So., 12.02.12

Selbstcoachen Mit «Nein» sich selbst bejahen

Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager

Artikel vom 16.03.2010

Immer wieder fällt man in die selben Verhaltensmuster. Lächelnde Hilfsbereitschaft, tobende Wut, schweigende Scham, genervtes Genörgel. Das ist an sich gar nicht schlimm und oft sehr hilfreich. Nur der Gegenpol sollte auch trainiert werden.

Man ist ausgepowert und gestresst, leidet an diffusen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magendrücken oder Schulterspannen oder fühlt sich oft niedergeschlagen, unmotiviert und mutlos. Nun könnte man Schmerztabletten schlucken, sich jede Woche vom Masseur durchkneten lassen, zum Psychologen laufen oder regelmäßig Yoga machen. Sicher können auch diese Strategien oft das Unbehagen erleichtern, aber in vielen Fällen nur kurzfristig. Und oft sind es nur die Symptome, die bekämpft werden. 

Stattdessen sei es aber besser, die Ursachen für das Unwohlsein aufzuspüren und diese dann ganz konkret anzugehen, finden die beiden Psychologen und Bestseller-Autoren aus Norwegen Dag Furuholmen und Gunnar Cramer und haben einen Ratgeber zusammengestellt, der aus Verhaltensfallen helfen soll. Denn meist liegt das Übel in festgefahrenen Mustern, die die Psyche quälen und sich in vielfältigen Symptomen breit machen. Das lässt sich ausbalancieren und abtrainieren. Und zwar ganz einfach alleine von zuhause aus ohne teure Therapie, sind die beiden Experten überzeugt.

Aber: Es sei immer schwer, sich von alten Gewohnheiten zu trennen, räumen die Norweger ein. Besonders wenn es sich um Verhaltensweisen handelt, die zum charakterisierenden Persönlichkeitszug geworden sind. Wie etwa, dass man immer besonders nett und hilfsbereit ist. Soll man nun einfach mal ganz klar «Nein» sagen, dann fühlt man sich vielleicht egoistisch. Oder bringt man seine Wut deutlich zum Ausdruck, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, empfindet man sich als schwach, wenn man nun erstmal in Ruhe zuhören soll.

«Das bin nicht ich»

«Viele Erwachsene glauben, sie seien so geboren oder es sei ihre Persönlichkeit, die man nicht ändern könne», schreiben die Autoren in ihrem Selbsthilfebuch Ich coache mich selbst!. Ein typisches Argument sei bei scheinbar typfremdem Verhalten: «Das bin nicht ich.» Dabei seien Verhaltensmuster flexibel und an- oder abtrainierbar.

Umschwenken geht nicht von heute auf morgen. Dafür ist Übung nötig. Und zwar über längere Zeit und immer wieder. Wie auch beim körperlichen Training auf dem Fahrrad, im Fitnessstudio oder auf dem Fußballrasen, müssen Ungeübte erstmal mit Muskelkater rechnen, so Furuholmen und Cramer. Und zwar meist im Rahmen eines fürchterlich schlechten Gewissens oder Schamgefühls, weil man so ganz gegen sein übliches Verhaltensmuster gehandelt hat.

Es gibt keine guten oder schlechten Verhaltensweisen per se, betonen die Selbsthilferatgeber. Nörgeln zu können, wütend seinem Ärger Dampf zu machen, hilfsbereit zu sein, streng durchzugreifen, seine Meinung deutlich zu sagen, rücksichtsvoll auf andere einzugehen und sich selbst zurückzunehmen, können in bestimmten Situationen durchaus hilfreich sein.

Nehmen sie aber überhand und werden zu einem Muster, mit dem man sich in ungeeigneten Situationen selbst ein Bein stellt, statt eine Reaktion auf eine individuelle Situation, wird es schwierig. Dann müsse eine Balance gefunden werden. Wer immer «Ja» sagt, muss das «Nein» üben. Wer schnell in die Luft geht, muss am Boden bleiben und wer sich nie traut, in einer Gruppe den Mund aufzumachen, muss trainieren, um zum Mittelpunkt des Raums zu werden.

