Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 17.02.2010, 17.20 Uhr

Makrobiotik: Essen und ein besserer Mensch werden

Wie esse ich richtig? Das ist die Frage, die derzeit die Biofach-Messe in Nürnberg wälzt. Lebensberater Klaus Schubring hat seine Antwort gefunden: Makrobiotische Ernährung liefert dem Hirn, was es braucht, und entlastet den Körper. Das macht glücklich.

Der Weg der Makrobiotik führt nicht nur durch Körnerwelten, sondern auch durchs Leben. Bild: dpa

Herr Schubrig, Makrobiotik verspricht Freude am Leben, Freiheit vor finanzieller Angst, Überlebensfähigkeit, Fähigkeit zu Lieben, Selbstlosigkeit. Funktioniert das alles nur durch Ernährung?

Schubring: Ich bin mehr froh als sauer, also muss es in der Richtung eine Wirkung haben.

Wie funktioniert das?

Schubring: Das erfordert eine etwas längere Erklärung, ich versuche mich kurz zu fassen. Alles, was Menschen essen, und wenn es noch so natürlich erscheint, ist Erfindung des Menschen. Für uns ist entscheidend, wie es zusammengestellt und zubereitet ist, damit es mit wenig Aufwand vertragen wird. Desto mehr Freiraum ist für die Gesamtstruktur da, für Aufnahmefähigkeit und Abgabefähigkeit. Frohsinn beruht darauf, dass der Mensch ausreichend Freiraum hat. Das ist die eigentliche Zielrichtung der Makrobiotik, in der Hoffnung, dass Menschen, die mehr Freiraum haben, die Gesellschaft mit mehr Toleranz und Frieden gestalten.

FOTOS: Brainfood So essen Sie sich klug

Ernährung ist also die Grundlage für bessere Menschen?

Schubring: Das Hauptthema der Makrobiotik ist nicht Essen und Trinken, sondern die Frage: Was ist ein ziemlich sicherer Weg zur Lebensfreude? Essen und Trinken sind in der Makrobiotik immer in der gesellschaftlichen Funktion zu verstehen. In jeder Kultur kommen doch dieselben Fragen zum Tragen: Was ernährt den Menschen in seiner Intelligenz, so, dass er sich weiter entfaltet? Nahrung ist alles, was uns sozial kompetent macht: emotionale Nahrung, zivilisatorische Strukturen, und Orientierung für jeden Einzelnen. Letztlich funktioniert es aber nur in der Gemeinschaft.

Nichts desto trotz beruht Makrobiotik auf einer bestimmten Ernährung. Was ist das besondere daran?

Schubring: Spannenderweise erfinden Menschen immer wieder essbare Dinge, die in erster Linie unserem Hirnstoffwechsel nutzen. Menschen brauchen definitiv so etwas wie Intelligenznahrung. Ideal ist, was unsere geistig-nervliche Arbeit ernährt und den Körper so wenig wie möglich belastet.

Haben Sie da ein Beispiel?

Schubring: Ihr Körper braucht ein Mindestquantum an Mineralsalzen. Technisch gesehen wird das mit Bratwurst und Pommes abgedeckt, aber diese Kombination bereitet unserem Körper eine Menge Nacharbeit. Dieselbe Nährstoffmenge bekommen sie durch Gemüse im Meersalzsud mit Hirse. Auf die Dauer ist die Frage, was hält der Körper aus? Die leichte Variante sorgt für mehr Freiraum und mehr Gesundheit.

Der Begründer der modernen Makrobiotik, Georges Ohsawa, ist Japaner, und die Makrobiotik ist vor allem dort populär. Warum?

Schubring: Es hat damit zu tun, dass es dort sehr lange Friedensperioden gab. Die Bevölkerung wuchs, aber Japan ist ein Land, das eigentlich nicht viele Menschen ernähren kann. Deshalb wurde wenig tierische Nahrung produziert, weil so mehr Fläche für pflanzliche Nahrung zur Verfügung stand. Weil tierische Nahrung aber von ihrem Mineralanteil wichtig ist für die Hirnentwicklug, brauchte man Alternativen, die diese geistige Aktivität fördern. Das muss erforscht und erfunden werden, zum Beispiel mit der Sojabohne. Sie wird in Sojasoße oder Misopaste verwandelt, das ist Würzmittel, aber gleichzeitig Nervennahrung. Deshalb hat Japan mehr Beilagen, die ideal für die Nervenversorgung sind, und Makrobiotik hat einen japanischen Anstrich bekommen. Es kommt aber aus der Antike.

