Schlabberig abnehmen
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 07.01.2010
Wer keine Diäten mag, hat es nicht leicht bei der Suche nach dem passenden Problemzonenkiller. Abnehmen im Schlaf scheint unseriös, die Pillenform ist abzulehnen und Nicht-Futtern macht keinen Spaß. Darum ist eines klar: Algig soll es sein.
Mit Diäten ist es wie mit Bloggen und Twittern: Sie sind ein Zeitvertreib mit Mehrwert fürs Selbstwertgefühl. Statt virtuelle Jünger zu gewinnen, verliert man hier reelle Kilos. Das kostet neben Zeit für die aufwändige Zubereitung von auf gar keinem Fall weniger Essen mit definitiv viel weniger Kalorien auch einiges an Geld, denn sonst hätte man ja nicht das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun.
Selbstwertgefühl per Selbstbetrug also, eine beliebte, aber auch recht durchschaubare Form des Zeitvertreibs. Um körperlich in Form zu kommen, das weiß jeder, braucht niemand eine Diät, sondern nur halbwegs gesunde Ernährung und viel Bewegung – oder wahlweise ein anstrengendes Kind.
Dass diese tiefgreifende Erkenntnis immun macht gegen die weibliche Anfälligkeit fürs «Problemzonenloswerdenwollen», ist jedoch ein naiver Trugschluss. Logik ist langweilig. Spannend klingt hingegen die Option, über das bloße Schlafen auf Algenmatten problematische Zonen einfach mal abhaken zu können. Ohne viel nachgedacht zu haben, hat da plötzlich jemand «hier» geschrien bei der Vergabe der Neujahrsdiäten in der news.de-Redaktion. Rückzieher sind feige, aber das Eingeben des Begriffs in die Suchmaschine zeigt leider: Algenmatten sind entweder Betrug oder schwimmen auf dem Meer. Es soll auch Gegenbeispiele geben, doch die erforderliche Investition von 139 Euro reicht zur definitiven Abschreckung.
Improvisation ist plötzlich gefragt für die Diät, die keine ist, denn von Verzicht auf Schokolade, Kohlenhydrate oder abendliche Fressattacken war schließlich nie die Rede. Also heißt es Festklammern an Begrifflichkeiten, auch wenn sie schlüpfrig sind wie die Algen. Groß waren früher die Momente im Familienkreis, wenn man den Schmand von der Milch löffelte, kurz herumzeigte und dann genüsslich in den Mund schob. «Iihh, wie kannst du nur, bist du eklig», schrien alle durcheinander und guckten auch so. Solche Menschen finden es widerlich, am Strand mit Algen beworfen zu werden.
Doch wer auf Glibber steht, hat auch am Gedanken, Algen zu verspeisen, seine Freude. Jünger gewinnt man damit jedoch nicht, das zeigt schon ein Gang durch die Redaktion mit dem immerhin knusprigen Seetang-Snack: Zwei Kollegen greifen zu, der eine ist ein Spielkind, der andere neu. Schon bleibt man auf der Tüte sitzen. Ob Alles-allein-Aufessen eine gute Prämisse für den Abschied von Problemzonen ist?
Algen machen alles außer dünn
Aber es geht ja ohnehin alles schief. Denn das eigens bestellte Fachbuch zur Wunder-Mikroalge namens Doktor Chlorella enthüllt: Sie ist gar kein Schlankheitsfraß! Chlorella dürfe als «Alge fürs Leben» bezeichnet werden, schreibt Dr. Frank Liebke, sie kurbele den Chi-Fluss an, der in der chinesischen Medizin den «inneren Arzt» eines Jeden repräsentiere, stimuliere den Muskelaufbau, das Immunsystem, schone den Darm, gebe Energie, straffe Knochen, Sehnen und sogar die Haut, entgifte und stärke gar die Nerven. Doch die Stichworte Abnehmen oder Diät fehlen im Glossar.
Viel schlimmer als dieser knapp am Ziel vorbeischrammende Mehrwert ist jedoch: Die Alge mit Doktortitel gibt es nur in Pillenform, als Nahrungsergänzungsmittel also. Das scheidet aus. Kostenpunkt für das komprimierte Meeresgemüse wären 29,90 Euro für 625 Presslinge. 20 am Tag empfiehlt der Vertrieb Vitagreen, wo Frank Liebke seine Produkte bezieht. Also rund 30 Euro im Monat - und das nur zur Nahrungsergänzung.
Nächste Ausfahrt Makroalgen, also richtiges Meeresgemüse. Von Abnehmen ist auch hier nicht so recht die Rede, besonders jodhaltig sollen die Wasserpflänzchen allerdings sein und dabei die an Jodmangel gewöhnten europäischen Schilddrüsen schnell überfordern. Damit eine Diät zu bestreiten, läuft also auf Nulldiät hinaus, und auch das war nicht der Plan.
Doch es gibt einen letzten Hoffnungsschimmer. Das makrobiotische Algen-Kochbuch von Peter und Montse Bradford. Der fleischlose Ansatz der Makrobiotik freut die Vegetarierin, Vollwert und naturbelassenes Saisongemüse sind durchaus akzeptable Ernährungsprinzipien, und dass Makrobiotik-Gott Georges Ohsawas sich nach dem Vorbild der Zen-Mönche auf den Spuren von Glück und Gesundheit bewegte, ist ein absolut annehmbarer Mehrwert. Die Glaubwürdigkeit der Maßnahme steht und fällt nun wohl mit der Antwort auf die Frage: Haben die Mönche Problemzonen?
Die 40-Gramm-Packung Seegras-Chips jedenfalls ist inzwischen aufgegessen worden, was laut Packungsangabe auch schon das tägliche Maximalpensum an Jod bedeutet. Also lieber keinen Algensalat zum Abendmahl, sondern stattdessen eine Portion Sport. Vor dem Essen. Morgen sehen wir weiter.
Dr. Frank Liebke: Doktor Chlorella!, Remerc&Lheiw Verlagskontor, 287 Seiten, 24,90 Euro.
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