Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Sie hat keinen guten Ruf – die Konversation ohne Tiefgang, bekannt als Small Talk. Dabei ist es genau dieses Plaudern, das Türen öffnen kann – ob beim Geschäftemachen oder beim Flirten. Aber: Sich locker unterhalten will gelernt sein.
Haben Sie heute schon Belangloses von sich gegeben? Mit Sicherheit. Wahrscheinlich über das Wetter, wobei Sie die Floskel «Mensch, ist das wieder ein Wetter heute» verwendet haben dürften. Ein völlig bedeutungsloser Satz. Denn in der Geschichte der Menschheit dürfte es noch keinen einzigen Tag ohne Wetter gegeben haben.
Wissenschaftler definieren diese Kommunikationsform als «beiläufige Konversation ohne Tiefgang», weisen auf der anderen Seite aber darauf hin, dass ihr Wert als Ritual in unserer Gesellschaft beträchtlich sein kann.
Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Wir reden hier von Small Talk, der uns nahezu pausenlos umgibt: tagsüber im Büro, mittags beim Bäcker oder abends vor dem Fernseher, wenn wir uns eine Talkshow anschauen. Allen Situationen ist gemein, dass es nicht darum geht, etwas Gehaltvolles oder Bedeutsames zu sagen. «Small Talk entspricht eher dem, was wir bei unseren engsten genetischen Verwandten, den Affen, als Fellpflege beobachten», sagt Dr. Dieter Zittlau.
Tiefer Ernst kann gefährlich werden
Diese Fellpflege, so der Kommunikationsexperte, erfüllt nur zum Teil eine reinigende Aufgabe. Sie dient vielmehr der Pflege der gegenseitigen Beziehung. Sowohl derjenige, der den anderen an sein Fell lässt, als auch derjenige, der die pflegerische Tätigkeit ausführt, signalisiert damit so etwas wie eine geduldete Nähe. Die Fellpflege dient also eigentlich der Pflege sozialer Bindungen. Da der Mensch über das Kommunikationsmittel Sprache verfügt, ersetzt er das Lausen durch kurze, halbwegs sinnvolle Bemerkungen, also durch Small Talk.
Entscheidend ist dabei nicht der Inhalt des Small Talks, erklärt Zittlau. Vielmehr zählt die Handlung und das damit vermittelte Signal: «Ich akzeptiere dich in meiner näheren Umgebung.» In diesem Zusammenhang ist es geradezu gefährlich, dem Small Talk einen zu tiefen Ernst zu geben. Wer also im Supermarkt vor der Kasse in einer langen Schlange steht, sollte sich hüten, zu seinem Vordermann zu sagen: «Sie sehen heute aber erschöpft aus.» Denn er wird vermutlich eher ein aggressives «Was geht Sie das an?» zur Antwort bekommen.
Also schön ohne Tiefgang plaudern. Aber bei welchen Gelegenheiten? Die gibt es laut Zittlau reichlich. Der Rhetoriktrainer rät, ruhig einmal das Schweigen in einem Aufzug zu durchbrechen – mit der Frage: «Ist es nicht komisch, dass in einem vollen Aufzug die Menschen alle zur Decke oder auf den Boden schauen, obwohl es dort gar nichts zu sehen gibt?» Damit bleiben Sie mit Sicherheit in Erinnerung bei den Mitfahrern und können durch diesen Small Talk zwar nicht unbedingt Ihren Beliebtheits-, aber vielleicht Ihren Bekanntheitsgrad steigern.
Friseure sind geborene Small Talker
Gut small talken lässt sich auch im Taxi, wobei sich die Frage stellt, wem der Plausch am meisten nützt: dem Fahrer, der weiß, dass ein gelungener Small Talk die Zufriedenheit und das Trinkgeld des Fahrgastes erhöhen? Oder dem Mitfahrer, der dabei vielleicht die eine oder andere Neuigkeit erfährt über die Stadt, in der er sich gerade aufhält? Auch nach einem Friseurbesuch dürfte sich so mancher zwar um ein paar Euro ärmer, aber um etliche Informationen reicher fühlen. Denn die meisten Friseure sind Meister der kurz gefassten Unterhaltung.
Geradezu nützlich kann Small Talk bei einem Geschäftsessen mit dem Ziel eines lukrativen Geschäftsabschlusses sein - vor allem, wenn man die Themen trifft, bei denen der Kunde etwas zu sagen hat. Aber: «Der Small Talk darf nicht zu tief gehen», warnt Zittlau, «das nimmt das Großhirn zu stark in Anspruch und stört den Genuss und sogar die Verdauung.»
Aber worüber kommuniziert man mit jemanden, wenn man sich eigentlich nichts zu sagen hat und den Gesprächspartner nicht kennt? Auf keinen Fall über Krankheiten, sagt Zittlau. «Wer will schon bildhafte Schilderungen von Ausschlägen und Darmvorgängen hören?» Beim Thema Religion kann man sich laut Zittlau auch in die Nesseln setzen, weil man mit einem Papstwitz möglicherweise einen streng gläubigen Katholiken verletzt. Am Ende wird aus der nett begonnenen Unterhaltung ein handfester Streit.
Besseren Gesprächsstoff bieten Hobbys, Urlaub, Fußball oder aktuelle Ereignisse wie etwa das Erdbeben in Haiti. Mit einem Thema aber liegt man immer auf der richtigen Seite: dem Wetter. «Ob die Sonne scheint oder der Himmel weint, jeder versteht es und jeder kann es nachempfinden und dazu etwas sagen», meint Zittlau. Es schadet zum Beispiel nicht, über das Wetter zu schimpfen oder es ausnahmsweise zu loben. «Man hat damit zumindest seine gesellschaftlich erwartete, sprachliche Mindestleistung erbracht, die dem anderen zeigt, dass man ihn gesehen hat und ihn nicht ganz wortlos stehen lassen möchte», sagt der Hochschuldozent für Psychologie.
Immer freundlich bleiben
Jedoch: All das nette Geplauder ist für die Katz, wenn die Körpersprache nicht stimmt. «Das ist bisweilen recht problematisch, denn manchmal drückt der Körper ungewollt etwas anderes aus als das, was man gerade in Worte fasst», sagt Zittlau. Die größten Patzer sind ein gesenkter Blick, zusammengepresste Lippen, hängende Schultern und verschränkte Hände. Das signalisiert dem Gesprächspartner Abwehr, Anspannung und Unwohlsein. Also lächeln, Augenkontakt halten und eine zum Gesprächspartner hingewandte Haltung einnehmen.
Was aber, wenn man sich auf einen Small Talk eingelassen hat und der Gesprächspartner hört gar nicht mehr auf zu reden? «Freundlich bleiben», lautet Zittlaus Rat. Man könnte dann sagen: «Mir ist während unserer Unterhaltung die Zeit davongelaufen. Ich muss jetzt dringend weg, weil ...» Das ist zwar nicht die hohe Schule des Small Talks, «aber damit wird der andere leben können», sagt der Kommunikationsexperte. Hauptsache, er lässt einem beim nächsten Treffen wieder an sein Fell.
Lesetipp: Dieter J. Zittlau: Smalltalk, Humboldt-Verlag 2010, 180 Seiten, 9,95 Euro.
ham/news.de