Die Japaner verwenden auch viele Algen. Was ist das Besondere daran?

Schubring: Algen haben einen sehr geringen Nährwert, aber sie nähern beide Abteilungen des Nervensystems optimal. Mit Polisacchariden, die wie Zucker verdaut werden, und Mineralien.

Die makrobiotische Ernährung ist je nach geographischer Lage unterschiedlich ausgeprägt. Was ist ihr überall gemein?

Schubring: Es gibt eine Grundrichtung, ich nennen das Essmuster eins. Das ist Getreide, bekömmlich zubereitet. Die Körner müssen genügend aufgeschlossen werden, Getreide braucht deshalb lange Kochzeiten und eine Spur Salz.

Warum wir im Winter nicht von Salat satt werden

Aber gehen nicht beim langen Kochen die Vitamine kaputt?

Schubring: Inzwischen ist bekannt, dass besonders Getreide bei extrem langem Kochen mehr Substanzen freigibt für unseren Körper, die diese Feinsteuerung des Organismus ermöglichen. Das hilft, zu erklären, warum Menschen, seitdem sie selbst Nahrung zubereiten, alles zu Tode kochen. Vitamine können wohl auf andere Weise genügend aufgenommen werden, weil ja auch jeder hier und da etwas Rohes isst. Wir wissen heute, dass Sie, wenn Sie nur von Rohem leben und ihr Gehirn funktionieren soll, 17 Stunden am Tag nur mit essen und kauen beschäftigt wären. Zubereitung sorgt für eine höhere Nährstoffdichte. Das scheint der Hauptgrund zu sein.

Die Makrobiotik setzt auf eine Kombination?

Schubring: Ja, denn es ist ja kein Tag gleich. Im Sommer nähert mich das Licht, dann ist es logisch, dass ein Salat sattmacht.

Was macht denn im Winter satt? Für viele Leute ist es Schokolade und Kuchen, aber Zucker ist in der Makrobiotik ja nicht erwünscht.

Schubring: Es betäubt kurzfristig. Der Punkt ist, alle Nahrung verwandelt sich in Licht-Photonen, das ist erwiesen. Je länger das Essen gewachsen ist und zubereitet wurde, desto mehr Licht scheint es zu verschaffen, bildhaft gesprochen. Passenderweise sind solche Gemüse, wie zum Beispiel Kohl, im Winter auch zuverlässig verfügbar. Getreide hat immer diesen Effekt, Hirse besonders stark. Sie wird ja jetzt auch wieder angebaut.

Warum war dann die Hirse bei uns fast verschwunden?

Schubring: Es gibt ja auch ein anderes Essmuster. Bei Kartoffeln, geschältem Reis oder weißem Mehl sind die Mineralanteile jedoch zu gering. Das klappt trotzdem erstmal, wenn Sie als Beilagen viel Salziges oder Tierisches haben. Da aber Salze in unserem Körper Säuren brauchen, um erträglich zu sein, muss etwas Fettreiches dazu oder Essig. Dafür wiederum braucht der Körper Verdauungshilfen, für manche ist das Alkohol. Das ist ein Blick auf das moderne Essen, das Phänomen gab es aber auch schon früher, wenn Menschen durch bestimmte Umstände keine Hauptgetreidesorten hatten. Es bildet sich ein anderes Muster heraus, das aber auf die Dauer anstrengender ist. In Deutschland wurden Kartoffeln angebaut statt Getreide, weil der Kartoffelertrag kurzfristig höher war.

Was essen Sie außer Körnern noch?

Schubring: Man hat eine große Freiheit bei pflanzlichen Nahrungsmitteln, Gemüse, Bohnen, bei uns gibt es auch Tofu oder Saitan. Dann vielleicht Algen, eine Miso-Suppe vorweg, und eventuell Fisch. Wir essen kein Fleisch, aber Makrobiotik ist nicht grundsätzlich vegetarisch. Bei tierischer Nahrung ist die Zubereitung besonders wichtig. Wenn sie Fleisch sehr mürbe kochen, ist die körperliche Verarbeitung leicht.

Der Geschmack von Sojasoße oder Misopaste, die ja viel verwendet werden, ist sehr penetrant. Muss man sich daran gewöhnen?

