Von Florian Sanktjohanser
Für manche Menschen ist der Eintritt ins Rentenalter eine Phase der Krise und der Ernüchterung. Um nicht in Verbitterung zu versinken, sollten Neu-Rentner ehrlich Bilanz ziehen - und auch die guten Seiten sehen.
Mit dem Beginn der Rente ist das Berufsleben, eine wesentliche Etappe des Lebenswegs, abgeschlossen. Besonders Männer wurme es oft sehr, wenn sie ihre selbstgesteckten Karriereziele nicht erreicht haben, weiß Wolfgang Drehmann, Leiter der Lebensberatung im Bistum Trier. Andere seien verbittert, weil sie viel Liebe in ihre Kinder investiert haben und nun das Gefühl haben, sie nicht zurückzubekommen.
Der erste Schritt zu einem positiven Umgang mit geplatzten Lebensträumen sei laut Drehmann, sich das und die Gefühle dazu einzugestehen - die Wut etwa oder sogar Scham. Erst dann sei es möglich, sich damit zu versöhnen. «Man sollte es akzeptieren als Teil des gelebten Lebens» - aber nur als einen Teil. Denn der entscheidende zweite Schritt sei, auch das Gute und Gelungene in der eigenen Biografie zu sehen und sich darauf zu konzentrieren: «Wer vielleicht den falschen Beruf ergriffen hat, sollte sich überlegen, was er trotzdem darin erreicht hat», so Drehmann.
Professor Hartmut Radebold rät, mit dem Partner und den Kindern über das eigene Leben zu sprechen. Oft ermöglichten erst sie einen ausgewogenen Blick zurück, erklärt der emeritierte Psychoanalytiker aus Kassel. Familie und Freunde seien auch die beste Versicherung gegen Resignation und Rückzug, ergänzt Drehmann. Und wer in Verein oder Ehrenamt eingebunden ist, könne den Wegfall der beruflichen Kontakte leichter kompensieren. Diese Kontakte seien für das Selbstwertgefühl wichtig. In der Fachsprache wird dies als «Helpers High» bezeichnet: Ist man für andere Menschen da und erhält dafür Anerkennung, so tut dies auch der eigenen Seele und dem Wohlbefinden gut.
Der Glaube kann helfen
Vielen helfe ihr Glaube, Enttäuschungen zu verarbeiten. Religiöse Menschen akzeptieren, dass es eben nicht sein sollte, Teil des höheren Plans zu sein, erklärt Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Weniger spirituell veranlagte Menschen dürften auf das hoffen, was sie die «Weisheit des Alters» nennt: «Viele werden gelassener. Man stellt nicht mehr so hohe Absprüche an sich, das Sich-Beweisen-Müssen lässt nach.»
Eine Hilfe sei das Phänomen, das Psychologen als Vermeidung kognitiver Dissonanz bezeichnen. Sowinski erklärt es so: «Wer eigentlich drei oder vier Kinder wollte und keines hat, sagt sich: «Ach, vielleicht war es doch nicht so wichtig». Viele änderten also im Nachhinein ihre Haltung und versöhnten sich so mit der eigenen Biografie. Aber sich anzulügen sei der falsche Weg. Es gehe vielmehr darum, im Kopf Klarheit zu schaffen: Ist es wirklich so schlimm, dass etwas nicht geklappt hat? Hatte es vielleicht sogar Vorteile?
Viele vermeintliche Lebensträume seien ohnehin nur «familiäre Delegationen», sagt Radebold, der Tausende Senioren therapiert hat: der Wunsch des Vaters, dass der Sohn die Firma übernimmt; der Traum der Mutter, dass die Tochter an ihrer Stelle studiert. «Viele haben sich auf meiner Therapiecouch das erste Mal gefragt, was sie selbst eigentlich wollen». Für manche sei es erleichternd gewesen, den Ballast der Erwartungen anderer über Bord zu werfen.
«Lebensträume gibt es nicht», sagt Christian Carls von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe in Düsseldorf. Es gebe nur Herzensanliegen, und die wandeln sich im Laufe des Lebens. Was ältere Menschen für einen Lebenstraum halten, sei immer eine Konstruktion aus der Gegenwart heraus. Das zu erkennen, hält Carls für wichtig. Denn erst dann ließen sich hinter vermeintlichen Lebensträumen aktuelle Herzensanliegen entdecken, die sich noch umsetzen lassen.
Mehr Ältere gehen zu einer Beratung
Zu spät ist es mit Mitte 60 nicht. «In dem Alter kann man noch viel machen», sagt Sowinski. «Für viele ist es eine große Chance, frei von wirtschaftlichen Zwängen durchzustarten.» Schließlich haben einige noch 20 Jahre vor sich, ein Viertel ihres Lebens. Und viele Neu-Rentner seien heute noch fit genug, um das zu tun, was bisher zu kurz kam - auch in geistiger Hinsicht: «Schauen Sie mal, wer ins Museum geht oder Kulturreisen macht, das sind fast alles Senioren.»
«In aller Regel finden Menschen genügend Dinge, die sie noch machen wollen», sagt Altersforscher Radebold. Er empfiehlt Senioren, sich zu überlegen, welche Wünsche seit der Kindheit oder Pubertät liegengeblieben sind und diese einfach zu verwirklichen. «Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen, auch wenn die Umgebung erst mal sagt, es sei kindisch.» Radebold selbst ist 74. Vor zwei Jahren suchte er sich einen Trommellehrer, mit dem er jetzt jede Woche übt. «Ein Meister werde ich nicht mehr», sagt er. Aber darum gehe es auch nicht. «Meine Frau spielt Querflöte. Im Frühjahr wollen wir zusammen ein Stück einüben.»
Die Zahl der Menschen, die sich im Alter beraten lassen, nehme zu, sagt Lebensberater Drehmann. Und auch die Zahl der Therapien wachse. «Meist kommen Frauen zur Beratung. Aber seit 20 Jahren werden es auch immer mehr Männer, die sich den Fragen stellen und sie nicht mit Alkohol verdrängen.» Professor Radebold wird konkrekter: Der Psychoanalytiker schätzt, dass mehr als ein Viertel der Senioren eine leichte Depression hat.
sca/car/news.de/dpa