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Von Anja Opitz
Artikel vom 24.03.2010
Erste Sonnenstrahlen wärmen die Haut, Knospen sprießen, Vögel zwitschern - und plötzlich könnte man die ganze Welt umarmen! Wenn im Frühling die Natur zu neuem Leben erwacht, geraten auch die Gefühle in Wallung. Warum? Experten sind sich uneinig.
Die sogenannten Frühlingsgefühle lassen uns unbewusst lächeln, offener auf andere zugehen und öfter flirten. Was steckt hinter diesem Phänomen? Nach Ansicht von Günter Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München ist die veränderte Gemütslage eine Folge der jahreszeitlich bedingten Produktion von Hormonen. «Es gibt in der Natur saisonale Rhythmen, die einen biologischen Sinn haben: die Erhaltung der eigenen Art. Dazu gehört die Regulierung des Hormonhaushalts des Menschen», sagt der Professor.
Der entscheidende Faktor sei das Licht. «Licht reguliert die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das wiederum die Ausschüttung von Sexualhormonen reguliert.» Wenn die Tage im Frühling länger werden, steigt der Spiegel der Sexualhormone an. Das belegen wissenschaftliche Studien.
Auch die sogenannten Neurotransmitter, die Informationen von einer Nervenzellen zur nächsten weitergeben, werden durch Licht reguliert. «Je mehr Licht vorhanden ist, desto stärker wird zum Beispiel das Serotonin produziert, das einen positiven Einfluss auf die Stimmungslage des Menschen hat», so Stalla.
Die Evolution ist am Gefühlschaos schuld
Dieser komplexe biochemische Mechanismus habe sich nicht willkürlich entwickelt. Schuld an dem Gefühlschaos sei die Evolution. «Der evolutionsbiologische Hintergrund ist das Bestreben, Kinder möglichst dann zur Welt zu bringen, wenn es warm genug und genügend Nahrung vorhanden ist», erläutert der Hormon-Experte. «Ein Rehkitz, das im Winter zur Welt käme, hätte kaum Überlebenschancen. So war es früher beim Menschen auch.» Heute hätten saisonale Rhythmen in der westlich geprägten Welt jedoch keinen großen Einfluss mehr, da Licht, Wärme und Nahrung das ganze Jahr über in ausreichendem Maße vorhanden seien.
Folgt man Stallas Argumentation, könnte man den Menschen, überspitzt formuliert, als Sklaven seiner Hormone bezeichnen. Ein vehementer Gegner dieser Theorie ist Helmut Schatz, Facharzt für Innere Medizin und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). «Natürlich gibt es Frühlingsgefühle, man kann sie aber auf keinen Fall allein auf Hormone zurückführen», sagt er und verweist stattdessen auf eine Vielzahl von Faktoren, wie optische Reize und den Geruchssinn.
Den Zauber genießen
Einen Zusammenhang zwischen Frühlingsgefühlen und Sexualhormonen gibt es laut Schatz nicht. «Der weibliche Hormonhaushalt wird durch die Einnahme der Pille in einen Dauerzustand wie während einer Schwangerschaft versetzt, bei den Männern wird das Sexualhormon laut Untersuchungen im Frühsommer am stärksten produziert», sagt der Professor.
Die Theorie der Evolutionsbiologen zur verstärkten sexuellen Aktivität im Frühling in dem Bestreben, Nachwuchs in einer temperatur- und nahrungssicheren Zeit zur Welt zu bringen, hält der Mediziner für ein Ammenmärchen. «Zählt man zum dritten oder vierten Monat des Jahres noch neun dazu, kommt der Dezember und Januar heraus», rechnet er vor. Von einem «gedeckten Tisch» könne man in dieser Jahreszeit wohl kaum reden.
Ob Frühlingsgefühle nun durch hormonelle Veränderungen oder als Reaktion auf mehr Licht, Wärme und andere Reize zu verstehen sind, eins steht laut Schatz fest: «Gefühle sind immer echt.» Ihren Zauber sollte man gerade im Frühling intensiv genießen.
kat/sca/reu/news.de/ddp
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