Schubring: Das liegt daran, weil er gewissermaßen direkt in die Nervenzellen geht. Die Kunst ist, es so zuzubereiten, dass es wieder schmackhaft wird. Miso kombinieren wir gern mit Senf, einer Öl-Kräuter-Mischung oder mit Knoblauch-Zwiebel-Püree, oder wenig Miso mit viel Mandelmus. Sojasoße wird auch in Japan immer gemischt, mit Essig, Reiswein, Gewürzen.

Essen Makrobiotiker Nachtisch?

Gibt es auch Nachtisch bei Ihnen?

Schubring: Wenn die Zeit es erlaubt, einen Grießpudding oder Obstspeise.

Ohne Zucker?

Schubring: Zucker ist nicht nötig, den kann der Körper selbst herstellen. Er verwandelt Getreide oder Gemüse ja in Zucker. Nur, wenn wir zu anstrengend leben, brauchen wir Zucker pur, weil unser Gehirn so viel davon braucht. Aber es gibt Varianten wie echtes Malz, Getreidesirup, Birndicksaft. Wenn Zucker für sie unvermeidbar wird, müssen sie ihn halt essen. Idealerweise achten sie darauf, dass es eine angenehme Umgebung ist. Dann brauchen sie nicht so viel. Essen existiert ja nicht außerhalb unserer Lebensumstände.

Muss man sich Ihrer Ansicht nach streng nach den Ernährungsregeln richten?

Schubring: Natürlich nicht, sie sollen ja fröhlich und klüger werden! (lacht) Ich mache das seit 40 Jahren. Letztlich entscheidend ist, dass die Hauptrichtung beim häuslichen Essen klar ist. Die Frage ist, welche Kompromisse sind angemessen, und das ist bei mir einigermaßen vegetarisch oder italienisch. Oder Fisch mit Reis und Nudeln...

Bei der Makrobiotik ist viel von Ying und Yang die Rede. Welche Rolle spielt das für Sie?

Schubring: Das ist das Eigentliche, aber es ist schwer verständlich zu machen. Das Ying-Yang-Denken ist eine andere Form von Naturwissenschaft. Man kann sich da richtig reinarbeiten, um sehr vieles von den Gesetzen der Natur oder der Welt zu verstehen. Aber wenn nicht, sollte man es lieber gleich lassen, ein oberflächliches Betrachten ist heikel. Die schlimmsten Varianten sind, Ying ist weiblich, Yang ist männlich. Das ist so nicht richtig.

Verstehen Sie Makrobiotik auch als Heillehre?

Schubring: Das ist auch eine zwiespältige Geschichte. Aus asiatischer Sicht ist völlig klar, wenn ein Mensch eine Erkenntnis hat, ist das im menschlichen Sinne Heilung, nicht im körperlichen. Umorientierung ist der Weg, der auch dem Körper hilft, besser zu funktionieren. Die westliche Sichtweise von Heilung, dass ich nie wieder zum Arzt gehen muss, ist damit nicht gemeint. Wenn wir uns nach den Essmustern richten, dann trägt es dazu bei, dass ihr Körper relativ frei funktioniert, das stabilisiert die körperliche Gesundheit. Aber nicht, weil die Ernährung von Haus aus heilt, sondern, weil der Mensch sich offenbar selber heilen kann. Essen hat eine Entlastungsfunktion im Körper, die die Heilung begünstigt.

Warum ist die Makrobiotik in Deutschland nicht populärer, obwohl die biologische Ernährung boomt?

Schubring: Im Untergrund ist die Makrobiotik erstaunlich erfolgreich, es gibt zigtausend Leute, die irgendwie versuchen, danach zu leben. Auch die Biobewegung ist durch Makrobiotikleute in Gang gebracht worden. Der Unterschied ist: Vegetarisch und bio kann man beliebig kombinieren, aber die Makrobiotik erfordert, dass Sie sich ernsthafter damit befassen. Außerdem hat sie sozial gesehen einen Isolationseffekt, weil viele nicht lernen, dass es auch mit sinnvollen Kompromissen funktioniert. Es braucht einen sozialen Impuls, bisher ist es eher eine individuelle Heldenleistung. Aber möglicherweise gehen die Empfehlungen künftig stärker dahin, weil Makrobiotik ja genau übereinstimmen mit dem, was wir aus Klimagründen essen sollten.

Klaus Schubring ist studierter Historiker und Gründer des Ost-West-Zentrums in Hamburg. Es führte zehn Jahre lang einen Naturkostladen und arbeitet inzwischen ausschließlich als Makrobiotik-, Unternehmens- und Lebensberater. Er nimmt regelmäßig Lehraufträge an.

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