Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Das Ergebnis des extrem harten Trainings ist bisher nicht überzeugend. Noch immer liege ich bei Gewicht und Muskelmasse weit hinter dem Normalbürger zurück. Aber Aufgeben kommt nicht in Frage.
Die Beats stampfen vom Aerobicraum herüber. Dort schwitzen die Mädels, um Pfunde zu verlieren. Hier werden an den Maschinen Muskeln aufgebaut. Es ist Partytime im Fitnesscenter. Ich fühle mich gut. Die Übungen an meinen Stationen kenne ich mittlerweile auswendig, Anleitung brauche ich nicht mehr. Nicht so wie die Anfänger, die planlos mit ihren Zetteln umherirren und sich wegen jeder kleinen Übung streberhaft auf dem Blatt vergewissern, dass sie ja alles richtig eingestellt haben.
Ich zähle bereits zu den Meistern an den Muckimaschinen. Grazil und mit überzeugend echtem Kämpfergesicht ziehe ich die Kilos Zug um Zug nach oben. Ob meine neuen Muskeln schon zu erkennen sind? In diesem Moment glaube ich noch fest daran.
Die Konkurrenz ist stark
Dann erblicke ich meine gute Bekannte Sarah Loft (Namen offensichtlich von der Redaktion geändert) an einer Maschine, an der ich kurz zuvor hart trainiert habe. Lässig sitzt sie da, drückt die Griffe nach vorn, worauf ein Zugband einen ganzen Packen an Gewichten von einem Stapel nach oben bewegt.
Nach einem kurzen «Hallo, wie geht's» schiele ich unauffällig an ihr vorbei und versuche zu erkennen, welche Schwierigkeitsstufe Miss Loft da wohl eingestellt hat. Als ich es erkenne, muss ich den Schrecken, der mein Gesicht erfasst, mit einem erzwungenen Lächeln vertuschen. Die junge Frau hat doch nicht etwa fünf Kilo mehr an dem Gewichteturm eingestellt.
Ich kann gerade noch grinsend fragen, ob sie das nicht ein wenig zu sehr anstrengt - natürlich ohne zu erwähnen, dass meine Leistungsgrenze weit unter ihrer liegt. Doch dieses Wunder Mensch scheinen die mächtigen Stahlgewichte überhaupt nicht aus dem Sessel zu heben. Munter plaudert und lacht sie, und tut gar nicht daran, endlich mal Ermüdungserscheinungen erkennen zu lassen.
Langsam zweifelnd über den Sinn meiner harten Arbeit trotte ich deprimiert ab und suche im Fitness-Center nach einer Waage, um herauszufinden, ob ich wenigstens meinem eigentlichen Ziel, der Gewichtszunahme, einen Schritt nähergekommen bin.
Das Ergebnis zieht mir den Halt aus den Beinen und mein getanktes Selbstbewusstsein aus dem Kopf. Nach dieser doofen mechanischen Anzeige habe ich kein einziges Gramm zugelegt. Zu allem Überfluss kommt Miss Loft nun auch noch um die Ecke gebogen und stellt sich ebenso auf die Waage. Der Zeiger nimmt erneut Fahrt auf und bleibt an derselben Stelle wie bei mir stehen. Jetzt bin ich vollends bedient.
Heute ist wirklich nicht mein Tag. Was ist bloß los? Ist denn die ganze Welt gegen mich? Muss ich denn für immer in diesem beengten muskellosen Korsett gefangen bleiben?
Der Neustart
Nein, niemals. So leicht habe ich mich noch nie geschlagen gegeben. Jetzt geht es erst richtig los. Faster, Harder, Scooter, heißt die Devise. Die Übungen müssen noch mehr schmerzen. Ich darf nur noch nach Hause kriechen können. Und ein gescheiter Ernährungsplan muss her, denn nur Gewichtestemmen reicht anscheinend nicht aus.
