Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 04.02.2010, 11.20 Uhr

Weltkrebstag: Wie man dem Krebs entkommt

Weltweit sterben 7,6 Millionen Menschen an den Folgen von Krebs. Ursachen sind Rauchen, Alkohol, Übergewicht und falsche Ernährung. News.de hat Dr. Eva Kalbheim von der Deutschen Krebshilfe gefragt, wie man sich schützen kann.

Immer mehr Menschen werden älter - auch das erklärt die Zunahme von Krebs. Bild: Istockphoto

Krebserkrankungen nehmen in allen europäischen Ländern zu. Laut dem Robert Koch Institut erkranken jedes Jahr in Deutschland etwa 436.000 Menschen neu an Krebs, 210.000 sterben an den Folgen. Damit sind Krebserkrankungen nach Herzkreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Was ist Ursache für die Zunahme?

Dr. Eva Kalbheim:Die Gründe hierfür sind, dass die Menschen immer älter werden und dadurch die Krebserkrankungen weiter zunehmen. Krebs ist eine Erkrankung, von der insbesondere ältere Menschen betroffen sind, weil die Reparaturmechanismen ihrer Zellen zunehmend schlechter funktionieren. Experten schätzen, dass die Zahl der Krebserkrankungen bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent ansteigen wird.

FOTOS: Krebstherapien Die Waffen gegen die Volkskrankheit

Es gibt immer mehr übergewichtige Menschen, die sich wenig oder gar nicht bewegen. Lässt sich auch daraus schließen, dass die Zahl der Krebserkrankungen zunimmt?

Kalbheim: Der Verdacht liegt nahe. Leider liegen dazu derzeit kaum langfristige Untersuchungsergebnisse vor. Bekannt ist, dass das Darmkrebsrisiko bei körperlich aktiven Menschen um 40 bis 50 Prozent und bei Brustkrebs um 30 bis 40 Prozent geringer ist als bei Menschen, die sich wenig oder gar nicht bewegen. Auch das Risiko für Prostata- und Gebärmutterkrebs ist bei denjenigen Personen reduziert, die sich zwischen 30 und 60 Minuten an mindestens fünf Tagen pro Woche bewegen.

Welches ist derzeit die tödlichste und welches die verbreitetste Krebsart?

Kalbheim: Zu den Krebserkrankungen mit den geringsten Fünf-Jahres-Überlebensraten gehören Krebs der Bauchspeicheldrüse, Eierstockkrebs, manche Gehirntumoren und Lungenkrebs.

Häufigste Krebsart bei Frauen ist Brustkrebs. Jährlich erkranken 57.230 Frauen in Deutschland neu daran. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 63 Jahren. Mit rund 58.570 Neuerkrankungen im Jahr ist Prostatakrebs in Deutschland heute die häufigste Krebsart beim Mann. Hauptgrund hierfür ist der wachsende Anteil älterer Männer. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren. Bei beiden Geschlechtern die häufigste Krebserkrankung ist Hautkrebs – insgesamt erkranken jährlich 140.000 Menschen daran, wenn man weißen und schwarzen Hautkrebs zusammenrechnet. Auch der Darmkrebs mit über 70.000 Neuerkrankungen jährlich ist sehr häufig.

Welche Krebsarten nehmen zu?

Kalbheim: Bei den Frauen nehmen insbesondere Krebserkrankungen der Bauchspeicheldrüse, der Brust, der Lunge und der Schilddrüse zu; bei Männer sind mehr Fälle von Prostata- und Hodenkrebs zu verzeichnen. Unabhängig vom Geschlecht ermitteln die Experten einen deutlichen Anstieg des schwarzen Hautkrebses.

Bei welchen Krebsarten die größten Heilungschancen bestehen

Wo bestehen derzeit die größten Heilungschancen?

Kalbheim: Hoden- und Harnblasenkrebs sowie Hodgkin-Lymphome haben die höchsten Fünf-Jahres-Überlebensraten. Ebenso Kehlkopf- und Prostatakrebs sowie Maligne Melanome, also schwarzer Hautkrebs - jedoch nur bei früher Entdeckung der Erkrankung.

Was halten Sie von dem Satz: Krebs kann jeden treffen, man ist ihm schutzlos ausgeliefert?

Kalbheim: Ja, Krebs kann jeden treffen. Aber jeder Mensch kann sein persönliches Krebsrisiko senken, in dem er seine Lebensgewohnheiten umstellt und bewusst ein gesundes Leben führt. Weltweit ließe sich so annähernd die Hälfte aller Krebserkrankungen vermeiden. Experten schätzen, dass rund zwei Drittel aller Krebserkrankungen auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen sind.

«Ein gesunder Lebensstil kann Krebs vorbeugen» lautet das Motto des diesjährigen Weltkrebstags. Können Sie ganz konkrete Ratschläge für einen gesunden Lebensstil geben?

Kalbheim: Wer sich viel an der frischen Luft bewegt, gesund isst und Übergewicht vermeidet, auf das Rauchen verzichtet, vorsichtig mit UV-Strahlung umgeht, wenig Alkohol trinkt und sich vor krebserregenden Infektionen schützen, tut bereits eine Menge, um sein Krebsrisiko zu senken.

Warum ist Nikotin so schädlich?

