Trend Vollbart Der letzte Schrei für echte Männer

Er kratzt beim Küssen und war lange Zeit völlig out: Momentan ist die haarige Zier aus den Gesichtern der Modebewussten nicht mehr wegzudenken. Feiert der Bart ein Comeback?

Bart (Foto)
Der Bart als Kunstwerk: Drei Stunden im Bad muss Mann schon einplanen, wenn sein Bart so aussehen soll. Bild: dpa

Barba decet virum - der Bart macht den Mann. Seit der Antike ist er das Symbol der sexuellen Reife und damit verbundener Machtansprüche. Von den Götter- und Herrscher-Bärten der Antike bis zum wilhelminischen Kaiser-Backenbart wurde er geschnitten, geformt, gedreht, geflochten, gefärbt, gelockt, geölt, parfümiert, mit Goldstaub, Goldfäden und Ersatzhaar verziert.

Dann plötzlich wurde der Mann am Apparat verlangt. Nach dem zweiten Weltkrieg folgte der Boom der Selbstrasur. Nur an den Backen linksalternativer Studenten der 1970er Jahre hielt sich die Wolle noch eine Weile als Protestfrisur. Heute hängt sie nicht mehr den Sozialpädagogen und Mathelehrern im Gesicht, sondern auch dem jungen Kreativpotenzial.

Sogar vom derzeit heißesten Accessoire in Hollywood ist die Rede. In der Filmfabrik zeigen sich die Männer schon seit geraumer Zeit mit mehr oder weniger dichter Gesichtsbehaarung. Allen voran Brad Pitt und George Clooney, die sich in dieser Saison auf dem roten Teppich bereits mit leichter Grautönung präsentierten. Teenie-Schwarm Robert Pattinson ließ sich anstecken, und auch Jim Carrey hat das Rasieren aufgegeben.

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Ein Bart bis zum Bauchnabel

Wolfgang Stier kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Er trägt seit fast 30 Jahren Bart. «Meine damalige Frau gab den Anstoß - ihr hat es gefallen, mir auch. Und seitdem ist das Ding dran», sagt der 58-Jährige. Wenn Stier seinen Bart in die Länge zieht, reicht er bis zum Bauchnabel, zieht er ihn in die Breite, erreicht er eine Spannbreite von 1,20 Metern.

In Deutschland sind Bartträger wie Stier in der Minderheit. Laut einer Umfrage des Magazins Men's Health rasieren sich zwar 64,4 Prozent der befragten Männer nicht jeden Tag. Aber sie bevorzugen den Drei-Tage-Bart (37 Prozent), gefolgt vom Kinnbart, den sich zwölf Prozent stehen lassen. Vier Prozent der Befragten lassen sich einen sogenannten Henriquatre wachsen, eine Kombination von Schnauzer und Kinnbart, wie ihn Pop-Sänger George Michael zuweilen trägt. Aber Schnurr- und Vollbärte liegen mit jeweils drei Prozent ganz am Ende der Hitliste.

Stier ist Präsident des Bart- und Schnorresclubs Höfen, der mit mehr als 200 organisierten Bartträgern der derzeit größte Bartclub der Welt ist. Sinn und Zweck des Clubs ist «die Förderung des natürlichen Bartwuchses des Mannes und die Hege und Pflege des Bartes». Das Clubmotto lautet: «Ein Mann mit Bart - immer eine Haarlänge voraus.» Stier sagt: «Der Bart ist der natürliche Schmuck des Mannes, er wurde dem Mann von Gott gegeben - und nur dem Mann.» Und: «Ein Bart macht einen Mann interessanter.»

Die Männer im Höfener Bartclub lassen sich grob einteilen in Vollbart-, Kinnbart- und Schnurrbartträger. «Letzteren sagt man nach, dass sie hektisch sind», erklärt Stier. Vollbärtige seien dagegen ausgeglichener und ruhiger - Männer mit Würde eben, so wie Stier.

Bärtige Männer sind sympathisch

Wie wirken Männer mit Bart? Mit dieser Frage hat sich zum Beispiel die Hamburger Soziologin Christina Wietig beschäftigt. Der Bart von heute, so ihre These, besitzt hauptsächlich eine kommunikative Funktion. Immer noch werde das nicht rasierte Wangenhaar als Indiz für den gesunden, fortpflanzungsfähigen Herrn interpretiert. Aber er sei auch stets bedroht durch die metrosexuelle Gegenbewegung zur absolut haarlosen Nacktheit und Androgynität.

