Geschlechtskrankheit Syphilis auch nach 100 Jahren nicht besiegt

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Paul Ehrlich fand 1918 ein Mittel zur Behandlung von Syphilis. Bild: dpa

Von Marco Krefting
Geschwüre, Pusteln und eitrige Bläschen: Die Geschlechtskrankheit Syphilis wird seit 100 Jahren mit Medikamenten bekämpft. Besiegt ist sie noch immer nicht.

Jahrhundertelang waren die Menschen der Lustseuche Syphilis - auch Lues, harter Schanker oder Franzosenkrankheit genannt - hilflos ausgeliefert. Casanova, Franz Schubert und Charles Baudelaire sollen an ihr gelitten haben. Doch nach langen Forschungsarbeiten wurde in einem Frankfurter Labor endlich ein Gegenmittel entdeckt.

Am 18. April 1910 informiert der Chemiker, Arzt und Serologe Paul Ehrlich (1854-1915) seine Kollegen beim Wiesbadener Internistenkongress über seine Therapie-Erfolge mit «Salvarsan». Die Medizin wirkt so gut, dass der Nobelpreisträger sie sogar «Zauberkugeln» nennt. Seine Arznei gilt als Beginn der Chemotherapie.

«Neue Ära» in der Pharmaziegeschichte

Der große Wurf gelingt Ehrlich und dem japanischen Bakteriologen Sahatschiro Hata eigentlich schon im August 1909 mit der Erforschung des «Präparats 606», einer organischen Arsenverbindung. «Damit hat Ehrlich eine neue Ära der Therapie infektiöser Krankheiten eröffnet», sagt Bettina Wahrig, Professorin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig.

Einige Monate nach der Entdeckung bringen die damaligen Farbwerke Hoechst, in deren Auftrag Ehrlich forschte, das Mittel Salvarsan - lateinisch für heilendes Arsen - auf den Markt. Ärzte und Patienten hätten sich darum gerissen, jeden Abend seien die luftdicht verschlossenen Glas-Ampullen sorgsam gezählt und in den Tresor der Direktion eingeschlossen worden, heißt es in der Geschichtsschreibung des Pharma-Unternehmens Sanofi-Aventis, dem Hoechst-Nachfolger.

Penizillin ist besser als Salvarsan

Doch Salvarsan hat Nebenwirkungen, da das Pulver vor dem Spritzen mit ätzender Natronlauge gemischt werden muss. Ehrlich entwickelt weniger gefährliche Salvarsan-Versionen. Trotzdem wird er verklagt - angeblich macht das Mittel blind und taub, zerstört das Gewebe und vergiftet. 1972 stellt Hoechst die Produktion ein. «Salvarsan ist mit guten Gründen nicht mehr auf dem Markt», sagt Wahrig.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Penizillin das neue Therapie-Mittel. «Bei Salvarsan war der erhebliche Fortschritt, dass die Syphilis erstmals behandelt werden konnte», sagt Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut (RKI). «Entscheidender war jedoch Penizillin.» Ärzte verschreiben das Antibiotikum noch heute, die Bakterien sind dagegen nicht resistent. Unbehandelt führt die Syphilis zu Hautentzündungen und Organschäden. Im Endstadium kann das zentrale Nervensystem zerstört werden. Dort wirkte Salvarsan nicht, da es die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überwand, die Erreger im Gehirn also nicht erreichte.

Syphilis verbreitet sich vor allem unter Schwulen

Auch heute noch leiden tausende Menschen an der Syphilis. Vergangenes Jahr infizierten sich allein in Deutschland laut RKI mindestens 2700 Menschen. Gefährdet sind vor allem homosexuelle Männer, wie Marcus sagt. Mehr als 1640 infizierten sich im vergangenen Jahr auf diese Art - bei heterosexuellem Sex waren es 247 Männer und 87 Frauen. In mehr als 700 Fällen ist der Übertragungsweg aber unklar.

Das oft sexuell freizügigere Verhalten homosexueller Männer sei Ursache für die hohen Zahlen, sagt Marcus. Mitte der 1970er Jahre sei die Zahl der Infektionen gerade bei Schwulen stark gestiegen. Als sich Aids in den folgenden Jahrzehnten ausbreitete, habe es kaum noch Syphilis-Fälle gegeben, weil viele vorsichtiger wurden. «Mehr Kondome und weniger Partner», vermutet Marcus als Ursache für den Rückgang.

Seit Ende der 1990er Jahre stiegen die Zahlen allerdings wieder an - möglicherweise verzichteten Männer, die Sex mit Männern haben, zunehmend auf Kondome.

nak/news.de/dpa

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