Leukämie Den genetischen Zwilling gefunden

Diese Geschichte soll Mut machen - allen, die an Leukämie erkrankt sind. Auch Sabine Herbon litt darunter, aber sie hat den Blutkrebs dank einer Stammzellspende besiegt.

Sabine Herbon und Beate Ahmann (Foto)
Wollen in Kontakt bleiben: Sabine Herbon (rechts) und Stammzellspenderin Beate Ahmann (links). Bild: DKMS

Jeder Mensch hat einen genetischen Zwilling. Da ist sich Sabine Herbon sicher. Die meisten allerdings lernen diesen «Doppelgänger», bei dem Gewebemerkmale, Blutgruppe und Stammzellen zusammenpassen, nie kennen. Sabine Herbon aus Templin ist eine Ausnahme. Sie weiß, wer ihr genetischer Zwilling ist: Beate Ahmann aus Köln. Sabine Herbon hat sie vor kurzem kennen gelernt. Der 44-Jährigen verdankt sie, dass sie jetzt wieder voller Hoffnung in die Zukunft blicken kann. Dass sie die besten Chancen hat, die Leukämie zu besiegen.

Vor vier Jahren hatte Sabine Herbon alle Hoffnung verloren. Dabei wollte sie in die Zukunft starten. Ihre Diplomarbeit hatte sie gerade am Institut für Betriebswirtschaftslehrer an der Technischen Universität Berlin abgegeben. Endlich habe ich wieder Zeit, mich mit Freunden zu treffen und Sport zu machen, dachte sie. Windsurfen zum Beispiel. In dieser Disziplin hat es Sabine Herbon als Jugendliche bis zur Deutschen Meisterin geschafft.

Promis gegen Leukämie: Jeder kann ein Held sein

Aber zum Partymachen und Sporttreiben war Sabine Herbon zu schwach. Sie fühlte sich unendlich müde, war oft gereizt, mochte nicht unter Menschen und blieb die meiste Zeit allein in ihrem Studentenzimmer im Dunkeln «Manchmal habe ich bis zu 24 Stunden durchgeschlafen», erzählt sie. Ihre Schlappheit führte die damals 26-Jährige auf den Studienstress zurück, der jetzt von ihr abfiel. Ein bisschen Ruhe, dachte sie, dann wird es mir bald besser gehen.

«Warum ausgerechnet ich»

Aber es ging nicht besser. Als sie morgens nach dem Duschen fast zusammenbrach, war ihr klar, es muss etwas Ernstes sein. Ihr Hausarzt stellte eine Anämie - Blutarmut - fest und überwies sie sofort an eine Hämatologin, die noch am gleichen Tag weitere Untersuchungen machte und andeutete, es könne Leukämie sein. Sabine Herbon solle sofort ins Krankenhaus. Dort wurde der Verdacht bestätigt: akute myeloische Leukämie.

«Für mich brach eine Welt zusammen», sagt Sabine Herbon. «Ich fragte mich, warum das ausgerechnet mir passiert und warum ausgerechnet jetzt. Ich wollte doch durchstarten, einen Job finden und das Leben genießen.» Aus der lebensfrohen jungen Frau wurde ein Mensch, der erstmals unter Todesangst litt.

Bald darauf begann die erste Chemotherapie. Sie dauerte zweieinhalb Monate. Halt gab die Familie, Mutter Astrid und Vater Siegfried ließen zu Hause im brandenburguschen Templin alles stehen und liegen, waren Tag und Nacht bei ihrer Tochter, feierten Weihnachten 2005 mit ihr und Bruder Mathias in der Klinik. Im Frühjahr 2006 durfte Sabine Herbon für drei Wochen nach Hause, dann folgte die zweite Chemo. Die Medikamente sollten das Wachstum der entarteten Zellen stoppen, schwächten aber ihren Körper.

Doch die Behandlung schien zu wirken. Vollständige Remission hieß es nach ein paar Monaten. Die Symptome schwächten ab. Geheilt war Sabine Herbon deshalb nicht. Es bestand immer noch die Gefahr, dass einige Leukämiezellen die Therapie überlebt hatten und die Erkrankung nach einiger Zeit wieder ausbricht. Die Familie schöpfte Hoffnung.

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Dann der Rückfall. Fieber und starke Kopfschmerzen plagten Sabine Herbon. Sie musste wieder ins Krankenhaus. Die Ärzte sprachen von einem myelodysplastischem Syndrom - eine Erkrankung des Knochenmarks, die eine gestörte Blutbildung zur Folge hat. Sie sagten der Patientin, dass ihr nur noch eine Stammzellspende helfen könne. Das war Weihnachten 2006.

«Es war wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen», sagt Sabine Herbon. Doch sie hatte Glück, sie fand die rettende Nadel: Beate Ahmann. Aber den Namen erfuhr sie erst zwei Jahre später. Zunächst erfuhr sie von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) nur, dass es eine Frau aus dem deutschsprachigen Raum war, deren Stammzellen sie erhalten sollte.

Zur Vorbereitung auf die Transplantation erhielt Sabine Herbon eine weitere Chemotherapie und zusätzlich Bestrahlung. Ziel war die vollständige Zerstörung aller kranken Zellen und die Unterdrückung des Abwehrsystems, um zu vermeiden, dass die übertragenen Stammzellen abgestoßen werden. In diesem Zustand hätte Sabine Herbon ohne Stammzellspende nicht mehr lange gelebt.

Die zweite Lebenschance

«Die Stammzellspende selbst war völlig unspektakulär», berichtet sie im Rückblick. Sie lag in der Leipziger Uniklinik. Hinter einer dicken, durchsichtigen Plastikfolie standen ihre Eltern und ihr Bruder und erlebten mit, wie die Spende per Transfusion in Sabines Blut lief. Weihnachten 2007 feierte die Familie erneut im Krankenhaus, wobei Berührungen nur durch einen großen Plastikhandschuh möglich waren. Sabine Herbon musste abgeschirmt bleiben von der Außenwelt, um Infektionen und eine Abstoßung der Spenderzellen zu vermeiden.

Den silbernen Ring, den ihr Bruder ihr damals schenkte, trägt die 30-Jährige noch heute. Er erinnert sie an den Tag der Stammzellspende, den 18. Dezember 2007. Ihren zweiten Geburtstag. Ihre zweite Lebenschance.

Kürzlich traf sie ihre Lebensretterin. Die Frau, deren Blut sie jetzt in sich trägt. «Anfangs war es merkwürdig, fremdes Blut in sich zu haben», sagt Sabine Herbon. «Aber inzwischen ist das Blut meins.» Die junge Frau will die Krankheit abhaken, endlich richtig arbeiten, wieder surfen. Ein normales Leben führen.

Aber es ist kein leichtes Leben, das zweite Leben der Sabine Herbon. Als vollständig geheilt gilt sie erst fünf Jahre nach der Transplantation. Die Stammzellen der Spenderin fingen zwar an, frisches Blut zu bilden, aber sie musste in den vergangenen Jahren wegen mehrerer Abstoßungsreaktionen oft ins Krankenhaus. Zurzeit hat sie Probleme mit den Augen, muss täglich Tabletten schlucken, fühlt sich manchmal müde und gestresst. «Aber ich lebe», sagt Sabine Herbon. «Das ist die Hauptsache.»

kat/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Marakus
  • Kommentar 1
  • 30.01.2010 13:27

bei twinsearcher.de kann man tatsächlich Menschen suchen, die sich genetisch in einem gewissen Rahmen ähneln..

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