es auf einmal ganz anders aus. Und wer bestimmt, wann das finale Stadium zum Abschalten der Geräte gekommen ist? Trotz Gesetz befindet sich die Patientenverfügung in ethischen Grauzonen.

Die Vorstellung, die Entscheidung über den eigenen Tod auch vom Koma aus bestimmen zu können, ist beruhigend. Die Realität sieht komplizierter aus. Bild: dpa

Es klingt in der Theorie alles so einfach, gerecht und human. Ein Patient legt schriftlich fest, ob er lieber sterben möchte, anstatt am Ende seines Lebens an qualvollen Schläuchen vor sich hin zu vegetieren. Dazu hat er per Gesetz seit vergangenem Jahr das Recht. Patientenverfügung heißt das Zauberwort. Und die gilt vor allem dann, wenn der Patient nicht mehr entscheidungsfähig ist, weil er etwa im Koma liegt. 

Aber ganz so einfach wie der verschriftlichte Wille, doch bitte in Würde sterben zu dürfen, ist die Realität nicht. So sei es bereits eine sehr problematische Auslegungssache der Ärzte zu entscheiden, wo sich der Patient innerhalb seiner Krankheitsgeschichte befinde. «Es ist die Frage, ist es eine Verlängerung des Sterbevorgangs oder eine behandelbare Krise innerhalb des Krankheitsverlaufs», beschreibt der Lungenarzt Dr. Harald G. Fritz das Dilemma. Dafür gebe es oft keine Parameter, gibt auch Krebsspezialistin Dr. Susanne Riha zu bedenken. Das gleiche Problem bestehe bei dem Begriff «Lebensqualität», der sehr unterschiedlich und wenig greifbar ausgelegt und empfunden werden kann.

Während die Menschen in früheren Zeiten noch Angst davor hatten, lebendig begraben zu werden, graut es den meisten heute bei dem Gedanken, zu lange zu leben oder zu langsam, vollgestopft mit Schläuchen und Sonden, zu sterben.

Nicht alles Mögliche ist auch sinnvoll

Eine Einschränkung des möglichen medizinischen Handelns sei sinnvoll, sagt der Jurist Professor Hans Lilie. «Eingreifen können heißt nicht, immer eingreifen zu müssen», so der Direktor des Interdisziplinären Zentrums Medizin-Ethik-Recht an der Universität Halle. Mediziner müssten sich davon lösen, immer lieber etwas mehr zu tun, um im Nachhinein nicht für den Tod eines Patienten verantwortlich gemacht zu werden.

Hilfreich, so rät Lilie, sei es, wenn konkrete Situationen und Wünsche in der Patientenverfügung angegeben werden. Mit allgemeinen Floskeln, wie etwa «Ich möchte in Würde sterben» oder «Ich lehne Schläuche und Maschinen ab», könne kein Arzt im Entscheidungsfall etwas anfangen. «Je allgemeiner die Formulierung, desto weniger können die Ärzte helfen», sagt Lilie. Festzulegen, man wolle nicht mit einer Sonde im Fall eines Komas künstlich ernährt werden, sei dagegen sinnvoll.

Doch: Wird eine Patientenverfügung von einem noch gesunden Menschen verfasst, ist eine solche konkrete Situation nicht vorstellbar und deshalb auch der zukünftige kranke Wille nicht abzuschätzen. Während in einer Patientenverfügung ein Nein zu künstlicher Beatmung deutlich drin stehen kann, mag ein Patient bei tatsächlicher Atemnot auf einmal seine Einstellung grundlegend ändern und sich eindeutig für das Leben entscheiden.

Zwar scheint der Patient durch seine Verfügung auch im Fall der Bewusstlosigkeit noch die Entscheidungsgewalt über das eigene Leben und den Tod zu behalten. Doch, so weiß Lilie: «Patienten entscheiden selten allein.» Neben den Ärzten, die die Situation und mögliche Maßnahmen mit dem Willen des Patienten abgleichen und entscheiden müssen, ob medizinisch gesehen tatsächlich bereits der verschriftlichte finale Fall vorliegt, bei dem die Geräte abgeschaltet werden sollen, reden auch die Angehörigen mit.

Oft keine Zeit für Kommunikation

Wer eine Patientenverfügung hinterlegt, solle sicher gehen, dass eine Person festgelegt werde, die bereit ist, diese ethische Last zu tragen und eine Entscheidung zu treffen. Im Idealfall sei dies jemand, der dem Patienten nahe steht. Etwa der Ehepartner und die Kinder gemeinsam. In der Realität ist es oft ein vom Betreuungsgericht abgestellter Bearbeiter, der gleichzeitig 60 weitere Fälle betreut, bemängelt Lungenarzt Professor Bernd Schönhofer.

Eine Patientenverfügung sei dann sehr sinnvoll, begrüßenswert und praktikabel, wenn sie im Laufe eines langjährigen Krankheitsweges immer wieder in intensiven Gesprächen mit den Ärzten und den Angehörigen erweitert und aktualisiert werde. Dann könne gewährleistet sein, im Ernstfall den tatsächlichen Willen des Patienten zu ermitteln – und die Geräte abzuschalten. Doch die Zeit für die nötige Kommunikation fehlt oft. Auch scheuen sich die meisten Menschen davor, sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen.

Da gebe es noch Nachholbedarf zwischen Intensiv- und Palliativmedizin, betont Schönhofer. Anstatt eine Behandlung auf Wunsch des Patienten auf der Intensivstation einfach abzubrechen und ihn mit den abgeschalteten Geräten allein zu lassen, müssten andere Therapiemöglichkeiten aus der Palliativmedizin, wie etwa Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität bis zum Tod statt künstlicher Lebensverlängerung um jeden Preis, einfließen. Das müsse viel eher greifen als bisher kurz vor dem letzten Atemzug, fordert auch Dr. Susanne Riha.

sck/reu/news.de

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