Kalbheim: Nikotin hat ein weitaus größeres Abhängigkeitspotenzial als selbst hochprozentige Alkoholika und Heroin. Etwa 70 Prozent der Raucher gelten als nikotinabhängig und müssen Tabakrauch inhalieren, um ihren Nikotinbedarf zu stillen. Dabei atmen sie Schadstoffe ein, die ursächlich verantwortlich sind für bis zu 90 Prozent aller Lungentumoren sowie viele weitere Krebskrankheiten. Im Zigarettenrauch konnten bisher mehr als 4800 verschiedene chemische Bestandteile nachgewiesen werden. Mehr als 90 dieser Verbindungen sind krebserregend oder stehen im Verdacht, krebserzeugend zu sein. Sieben dieser Substanzen gehören zu den stärksten bekannten Kanzerogenen, darunter Benzol, Formaldehyd und Dioxin.

Inwiefern schadet Alkohol?

Kalbheim: Alkohol wird über die Schleimhaut des Verdauungstraktes ins Blut aufgenommen und im ganzen Körper verteilt. So schädigt er bei regelmäßigem Konsum nicht nur viele Organe, sondern begünstigt auch die Entstehung von Krebs. Wer regelmäßig Alkohol trinkt, erhöht sein Risiko, an Brust-, Darm-, Kehlkopf-, Leber-, Magen-, Mund- und Rachen- sowie Speiseröhren- und Eierstockkrebs zu erkranken. Besonders gefährlich ist die Kombination von Alkohol und Rauchen.

Welchen Einfluss die Ernährung für ein gesundes Leben hat

Einige Krebsforscher sagen, man könne Krebs durch die richtige Ernährung verhindern beziehungsweise stoppen. Was ist davon zu halten?

Kalbheim: Wissenschaftler haben tatsächlich nachgewiesen, dass die Ernährung bei der Vorbeugung von Krebs eine wesentliche Rolle spielt. Krebs tritt seltener bei Menschen auf, die sich gesund ernähren. Die positive Ernährung geht dabei gar nicht so sehr auf einzelne Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln zurück. Wichtig ist vielmehr das sogenannte Ernährungsmuster: also was gegessen wird, wie viel und wie die Nahrung zubereitet wird.

Welche Lebensmittel sind zu empfehlen, welche sollte man meiden?

Kalbheim: Die Deutsche Krebshilfe empfiehlt zum Beispiel viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch und Fleischwaren, häufig Seefisch wie Hering, Makrele und Lachs. Darüber hinaus sollte wenig Fett zu sich genommen werden, fettreduzierte Milchprodukte, viele Ballaststoffe wie Vollkornbrot, -nudeln und Naturreis sowie Oliven- und Rapsöl. Darüber hinaus sollten täglich mindestens eineinhalb Liter Flüssigkeit getrunken werden – vorzugsweise Wasser, ungesüßte Tees oder andere kalorienarme Getränke.

Können Ängste, Sorgen, Stress oder psychische Probleme Krebs auslösen oder zumindest begünstigen?

Kalbheim: Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt, im Bereich der sogenannten Psycho-Neuro-Immunologie - also der Einflüsse von Seele und Nerven auf das Immunsystem - sind noch viele Fragen offen. Sicher weiß man, dass es keine «Krebs-Persönlichkeit» gibt – aber auch, dass die Krankheitsverarbeitung stark mit seelischen Faktoren zusammenhängt.

Der Appell, gesund zu leben, ist nicht gerade neu und wird offensichtlich von vielen Menschen nicht wahrgenommen. Wie kann man Menschen dazu bewegen, mehr für ihre Gesundheit zu tun?

Kalbheim: Man kann nur an den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen appellieren: Wer ein gesundheitsbewusstes Verhalten bereits in frühen Lebensjahren erlernt, hat eine große Chance auf ein langes und gesundes Leben. Die Deutsche Krebshilfe bietet aus diesem Grund ausführliche Informationsmaterialien an und führt Kampagnen durch, damit Kinder bereits im Kindergartenalter spielerisch lernen, ein gesundes Leben zu führen.

Auch in späteren Jahren lohnt es sich, alles zu tun, um das Krebsrisiko zu senken. Die Deutsche Krebshilfe berät ausführlich über Vor- und Nachteile von Krebs-Früherkennungsuntersuchungen. Dazu stellt sie kostenlose Faltblätter zu den gesetzlichen Krebs-Früherkennungsuntersuchungen bereit, die beispielsweise in den Wartezimmern vieler niedergelassener Ärzte ausliegen.

Warum brauchen wir einen Weltkrebstag?

Kalbheim: Jedes Jahr wird derzeit bei weltweit zwölf Millionen Menschen Krebs diagnostiziert und 7,6 Millionen sterben daran – mit steigender Tendenz. Gemeinsam mit der Welt-Krebsorganisation (UICC) wollen die Deutsche Krebshilfe und viele weitere Organisation rund um den Globus am 4. Februar 2010 den Menschen vermitteln, dass Krebs sich durch eine gesunde Lebensweise in vielen Fällen vermeiden lässt. Dieses Schicksal muss man nicht als gegeben hinnehmen. Das ist eine Aufgabe, die es weltweit zu bewältigen gilt.


Dr. Eva Kalbheim ist Pressesprecherin der Deutschen Krebshilfe, die auf ihrer Homepage www.krebshilfe.de Broschüren und Informationsmaterial bereithält. Informationen zum Weltkrebstag gibt es auf der Homepage der Internationalen Vereinigung gegen Krebs (UICC)

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