Was ist grün und macht nicht dünn?
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 27.01.2010
Viel Lärm um nichts, könnte dieser Artikel auch heißen. Ständig fragen Leute, wie es denn mit der Diät klappe. Macht hier jemand Diät? Nein. Es gibt regelmäßig Algen, und die schmecken ganz gut. Purzeln Pfunde? Auch das nicht. Aber sie könnten vielleicht.
Die Hemmschwelle war niedrig, doch der Wille schwach. Eine mäßig gute Voraussetzung, etwas zu ändern. Eigentlich die optimale Prämisse dafür, dass alles beim Alten bleibt, wenn auch mit neuen Variationen. Einige fremdländische Wörter haben den Sprachschatz erweitert, die dazugehörigen Algen den Speiseplan. Nori, das sind die rotbraunen Dinger, die auch ums Sushi gewickelt werden. Sie sind als Quadrate zu haben und müssen entweder über der Flamme geröstet oder eingeweicht werden. Dann taugen sie für Salat, Reisgerichte oder eben als Wickel. Im Geschmack bleiben sie eher fade.
Wakame sind grün und entfalten nach drei Minuten im Wasser ihre Blätter und ihr Aroma. Der Salat aus Wakame, geriebener Karotte, Frühlingszwiebel und Sesam mit Marinade aus Sesamöl und Reisessig hat sich auf Anhieb als rapid zusammengeschnipselter Klassiker fürs Büro etabliert. Schmeckt grandios nach Meer, macht erstaunlich satt und hält lange vor, noch länger, wenn man ihn mit Vollkornreis anreichert.
Algen als Fisch der Vegetarier zu bezeichnen, ist vielleicht ein bisschen simpel, hat aber einiges für sich. So wie bei Fisch von wertvollen Fettsäuren und Vitaminen die Rede ist, gelten auch Algen als Lieferanten von Nährstoffen und Mineralien, an denen es sonst gerne mal mangelt. Allen voran Jod, das vor allem Kombu, Dulse und Arame in hoher Konzentration besitzen – so außergewöhnlich hoch für unsere jodentwöhnten Schilddrüsen, dass hierzulande alle Verpackungen mit genauen Dosierungshinweise für die Algen nachgerüstet sind. Nicht mehr als 0,2 Milligramm Jod empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung – laut der Tabelle im Makrobiotischen Algen-Kochbuch von Peter und Montse Bradford kommen bei der Kombu-Alge bereits 300 Milligramm auf 100 Gramm Alge, bei Wakame immerhin nur 25 Milligramm.
Warum das gute Gewissen mit isst ...
Was hilft es da, zu wissen, dass japanische Algenvertilger fast nie an Gehirnblutung oder Bluthochdruck sterben und noch im hohen Alter schön und agil nach Perlen tauchen, wenn das Meeresgemüse uns nur die Schilddrüse durcheinanderbringt? Nun, in Maßen sollen die Algen auch uns mit ihren 10 bis 20 Prozent mehr Mineralstoffen als Landgemüse guttun, loben die Bradfords. Sämtliche Algensorten toppen zum Beispiel die Eisenkonzentration im Spinat um ein Vielfaches, vor allem Dulse. Kalzium ist im Meeresgemüse fünf- bis zehnmal so hoch konzentriert wie in Kuhmilch, und auch Kalium und Magnesium liefert es reichlich.
Dieser Reichtum an Mineralien wiederum gleicht durch seine basischen Qualitäten im Blut den Säureüberschuss aus, den industrielle Ernährung produziert. Algen verfügen über die Vitamine A bis E, K und in geringen Mengen B12, das in pflanzlicher Ernährung sonst kaum zu finden ist und daher eine Herausforderung für Veganer darstellt.
Das gute Gewissen isst also schonmal mit bei der Algensuppe, zumal das Makrobiotische Algen-Kochbuch sich eben nicht auf die kleinen Rationen Meer verlässt. So wie früher weltweit Meeresgemüse genossen wurde, berufen sich die Bradfords für die gesamte Ernährung auf traditionelle vegetarische Vollwertkost: Heimisches und möglichst organisch angebautes Obst, Gemüse, Getreide und schonende Zubereitung.
... die Kreativität angeregt und der Geldbeutel beruhigt wird ...
