Mo., 13.02.12

Darmkrebs «Wir müssen noch mehr Menschen motivieren»

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Artikel vom 04.03.2010

Jährlich erkranken mehr als 70.000 Menschen neu an Darmkrebs, 27.000 sterben daran. Früh erkannt ist diese Krankheit jedoch gut heilbar. News.de spricht mit Dr. Christa Maar, die den Darmkrebsmonat März initiiert hat.

Frau Dr. Maar, der März ist Darmkrebsmonat - warum?

Dr. Christa Maar: Es ist ein Aktionsmonat, den wir im Jahr 2002 initiiert haben, als es noch keine Darmkrebsvorsorge beziehungsweise Koloskopie gab. Lediglich ein Stuhltest wurde seit den 1970er Jahren angeboten, aber so gut wie nicht in Anspruch genommen, weil die meisten Menschen nichts davon wussten. Es war eine unhaltbare Situation.

Sie selbst haben am eigenen Leib erfahren müssen, wie unhaltbar die Situation war. Ihr Sohn Felix erkrankte an Darmkrebs.

Maar: Ja, und als er dies erfuhr, war es schon zu spät. Sein Darmkrebs war gewachsen, ohne dass er etwas bemerkt hatte. Irgendwann spürte er Bauchschmerzen, die von Metastasen in der Leber herrührten. Er hatte keine Chance. Zwei Jahre nach der Diagnose starb er.

Und seitdem setzen Sie sich für die Darmkrebsvorsorge ein?

Maar: Ja, das war der Wunsch meines Sohnes. Er wollte auch, dass eine Stiftung seinen Namen trägt und dafür gesorgt wird, dass anderen Menschen sein Schicksal erspart bleibt. Mein Sohn hatte familiären Darmkrebs – das heißt, er hat die Veranlagung zu Darmkrebs geerbt. Inzwischen weiß man mehr über diese Darmkrebsart und kann Angehörige von Familien mit Darmkrebs darauf hinweisen, dass sie ein 80-prozentiges Risiko haben, an Darmkrebs zu erkranken und dass der Krebs schon in jungen Jahren ausbrechen kann. Das alles muss aber nicht passieren, denn der Tumor wächst langsam und ist in seinen Vorstadien gutartig. Er lässt sich nur mit einer Darmspiegelung entdecken und entfernen.

Was hat sich in den acht Jahren seit dem ersten Ausrufen des Darmkrebsmonates bewegt?

Maar: Es hat sich viel bewegt in der öffentlichen Wahrnehmung. Man spricht über Darmkrebs, und rund 500.000 Menschen in Deutschland nehmen jährlich die Vorsorgedarmspiegelung in Anspruch. Vonseiten des Gesundheitssystems ist jedoch, abgesehen von der Einführung einer kostenlosen Darmspiegelung für Frauen und Männer ab 55 Jahren im Jahr 2002, nicht viel passiert. Es gab keinerlei Kampagnen nach dieser Einführung; die Leute wüssten heute noch nichts davon, wenn wir damals nicht angefangen hätten, auf diese Vorsorgemöglichkeit aufmerksam zu machen.

Hört sich an, als könnten Sie sich zufrieden zurücklehnen…

Maar: Nein, es gibt noch viel zu tun. Wir müssen noch viel mehr Menschen zur Koloskopie motivieren. Bislang haben wir etwa 20 Prozent der Menschen aus der Zielgruppe ab 55 Jahren dazu gebracht, eine Vorsorgedarmspiegelung zu machen. Das sind immerhin vier Millionen Menschen seit dem Jahr 2002. Und was man auch sagen kann, ist, dass sich die Zahl der früh und spät erkannten Darmkrebse praktisch umgekehrt hat. Inzwischen werden die meisten Darmkrebse im Frühstadium erkannt und können in aller Regel nahezu vollständig geheilt werden.

Mehr als 70.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Darmkrebs. 27.000 sterben jährlich. Viele könnten gerettet werden, wenn sie zur Vorsorge gehen würden. Warum scheuen sich die Menschen von der Darmspiegelung?

