Migräne ist eine Volkskrankheit: Acht Millionen Deutsche sind betroffen. Die genauen Ursachen liegen noch im Dunkeln, aber es gibt wirksame Therapien, welche die Symptome lindern.
Wie eine «faule Stelle im Kopf», so fühlt es sich an, wenn eine Attacke naht. Nikolai Karheiding leidet an Migräne, seit 70 Jahren. «Der Schmerz ist hinterlistig. Die faule Stelle wandert, dann fängt es an zu pochen.» Am Ende wird es oft so schlimm, dass er am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand hauen würde. Nach drei Tagen ist es meist vorbei. Doch schon dann weiß er genau: Die nächste Angriffswelle kommt bestimmt. Wenn er Pech hat, gleich in der nächsten Woche.
Karheiding ist kein Einzelfall. 27 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer haben im Laufe ihres Lebens Migräne-Attacken. «Wir haben mehr Angst vor Rinderwahn oder Schweinegrippe und denken, das könnten Epidemien werden - hier haben wir eine reale Epidemie», sagt Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Allein in Deutschland liegen dem Neurologen zufolge jeden Tag rund 300.000 Menschen mit Migräne im Bett. «Jeden Tag fällt praktisch eine andere Großstadt aus, heute Bochum, morgen Braunschweig.» Die Krankheit vernichte damit nicht nur Lebensqualität, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Ressourcen.
«Konkret fängt es bei mir mit Vorboten an, mit einer bleiernen Müdigkeit, ich werde gereizt und überempfindlich», sagt Karheiding. Mediziner bezeichnen diese Phase als «Aura» der Migräne. Oft geht sie mit Sehstörungen einher. Viele Patienten berichten von Zackenlinien oder Flecken im Sehfeld. Licht und Lärm sind kaum zu ertragen. Oft kommt Übelkeit hinzu.
«Migräne-Patienten haben ein spezielles Betriebssystem. Ihr Gehirn arbeitet sehr aktiv», erklärt Göbel. Aufgrund ihrer Erbanlagen seien sie in der Lage, Reize besonders schnell wahrzunehmen. «Sie können um drei Ecken denken, haben schon fünf Antworten auf Fragen, die noch gar keiner gestellt hat.» Im Normalzustand sind sie daher oft kreativer und leistungsfähiger als andere Menschen - wenn das Betriebssystem in Takt ist.
Die Migräne-Attacke ist praktisch der Absturz. Auslöser können Stress, Wetterwechsel oder Schlafmangel sein - eigentlich jede Form von Unregelmäßigkeit. «Das eh schon schnelle Gehirn wird dadurch überlastet, es hat nicht mehr genügend Energie.»
Gleichtakt ist die beste Medizin
Was Migräne-Patienten also vor allem brauchen, ist Gleichtakt im Alltag: gleichmäßig ins Bett, gleichmäßig aufstehen und zu regelmäßigen, festen Zeiten die Mahlzeiten einnehmen. Leichter Ausdauersport wie Laufen oder Radfahren ist ebenfalls förderlich. Wichtig ist aber auch hier die Regelmäßigkeit. Alles, was plötzlich kommt, ist Gift. Auf dieser Grundlage entwickelt Göbel mit seinen Patienten eine Therapie.
«Auf keinen Fall sollte man einfach Tabletten schlucken und die Migräne ignorieren», mahnt der Schmerzspezialist. «Das mag ein halbes Jahr gutgehen, aber dann kommen die Komplikationen.» Oft werde dann gerade der Durchhaltewille gegen die Krankheit zum Problem.
Der krampfhafte Durchhaltewille lässt sich in vielen Fällen mit dem schlechten Ruf der Migräne erklären. «Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat», hieß es einst in Erich Kästners Kinderbuch «Pünktchen und Anton». Die Betroffenen haben bis heute unter derartigen Vorurteilen zu leiden. «Es ist nach wie vor das alte Spiel», klagt Karheiding, «gerade in der Arbeitswelt».
In seinem Berufsleben habe er immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Migräne als «eingebildete Krankheit» oder gar als Ausrede abgetan wurde. Auch um diesem Ruf entgegenzuwirken, engagiert sich der pensionierte Bauingenieur seit vielen Jahren in der «Migräne-Liga», einem bundesweiten Selbsthilfegruppenverband.
Mehr als acht Millionen Betroffene
Nach Schätzungen der Migräne-Liga sind mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland von der Kopfschmerzkrankheit betroffen. Facharzt Göbel geht allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer noch deutlich darüber liegt. Um nicht als Simulanten zu gelten, geben viele Patienten lieber an, sie hätten Rückenschmerzen oder Infekte. Außerdem sei Migräne oft ein «Wochenend-Phänomen» - denn am Wochenende wird die Regelmäßigkeit unterbrochen. «Man geht am Freitag spät ins Bett, schläft am Samstag aus, frühstückt später, und wenn man denkt, jetzt beginnt ein entspanntes Wochenende, kommt der Migräne-Anfall.»
Mit einem ausgewogenen Lebensstil könne dies vermieden werden. Mit der nötigen Disziplin sei es sogar möglich, einen Vorteil aus der Veranlagung zu ziehen. «Viele bekannte Persönlichkeiten haben und hatten Migräne», sagt Göbel. Ein Beispiel sei die Physikerin Marie Curie. Als 20-Jährige habe sie schlimmste Migräne-Attacken gehabt und sei kurz davor gewesen, ihr Studium abzubrechen. Am Ende wurde sie mit zwei Nobelpreisen für ihre Arbeit geehrt. «Migräne-Patienten haben im Grunde ein Hochleistungsgehirn. Wenn sie lernen, auch mal vom Gas runter zu gehen, können sie etwas daraus machen.»
Migräne bekam ich einen Tag vor meiner Periode . Hatte ich sie ,dann war die Migräne weg . Jetzt habe ich höchst selten mal Kopfschmerzen . Kenne sie kaum noch .
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