Immer noch allein?: Single-Sein ist keine Schande

Viele Singles leiden unter dem Alleinsein - gerade am Valentinstag. Immer mehr suchen therapeutische Hilfe. News.de spricht mit Singleberaterin Dr. Maren Stephan über Frust, Scheuklappen und die positiven Seiten des Singlelebens.

Phasen des Alleinseins erlebt fast jeder einmal, aber wenn sie zu lange anhalten, kann das aufs Gemüt schlagen. Bild: Istockphoto

Frau Dr. Stephan, der Valentinstag naht. Für Singles ein schrecklicher Tag, oder?

Dr. Maren Stephan: Es kommt ganz darauf, welche Perspektive man hat und wie man durch die Welt oder durch die Stadt geht.

Aber man sieht und hört doch überall Anspielungen auf verliebte Paare - das kann einen Single doch ziemlich deprimieren...

Stephan: Diese Anspielungen können einen Single durchaus zunächst einmal deprimieren. Manche Dinge klappen bei dem einen nun mal besser als bei dem anderen. Das kann sich aber auch schnell wieder umkehren. Denn man hat die Situation selber in der Hand und kann sie ändern. Außerdem sind die vermeintlich verliebten Paare auch nicht immer so glücklich wie sie es nach außen hin zu sein scheinen.

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In Deutschland gibt es 15 Millionen Single-Haushalte - Tendenz steigend: Sind wir beziehungsunfähig?

Stephan: Das kann man so nicht sagen. Es gab schon von jeher sehr viele Singles, und es gibt weniger gesellschaftliche und finanzielle Zwänge, sein Leben unbedingt als Paar oder Ehepaar bestreiten zu müssen. Auf der anderen Seite entsteht aber durch Singleforen, Singlepartys und so weiter der Glaube an unbegrenzte Möglichkeiten der Partnerwahl. Weltweit kann man mittlerweile eine Partnersuche starten. Das ist natürlich eine Illusion.

Sie beraten Singles – wer kommt zu Ihnen?

Stephan: Meist sind das Menschen, bei denen man es sich gar nicht vorstellen kann, dass sie Singles sind. Das sind relativ attraktive Menschen mit einem guten beruflichen Hintergrund - Männer etwa, die beruflich stark eingespannt sind und nicht viel Zeit haben, nach einer Freundin zu suchen. Es kommen auch viele Akademiker, also nicht unbedingt die Menschen, von denen man denkt, die kriegen keinen ab. Aber es liegt nicht am Aussehen oder an der beruflichen Situation, dass Menschen Singles sind.

Woran liegt es dann?

Stephan: Das ist ganz breit gefächert. Manche kommen schlichtweg nirgendwo hin, wo es eine Frau oder einen Mann gibt. Dann gibt es Menschen, die viele Beziehungen hatten und Angst haben, in gewisse Fallen zu geraten; oder die große Erwartungen haben an eine künftige Partnerin. Die Anforderungen sind teilweise sehr hoch, sie sind unrealistisch und unerfüllbar.

Warum befinden sich gerade so viele Akademiker unter den Singles?

Stephan: Akademiker haben aufgrund ihres Berufes ein Zeitproblem, und viele haben die Erfahrung gemacht, dass sie selbst viel leisten können. Gerade Akademiker haben sehr hohe Erwartungen an sich selbst, an ihre Lebensgestaltung und das beziehen sie natürlich auch auf den Partner oder die Partnerin.

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Stimmt der Eindruck, dass immer mehr Singles therapeutische Hilfe und Beratung suchen?

Stephan: Ich denke, auf jeden Fall. Hauptsächlich deswegen, weil es keine Schande mehr ist, Single zu sein. Es gibt viele Foren für Singles, viele Beratungs- und Coachingangebote. Man muss sich nicht mehr verstecken mit seinen Problemen, Ängsten und Wünschen.

Lesen Sie auf Seite 2, wann bindungswillige Singles professionelle Hilfe suchen sollten

Wann ist denn eine Singleberatung angebracht?

Stephan: Dann, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht mehr weiterkommt. Wenn man viel probiert hat, wenn man ein bisschen ratlos ist, wenn man Hoffnungslosigkeit, Frust und Motivationslosigkeit verspürt. Dann denke ich, ist es ganz sinnvoll, sich an einen Singleberater zu wenden, bevor man sich weiter in den Frust rein bringt.

Wie helfen Sie?

Stephan: Ganz individuell. Es geht erst um das Anliegen der Person, um die Erfahrungen, die schon gemacht wurden. Es geht darum, mögliche Barrieren und Hindernisse zu identifizieren, Verhaltensweisen herauszufinden, die bisher vielleicht hinderlich gewesen sein könnten. Es geht darum, neue Herangehensweisen für die Partnersuche zu finden, Bindungsstile herauszufinden, Gründe dafür, warum es in der Vergangenheit nicht geklappt hat. Oft stellt sich nach ein paar Sitzungen relativ schnell ein, dass die Menschen jemanden kennen lernen, der ihnen auch akzeptabel erscheint. Manche machen nach dem ersten Date einen Rückzieher und beschäftigen sich im Nachhinein mit vielen Fragen. In der Singleberatung geht es darum, daran zu arbeiten und zu klären, warum diese Fragen auftauchen und welche Ängste damit verbunden sind.