Wo drückt der Verhaltensschuh

Doch um mit dem Training beginnen zu können, muss der Selbstcoacher erkennen, wo der Verhaltensschuh drückt. Dazu helfe eine Analyse, in der man sich selbst fragt, was genau mit einem passiert, wenn man etwa zum Kollegen oder Chef «Ja» sagt, obwohl sich eigentlich genug Arbeit auf dem eigenen Schreibtisch stapelt. Wird man unruhig? Meldet sich der innere Kritiker und hält einem vor, man sei einfach nicht fleißig genug? Machen sich Kopfschmerzen breit? Wird man traurig? Oder wütend? Im nächsten Schritt soll überlegt werden, wann man immer wieder in ein solches Verhalten reinrutscht. Wenn jemand eine hohe Erwartung an einem demonstriert? Wenn jemand anderes traurig ist? Wenn jemand um Hilfe bittet? Auch die negativen Gedanken, die einem in der Situation durch den Kopf schießen, wie etwa «Wenn ich nicht nett bin, dann mag mich keiner» und das typische Verhalten, etwa ständig zu lächeln, gehören zu dieser ersten Analysephase dazu.

Ist man sich der Mechanismen erst einmal bewusst, dann geht es zur Trainingsphase über, die erstmal alleine vor dem Spiegel beginnt. Dort wird reflektiert, wie man wirkt, wenn man «Nein» sagt, wütend seinen Ärger zum Ausdruck bringt oder einfach mal lächelnd zuhört und nickt. Wie wirkt die Körperhaltung, der Tonfall und was wird gesagt. Wer einige Übungseinheiten vor dem Spiegel absolviert hat, soll sich in die Wirklichkeit trauen und sich vornehmen, etwa einmal die Woche das Geübte anzubringen und in der Gruppe das Wort zu ergreifen, die Wut abebben zu lassen, bevor man auf Kritik reagiert oder ein Telefongespräch freundlich aber bestimmt abzubrechen.

Damit das schlechte Gewissen zu Anfang nicht zu sehr plagt, das Selbstwertgefühl durch neue Verhaltensweisen nicht völlig in Frage gestellt wird und der innere Kritiker nicht zu laut das vernichtende Wort ergreift, raten Furuholmen und Cramer dazu, einen Merkzettel zu machen. Warum mögen mich andere Menschen? Was mag ich an mir selbst? Was macht mich glücklich? Worin bin ich gut? Schließlich sei es oft die irrationale Selbstkritik, die einen mutlos vor neuen Unterfangen zurückschrecken lasse, statt die tatsächlich schlechte Meinung anderer. Der Zettel landet als Stütze im Geldbeutel und wird jedes Mal gezückt, wenn sich die Selbstzweifel quälend breit machen oder eine Übung zu großen Muskelkater verursacht hat.


Lesetipp: Gunnar Cramer und Dag Furuholmen: Ich coache mich selbst!, Humboldt Verlag, 244 Seiten, 9,95 Euro.

/ivb/news.de
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 17.03.2010 20:32
von
Franz Josef Neffe

"Es ist besser, die Ursache eines Leiden nicht zu kennen und es zum Schwinden zu bringen, als die Ursache zu finden und es dabei nicht los zu werden." É.Coué) Das UNBEWUSSTE weiß alles und lenkt alle Lebensfunktionen. Als Ich-kann-Schule-Lehrer folge ich Coués Beispiel und behandle das Unbewusste so zuvorkommend, dass es den "Rest" für mich macht. Echte Lösung nimmt nicht immer noch mehr dazu; sie ist einfacher als wir zu denken gewohnt sind. Guten Erfolg! Franz Josef Neffe

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