So., 12.02.12

Schädelhirntrauma Wirkstoff gegen Zelltod

Artikel vom 12.03.2010

Gegen Gehirnerschütterung ist bislang kein Kraut gewachsen. Seit Jahrzehnten suchen Forscher nach einem Medikament, das die Zerstörung von Hirnzellen nach einem schweren Schädelhirntrauma aufhalten kann. Magdeburger Wissenschaftlern ist dabei ein Durchbruch gelungen.

Doe Magdeburger Wissenschaftler haben erstmals einen Wirkstoff erfolgreich an Patienten getestet. 14 Kliniken in drei Ländern Europas beteiligten sich an der Studie. Untersucht wurden Menschen mit schwersten Hirnschädigungen, die bleibende Störungen des Nervensystems zur Folge haben. Dazu gehören anhaltende Bewusstlosigkeit, Lähmungen, Sprach-, Gedächtnis- und intellektuelle Störungen. 97 Patienten mit schwersten Schädelhirntraumata wurden mit zwei unterschiedlichen Dosen des Wirkstoffs beziehungsweise mit Placebos behandelt.

Der Wirkstoff wurde einmalig über eine 24-stündige Infusion verabreicht. Raimund Firsching, Professor für Neurochirurgie an der Universitätsklinik Magdeburg, koordinierte die Pilotstudie. «Die Studie belegt, dass die Zahl der Todesfälle in den ersten 30 Tagen nach einem Unfall durch den Wirkstoff gesenkt werden konnte», resümiert Raimund Firsching. «Allerdings», schränkt der Neurochirurg ein, «handelt es sich zunächst um eine Pilotstudie mit einer begrenzten Zahl von Patienten.»

Bedrohte Hirnzellen werden geschützt

In der Vergangenheit schlugen alle Bemühungen fehl, Schädelhirntraumata mit Medikamenten zu behandeln. «Lange Zeit setzte man auf Cortisone, bis sich herausstellte, dass sie sogar schädlich sind», konstatiert Raimund Firsching. Bei einem Schädelhirntrauma funktionieren teilgeschädigte Zellen zunächst noch, bis sie schließlich unvermeidlich vom Zelltod ereilt werden. Konventionell werden bewusstlose Patienten bislang beatmet und ihr Kopf innerhalb einer Stunde mit bildgebenden Methoden untersucht.

Im Falle einer Hirnblutung werden sie operiert. «Es sieht so aus», sagt Firsching, «dass die bedrohten Hirnzellen durch das Medikament geschützt werden können. Darauf gründet sich die Hoffnung für die Patienten.» Je eher der Wirkstoff verabreicht wird, desto besser ist seine Wirkung. «Optimalerweise übernimmt das gleich der Notarzt sofort nach dem Unfall», erklärt Firsching. Das allerdings konnte im Rahmen der Studie nicht praktiziert werden. Die Patienten erhielten ihre Infusion erst im Krankenhaus.

Frank Striggow, Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer der Magdeburger Biotechnologiefirma KeyNeurotek, verweist auf die günstige Prognose, die bei Patienten erzielt werden konnte, die mit dem von seinem Unternehmen hergestellten Wirkstoff behandelt wurden. Drei und sechs Monate nach dem Unfall hatten diese Probanden ein besseres Orientierungsvermögen und weniger Gedächtnisausfälle als die placebobehandelten Patienten: «Im Rahmen der Studie haben wir nachgewiesen, dass der Zelltod verhindert, der Schädelinnendruck verringert und der zerebrale Perfusionsdruck, der für die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Glukose verantwortlich ist, erhöht werden konnten.»

Medikament frühestens 2014 auf dem Markt

Bei dem Wirkstoff handelt es sich laut Striggow um ein kleines chemisches Molekül, das an Eiweiße auf der Oberfläche von Nervenzellen andockt und dafür sorgt, dass die Zellen geschützt werden. «Wir forschen seit etwa sechs Jahren daran, unter anderem kooperieren wir mit Bayer», erklärt Striggow. «Dabei bauen wir auf eine langjährige Tradition der Magdeburger Hirnforschung auf.»

In der Studie wurde laut Striggow auch die Verträglichkeit des Wirkstoffs nachgewiesen. «Nun geht es darum, das Medikament zuzulassen, damit es Patienten helfen kann», sagt Striggow. Dazu ist mindestens eine weitere Studie nötig. Etwa zwei bis drei Jahre veranschlagt der Firmenchef dafür. Ein Medikament auf der Grundlage des Wirkstoffs könnte frühestens 2014 oder 2015 auf dem Markt sein.

car/reu/news.de/ap
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Schädelhirntrauma: Wirkstoff gegen Zelltod » Gesundheit » Nachrichten

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