Viele Singles sind ratlos, wo sie einen neuen potenziellen Partner kennen lernen können. Wo findet man den?

Stephan: Meistens da, wo man sich auf natürliche Weise kennen lernt. Da ist die Chance, einen passenden Partner zu finden, am höchsten. Beim Sport, im Supermarkt, wo man sich ein oder zwei Mal in der Woche über den Weg läuft, bei der Arbeit, im täglichen Umgang miteinander. Schwieriger ist es auf Singleparty oder Singlebörsen, da ist die Erfolgsquote relativ gering. Aber alltägliche Situationen bieten eine Vielfalt an Möglichkeiten, die wir oft gar nicht wahrnehmen, weil wir Scheuklappen aufhaben, gestresst durch die Welt rennen und den tollen Prinzen oder die tolle Prinzessin irgendwo erwarten, aber nicht im Supermarkt.

Also sollen wir im Supermarkt einfach mehr Mut zeigen, wenn uns jemand gefällt?

Stephan: Ja, wieso denn nicht? Zum Beispiel mal ein Lächeln zeigen, jemanden ansprechen, auf einen Kaffee einladen – also kleine Schritte gehen. Oder man fängt erst einmal damit an, wahrzunehmen, dass es im Supermarkt Menschen gibt, die Singles sein könnten und zu denen man Kontakt aufnehmen könnte. Vielleicht ergibt sich nichts daraus, vielleicht aber doch. Aber das erkennt man erst, wenn man sich öffnet.

Das hört sich ziemlich einfach an...

Stephan: Es ist auch ziemlich einfach.

Aber trotzdem kennt jeder einige verzweifelte Singles, die niemanden finden...

Stephan: … weil sie mit Scheuklappen durch die Welt gehen und weil sie sich oft mit dem ganz normalen Menschen nicht zufrieden geben, sondern zig unrealistische Erwartungen haben.

Angenommen, ich habe jemanden gefunden. Was dann passiert, kennen wir alle: Wir verlieben uns, schweben im siebten Himmel - und nach ein paar Wochen kommt die Ernüchterung. Irgendwann trennen wir uns dann wieder und sind verletzt.

Stephan: Das ist aber normal, das gehört zum Leben dazu. Man kann das nicht vermeiden. Wer sich auf Partnersuche begibt, muss das Risiko tragen, verletzt zu werden. Aber er kann auch belohnt werden, weil er einen interessanten Menschen kennen lernt.

Können Sie allen, die derzeit Singles sind, etwas Positives auf den Weg geben?

Stephan: Sie sollten versuchen, die positiven Seiten des Singledaseins zu sehen. Singlephasen sind wichtig, man sollte die Zeit genießen und für sich nutzen.

Wie denn zum Beispiel?

Stephan: Indem man all das tut und genießt, was man in einer Partnerschaft nicht kann. Man muss keine Kompromisse eingehen, man hat keine Verantwortung, man muss sich mit niemanden abstimmen, hat absolute Freiheit: in der Wochenendgestaltung, beim Planen des Urlaubs, bei allen Kleinigkeiten im Alltag. Um es mit einem Klischee zu beschreiben: Männer sollten es genießen, dass sie das Geschirr ein oder zwei Wochen stehen lassen können, ohne dass die Freundin meckert. Das Singledasein gibt einem Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, die absolute Unabhängigkeit. Es gibt übrigens genügend Studien, die besagen, dass die Lebenszufriedenheit von Singles ebenso hoch ist wie die von Paaren - und allemal höher als die von Geschiedenen oder Verwitweten.


Dr. Maren Stephan ist Therapeutin bei der Psychologischen Beratungsstelle Heidelberg und langjährige Single- und Paarberaterin. Sie betreibt eine Praxis für Coaching, Beratung und Therapie in Heidelberg. Infos gibt es auch unter www.single-berater.com.
 

nbr/news.de

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3 Kommentare
  • Ralf

    03.03.2011 15:07

    Lieber alleine ,als eine Beziehung die Chaos ist .

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  • Fritz Patria

    22.03.2010 15:30

    Das Thema ist complex habe mich sehr damit befasst. Ich will mich kurz fassen; Wenn ich ein Paar (Mann u Frau) taxiere so eine halbe stunde deren Verhalten studiere, weiss ich schnell ob es eine funktionierende auf echte PARTNERSCHAFT basierende Verbindung ist!!! Alles muss halt funktionieren (nicht nur die Stunde in der Nacht)das setzt aber vorraus , das sich das geistige, seelische und menschliche auf ziemlich gleichem NIVEAU befindet! Ist dies nicht der Fall, kommt es früher oder später zum unvemeintlichem Chaos!! LIEBE ist, ausser Mutter Kind Beziehung, ein Wort mit 5 Buchstaben!!!

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  • Longus

    14.02.2010 21:17

    so lange ich 2 gesunde hände habe, bin ich nie alleine.

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