Maar: Sie denken, die Darmspiegelung tut weh, und sie scheuen die Vorbereitung. Denn man muss den Darm mit einer speziellen Trinklösung entleeren, was unangenehm ist. Aber die Leute machen sich nicht klar, dass diese Unbequemlichkeiten unter Umständen lebensrettend sein können. Menschen, die sich gesund fühlen, ist es relativ schwer beizubringen, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Und Männer denken überhaupt nie an Vorsorge, die halten das für Dinge, die Weicheier tun und etwas, das irgendwie überflüssig ist. Viele sagen auch, sie würden schon merken, wenn sie krank werden. Dann sei immer noch Zeit, zum Arzt zu gehen. Das ist aber ein Trugschluss, denn den Darmkrebs spürt man nicht im Frühstadium. Er kann nur per Darmspiegelung entdeckt werden. Und hat man die hinter sich und wurden keine Polypen entdeckt, muss man erst zehn Jahre später wieder zur Untersuchung.

Was spürt man während der Untersuchung?

Maar: Wenn man möchte, spürt man gar nichts. Denn inzwischen gibt es Medikamente, die dafür sorgen, dass die Patienten während der gesamten Koloskopie schlafen. Es ist also eine der einfachsten Vorsorgen, die zudem noch von den Krankenkassen übernommen wird und die keine Schmerzen verursacht.

In diesem Jahr wollen bekannte deutsche Comedians die Vorbehalte gegen die Darmspiegelung brechen. Wie passt das zusammen – Humor und ein so ernstes Thema wie Darmkrebsvorsorge?

Maar: Ich finde, das passt wunderbar zusammen. Mit Humor lassen sich schwierige Themen oft viel leichter, direkter und ohne erhobenen Zeigefinger thematisieren. Und deswegen haben wir uns entschieden, mit Comedians zusammenzuarbeiten: Atze Schröder, Markus Maria Profitlich, Ingolf Lück und Hans Werner Olm. Sie schlüpfen in ihre bekannten Rollen, also Ingolf Lück spielt den Rentner Herbert Görgens oder Hans Werner Olm tritt als Hausfrau Luise Koschinsky auf, und sprechen in TV-Spots über die gängigen Vorurteile und Ängste der Menschen. Aber dann schlüpfen sie aus ihren Rollen heraus, geben sich als Mensch hinter der Figur zu erkennen und sagen das, was für jeden gelten sollte: «Wenn es um Darmkrebs geht, hört bei mir der Spaß auf.»

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Maar: Unsere Forderung Nummer eins ist, dass möglichst sehr schnell flächendeckend in Deutschland Einladungen verschickt werden an alle, die einen Anspruch auf die Darmkrebsvorsorge haben – ähnlich wie beim Brustkrebsscreening. Das bedeutet, dass die Einwohnermeldeämter ihre Daten zur Verfügung stellen müssen und eine bundeseinheitliche Regelung gefunden werden muss. Aber das kann dauern. Im Moment haben wir 16 Bundesländer, 16 Datenschützer und 16 unterschiedliche Datenschutzregelungen – ein Albtraum.

Dr. Christa Maar rief im Jahr 2001 die Felix-Burda-Stiftung ins Leben, die sich im Andenken an ihren 2001 verstorbenen Sohne für die Darmkrebsvorsorge einsetzt und die jährliche Kampagne Darmkrebsmonat März initiiert hat.

kat/news.de
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 05.03.2010 12:18
von
Lieselotte Ahammer

Hallo, in den vorstehenden Artikeln wird Vorsorge mit Früherkennung verwechselt ! Echte Vorsorge wird angesprochen "Wie man dem Krebs entkommt"! Ich würde in der Diagnostik auf jeden Fall als Früherkennung eine Stuhluntesuchung oder eine Blutuntersuchung vorziehen: bei einer Darmspiegelung kann eine Darmreizung oder Darmverletzung entstehen bzw. Ein "Haustierkrebs" ja erst zum Raubtierkrebs mutieren !

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