Auch die Kieler Forscherin Barbara Strauß ging der Frage nach, wie Bärte wirken. Sie hat 85 Studenten Fotos von 48 Männern, darunter einige Bartträger, vorgelegt, die alle gleich ausdruckslos schauten. Trotzdem wurden die Bärtigen durchweg positiver beurteilt als die Rasierten. «Ein Bart lässt Männer sympathischer, gebildeter und auch attraktiver wirken», folgert Strauß. Ob Bartträger allerdings auch als Partner bei den Frauen das Rennen machen, ist unklar. «Danach haben wir nicht gefragt», sagt die Wissenschaftlerin.

Das Magazin Men's Health hat darauf eine Antwort: Demnach finden die meisten Frauen Bärte gar nicht toll. Warum? Bei 40 Prozent gibt es Aufregung zu Hause, weil der Bart beim Küssen kratzt, neun Prozent der Frauen fühlen sich von der Gesichtsbehaarung beim Sex gestört. Und 15 Prozent beklagen, dass der Bart ihres Partners ungepflegt aussieht.

Ungepflegte Bärte gibt es nicht in Stiers Bartclub. «Unsere Frauen sind begeistert», versichert der Clubchef. Und Beschwerden über unhygienische Küsse habe er noch nicht gehört, jedenfalls nicht von den Frauen der Clubmitglieder. Stier wäscht seinen Bart jeden Tag mit einem milden Shampoo, gelegentlich verwendet er eine Kurpackung. Denn: «Genau wie das Kopfhaar braucht auch der Bart Pflege, wenn er stramm, gesund und attraktiv sein soll.» Es sei ein Irrtum zu glauben, dass man den Bart einfach sich selbst überlassen könne. Manche Männer transpirierten stark auf der Oberlippe, dann fange der Bart an zu riechen, was man selbst oft nicht wahrnehme.

Das tägliche Pflegeprogramm

Neben dem Waschen und Fönen gehört das Kämmen, Bürsten und Stutzen zum täglichen Bartpflegeprogramm. «Es gibt immer ein paar Haare, die verrückt spielen, die hervor schießen und ein Eigenleben zu führen scheinen», erklärt Stier. Wenn eine Meisterschaft ansteht, verbringt er morgens gut drei Stunden im Bad, um seinen Bart in Form zu bringen. Schaumfestiger, Haarlack, Haarwachs, Haarspray, Lockenwickler und Fön kommen dabei zum Einsatz. Der Lohn dieser Mühen: Stier ist unter anderem Super-Europameister aller Vollbartklassen.

Auch wenn Stier es gerne sehen würde, wenn noch mehr Männer Bart trügen, warnt er Geschlechtsgenossen doch davor, sich einfach mal so einen Bart stehen und wild wuchern zu lassen. Denn: «Ein Bart muss modelliert werden.» Und: «Nicht jedem steht ein Bart, und nicht jeder Bart passt zu jedem Gesicht.» Manchen Bartträgern würde Stier am liebsten eine andere Variante empfehlen - oder raten, es gleich ganz sein zu lassen. «Ein blondhaariger Mann mit knallrotem Bart», so Stier, «geht gar nicht.» Und ein Bart wie ihn SPD-Politiker und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse trägt, schreie geradezu nach mehr Pflege. «Ich habe dem Thierse schon etliche Tipps gegeben», erzählt Stier. «Aber irgendwie hat er keine Lust oder keine Zeit.»

An Lust und Zeit, sich seinem Bart und anderen Bärten zu widmen, lässt es Wolfgang Stier nicht mangeln. Er ist Gründer des Verbandes Deutscher Bartclubs, des Weltverbands der Bärte und Vize-Weltpräsident. Außerdem ist er seit mehr als zehn Jahren in seinem Heimatort Höfen an der Enz im Gemeinderat engagiert. In dem knapp 1700 Einwohner zählenden Dorf ist der ehemalige Postbeamte für die Kinder «der Nikolaus».

/ivb/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Minnie
  • Kommentar 2
  • 09.12.2012 12:35

Bärte tragen doch nur Obdachlose, die kaum Gelgenheit haben, sich zu rasieren. Auf jeden Fall wirken Bartlose Gesichter freundlicher und attraktiver, das bestätigen auch evolutionsplychologische Studien.

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  • Elster
  • Kommentar 1
  • 27.02.2010 12:25

Bart ist nicht mein Geschmack . Wenn der Mann so was liebt ,na dann bitte . Ich finde es nicht gut.

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