Wer sich bisher mit Lasagne aus der Aluschale, Fertignudeln und Pizza über Wasser gehalten hat, kommt jetzt wahrscheinlich schon beim Möhrenschneiden ins Schwitzen und verausgabt seine kreative Energie beim Anrühren der Salatsoße aus Reisessig, Senf und Sojasoße. Wenn man ohnehin gern frisch kocht, ist das Algen-Kochbuch eine nette Anregung, neben Algen auch mal wieder Kresse, Koriander, Sesamöl, geröstete Mandeln oder Ingwer zu verwenden und geschmackliche Experimente mit der japanischen Salzpflaume Umeboshi oder der sojalastigen Miso-Würzpaste zu wagen. Nicht zu vergessen sind die Vegetariern wohl bekannten Fleischsubstitute Tofu, Saitan oder Tempeh, die wie die anderen Zutaten auch von Peter und Montse Bradford vor dem Rezeptteil eingeführt werden.
Eins jedoch nervt, wenn man sich exakt an die Rezepte hält. Gesalzen wird nahezu ausschließlich mit Sojasoße und ihren Varianten – und der Geschmack kann penetrant werden und die leckeren Zutaten unterbuttern. Das Manko ist schnell behoben, wenn man statt dessen ab und zu Salz in den Topf wirft.
Mit den Preisen kann jeder für sich zwischen Ansprüchen und Geldbeutel jonglieren. Die 56,7-Gramm-Tüte Wakame im Asialaden kostet 2,49 Euro und reicht gut für zehn Tagesrationen. Die Biogarantie allerdings hat auch für Asiatisches ihren Preis. 6,49 Euro möchte der Bioladen für zehn Blatt Nori haben, für das Kilo Basmati-Vollkornreis 4,99 Euro, und 2,99 Euro muss für 250 Gramm Pasta hinlegen, wer die japanischen Soba-Buchweizennudeln probieren möchte, die das Makrobiotische Algen-Kochbuch empfiehlt. Dafür ist das Kilo volles Sechskorn für 2,49 Euro zu haben, und 500 Gramm «normale» Bio-Vollkornnudeln gibt es beim Discounter auch schon für einen Euro.
Vieles von dem, was Peter und Montse Bradford in ihrem Algen-Kochbuch empfehlen, ist allerdings in den Standardläden nicht zu bekommen. Wer auf einen Internetversand ausweicht, ist für den bunten Seetangsalat getrocknet schnell mehr als 21 Euro für 100 Gramm los, doch auch preiswerte Alternativen finden sich: Galizische Meeresspagetti, reine Algen, kosten 15,99 Euro für 500 Gramm.
... und die Probandin trotzdem nicht dünner wurde
Nach drei Wochen mit Meeresgemüse ist klar: Die Algen werden bleiben, Peter und Montse sei Dank. Doch wenn sie auch noch so sehr Ablagerungen verhindern und entschlacken, machen die paar Gramm Meeresgrün am Tag nicht schlanker. Und auch makrobiotische Ernährung ist nichts für eine Purzelpfunde-Diät, sondern Diät im klassischen Sinne: eine gesunde Lebensweise, die niemanden zu fett werden lässt.
Das gilt allerdings nur dann, wenn man diesen kleinen Hinweis auf Seite 25/26 beachtet: «Im Interesse der Gesundheit und um den berühmt-berüchtigten ‹Sugar-Blues› zu vermeiden, lässt man ihn am besten in jeglicher Form beiseite.» Ja, die Rede ist von Zucker. Und nein, auch Honig, Fruchtzucker oder Ahornsirup sind keine «gesunden» Alternativen, sondern ebenfalls schädliche Einfachzucker. Höchstens süßen auf Getreide-Basis mit Gerstenmalz oder Reissirup ist makrobiotisch vertretbar. Der heiße Tipp der Bradfords für dunkle Tage: «Die beste Art, Süße zu erlangen, ist das sorgfältige Kauen von Vollkorngetreide und Gemüse.» So ein Satz zergeht beim Verzehr einer 100-Gramm-Tafel natürlich auf der Zunge.
Das Makrobiotische Algen-Kochbuch, Peter und Montse Bradford, Mahajiva-Verlag, 152 Seiten, 11,70 Euro
car/reu/news.de
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