So., 12.02.12

Therapien kombinieren Der dumpfe Schmerz im Kopf

Von Eva Neumann

Artikel vom 14.01.2010

Der Spannungskopfschmerz ist mit Abstand am weitesten verbreitet und gehört für viele Menschen fast schon zum Alltag. Die häufigste Ursache: Bewegungsmangel und Stress bei der Arbeit.

«Im ganzen Kopf drückt ein dumpfer Schmerz.» Oder: «Um den Kopf liegt ein viel zu enges Stahlband.» So beschreiben Patienten den sogenannten Spannungskopfschmerz. «Bis zu 70 Prozent aller Deutschen leiden zwei- bis dreimal im Monat unter solchen Beschwerden», sagt Professor Hans-Christoph Diener, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Berlin. Auch wenn solche episodischen Schmerzen unangenehm sind - solange sie nicht chronisch werden, sind sie gut beherrschbar. 

Traditionell wird Spannungskopfschmerz kurzfristig mit einfachen Schmerzmitteln und nichtsteroidalen Antirheumatika behandelt. «Dabei kommen vor allem die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen und Ketoprofen zum Einsatz», erklärt Professor Volker Limmroth, Chefarzt der Neurologischen Klinik des Krankenhauses Köln-Merheim. Auch Pfefferminzöl oder Tigerbalsam, vorsichtig auf die Schläfen gestrichen, können Linderung bringen.

Betroffene mit vorübergehenden Kopfschmerzen bekomme er meist gar nicht zu sehen, sagt Diener, der das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum am Universitätsklinikum Essen begründet hat. «Für diese Form des Kopfschmerzes ist kurzfristige, kontrollierte Selbstbehandlung auch völlig in Ordnung.»

Kopfschmerztagebuch führen

Problematisch wird es, wenn der Spannungskopfschmerz chronisch wird. «Davon spricht der Fachmann, wenn die Schmerzen mindestens drei Monate lang hintereinander mehr als 15 Tage im Monat auftreten», definiert Neurologe Limmroth. Ob das zutrifft, lasse sich am besten mit einem Kopfschmerztagebuch ermitteln. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung seien betroffen.

Sie sollten unbedingt einen Neurologen oder Schmerztherapeuten aufsuchen, rät Diener. «Es scheint eine Zeitachse zu geben: Wenn man Patienten auf dem Weg zur Chronifizierung erwischt, besteht die Chance, mit Hilfe einer multimodalen Therapie die Spannungskopfschmerzen zurückzubilden.» Leide ein Patient aber bereits drei bis fünf Jahre daran, könne höchstens die Schmerzintensität verringert werden.

Eine multimodale Therapie besteht aus vier Säulen. Die erste ist eine medikamentöse Dauerbehandlung. Schmerzmittel sind dafür ungeeignet: Wenn sie über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, können sie nicht nur eine Reihe von Nebenwirkungen hervorrufen, sondern auch die Kopfschmerzen verschlimmern oder chronisch werden lassen. «Stattdessen werden vor allem trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin verordnet», sagt Diener. Sie beeinflussen den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn und sorgen dafür, dass ein Patient weniger empfindlich für Schmerzen ist.

Die zweite Säule ist eine Verhaltenstherapie. «Zwei Methoden sind besonders wirksam bei Spannungskopfschmerz: Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und autogenes Training», sagt Susanne Grohs-von Reichenbach, Entspannungstherapeutin aus München. Die progressive Muskelentspannung arbeitet mit dem gezielten Anspannen und Entspannen von Muskeln. Dadurch werden die Schmerzen weniger intensiv erlebt. Autogenes Training dagegen ist als Methode der Selbstentspannung nach innen gerichtet. Eine der Grundübungen spricht die Stirn an und wirkt daher gezielt gegen Kopfschmerz.

«Für welche Methode sich ein Patient entscheidet, ist vor allem eine Typfrage», sagt Grohs-von Reichenbach. «Nicht jeder ist bereit, sich auf eine innere Entspannungsreise einzulassen.» Für depressive Patienten sei autogenes Training generell ungeeignet.

Entspannung muss gelernt sein

Die Krankenkassen übernehmen bis zu 80 Prozent der Kosten dieser Entspannungstherapien. «Wer auf Nummer sicher gehen möchte, informiert sich vorher bei seiner Kasse über die Höhe und Bedingungen des Zuschusses», empfiehlt die Entspannungstherapeutin. Einige Krankenkassen setzen beispielsweise bestimmte Zertifikate voraus.

Sowohl progressive Muskelentspannung als auch autogenes Training müssen erlernt und in einer vier- bis sechswöchigen Trainingsphase täglich zehn bis fünfzehn Minuten geübt werden. «Erst dann hat das Gehirn die Konditionierung der Entspannung eingeleitet, so dass die Methoden in kürzeren Einheiten und bedarfsbezogen angewandt werden können.»

Als dritte Säule der Therapie empfehlen Neurologen, dreimal pro Woche Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Nordic Walking zu betreiben. Und schließlich können durch eine Physiotherapie als vierte Säule gezielt muskuläre Verspannungen beispielsweise im Nacken behandelt werden. «Viele meiner Kursteilnehmer berichten über Bildschirmarbeit als einen auslösenden Faktor», sagt Grohs-von Reichenbach. «Ihnen empfehle ich, jede Stunde eine Pause von zwei bis drei Minuten einzulegen, die Schultern zu kreisen und die Augen zu bewegen.»
 

Informationen zum Kopfschmerztagebuch: In einem Kopfschmerztagebuch werden Zeitpunkt, Dauer, Position und subjektiv eingeschätzte Intensität der Kopfschmerzattacken notiert. Auch auffällige Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheue sowie Zusammenhänge mit anderen Erkrankungen und mögliche auslösende Faktoren wie Stress sollten dokumentiert werden. Diese Aufzeichnungen erleichtern dem Arzt die Diagnose und eine adäquate Therapie.

car/reu/news.de/dpa
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