Zugegeben, bisher esse ich kaum mehr. Nur eben die wohlschmeckenden Eiweißshakes, die ich allabendlich in mich hineinkippe - zum Leiden meiner Mitbewohnerin. Sie hat bereits in der Küche einen Zettel an den Schrank geklebt: «Eiweißtassen und Eiweißtöpfe bitte nach Nutzung warm einweichen». Eine Sonne verrät mir aber, dass es nicht böse gemeint ist.
Für meine Gewichtszunahme brauche ich Fachbeistand. Ein Buch kommt mir da sehr gelegen ins Haus geflattert. Es heißt: «Mensch, bist Du dünn» und wurde von Susanne Nowitzki-Grimm und Peter Grimm geschrieben, beides Ernährungswissenschaftler der Uni Hohenheim. Mit diesem interaktiven Buch werde ich die nächsten Wochen arbeiten.
Zuerst einmal verrät es mir, warum ich eigentlich zu dünn bin. Studien würden die Existenz von «schlechten Futterverwertern» bestätigen. Der Unterschied zwischen guten und schlechten Futterverwertern könne bis zu 600 Kilokalorien pro Tag betragen, steht darin geschrieben. «Erklärt wird dieses Ergebnis unter anderem damit, dass zum Beispiel die Energieverwertung nach der Nahrungsaufnahme (postgrandiale Thermogenese) unterschiedlich abläuft. So geben ‹schlechte Futterverwerter› einen Teil der Nahrungsenergie in Form von Wärme ab, während die ‹guten Futterverwerter› diese Energie im Fettdepot speichern.» Trotz dieses hitzigen Gemüts geben mich Susanne Nowitzki-Grimm und Peter Grimm aber nicht verloren.
Anhand der Tabellen im Buch bekomme ich heraus, dass ich pro Tag etwa 1700 Kilokalorien zu mir nehme. Viel zu wenig. Normalerweise müsste ich als Büroarbeiter 2784 Kilokalorien für den Gewichterhalt futtern. Und dann eben zusätzlich 500 bis 600 Kilokalorien oben drauflegen, um zuzunehmen.
3284 Kilogramm muss ich also ab jetzt jeden Tag in mich reinspachteln. Das wären 25 Pfannkuchen, sechs bis sieben Big Macs oder vier größere Portionen Currywurst mit Pommes rot-weiß. Da wird einem schon beim Gedanken daran schlecht.
Gesund und trotzdem mehr Kalorien
Aber es geht wohl auch appetitlicher, indem man beispielsweise Zwischenmahlzeiten mit Obst, Trockenfrüchten, Joghurt oder Nüssen einlegt. Zudem raten die Autoren für den Durst auch mal zu puren Säften. Ein Liter Fruchtsaft enthält demnach 500 Kilokalorien. Bei Gemüse sollte man auf kalorienreichere Früchte wie Bananen und Trauben umsteigen und den Salat mit Oliven- oder Rapsöl anreichern.
Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Vollkornprodukte liefern wichtige Mineral- und Ballaststoffe. Ideal für die optimale Verwertung sei aber die Kombination mit Vitamin C. «Ein Haferflockenmüsli mit frischem Obst oder ein Linsengericht mit einem Glas Orangensaft sind hier geeignete Beispiele.»
Auch Milchprodukte empfehlen die Autoren vor allem schlanken Menschen, weil diese eher an Osteoporose leiden würden. Das Calcium aus der Milch sei neben anderen Produkten wichtig zur Vorbeugung. Zudem sollte in Zukunft mehr Fisch auf den Tisch, und das nicht nur wegen der Eiweiße. Vor allem Seefisch enthalte wichtige Bestandteile wie Iodid und Vitamin D, beides Bestandteile, die ein Großteil der Bevölkerung zu wenig aufnimmt.
Bei all den Essenstipps kann ich meine Kollegen, Mitbewohner und Freunde in unmittelbarer Nähe nur warnen. Es wird ziemlich heiß.
kat/nbr/news.de