Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Es gibt zwar keine Statistiken, wie oft gute Vorsätze tatsächlich umgesetzt werden. Aber die Alltagserfahrung hat gezeigt, dass nur zehn Prozent – oder sogar weniger – der Silvesterbeschlüsse Einzug in den Alltag halten. News.de erklärt warum.
In dem Vorsätzerepertoire gibt es einige notorische Dauerbrenner, wie etwa Diäten, weniger Rauchen, weniger Alkohol, mehr Bewegung. Die meisten Vorsätze zielen darauf ab, das Leben zu verbessern. Mehr Glück, mehr Spaß, mehr Freizeit, besseres Aussehen, gesünderer Lebenswandel. «Man nimmt sich ja nicht vor, ich werde mich nächstes Jahr mal richtig ruinieren», sagt der Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert.
Stattdessen will man sein Leben mal gründlich umkrempeln. «Und zwar in einem relevanten Ausschnitt», so Rückert. Das sei trotz der hohen Rate des Scheiterns nicht verkehrt, findet er. Die Karten werden subjektiv an dem markanten Datum Silvester neu gemischt. Auch andere einschneidende Punkte im Leben, die mit Bedeutung aufgeladen sind, wie etwa der Semesterbeginn, ein runder Geburtstag oder der Umzug in eine neue Stadt, werden gerne mit solch guten Vorsetzen besetzt.
Die Vorsätze an Silvester haben inzwischen einen ritualisierten Charakter. Unter der Wirkung des Alkohols bei der Party mit Freunden geraten viele in den Gruppenzwang, ein Vorhaben in den Raum zu werfen und damit auch ihre soziale Zugehörigkeit zu bekunden. Rückert: «Das entsteht dann spontan aus einer Laune heraus.» Wie ernst der Vorsatz und wie stark die Motivation sind, ist dann eher zweifelhaft.
Die Vorsatzverkündung in der Öffentlichkeit der Silvesterparty kann ein «positiv inspirierter Paktgeber» sein. «Man überwindet sich in diesem Moment heroisch, hört sich sagen ‹Im nächsten Jahr rauche ich nicht mehr›. Und in diesem Moment glauben das viele auch», erklärt Rückert. Die anschließend nicht eintretende Umsetzung nennt man auch Silvester-Syndrom oder auch Falsche-Hoffnung-Syndrom.
Der heroische Glücksmoment
Die Hirnrinde ist der Sitz der guten Vorsätze, wo man eine Intention formuliert. «Das fühlt sich erstmal gut an, weil unser Gehirn zur halluzinatorischen Wunscherfüllung fähig ist», erklärt der Psychoanalytiker. «Ich tue dann für ein paar Minuten so, als ob das schon erreicht ist.» An die Situation, wenn man sich zwei Tage später nach der Zigarette sehnt, denkt man vorerst nicht.
Diese emotionale Aufladung mit Stimmung sei aber etwas völlig anderes als die langfristigen Verknüpfungen im restlichen Gehirn. Wenn man etwa 20 Jahre lang in bestimmten Kontexten immer geraucht hat, dann braucht es zur Veränderung etwas mehr als eine spontane Idee während einer feuchtfröhlichen Party.
Dennoch ist der Psychoanalytiker überzeugt, dass vielen Menschen ihre Wünsche fürs neue Jahr durchaus ernst sind. Kommt der Vorsatz aus einer persönlichen Motivation heraus, etwa ins Fitnesstudio zu gehen, weil der Rücken schmerzt, statt durch einen sozialen Zwang, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Vorhaben umgesetzt wird, auch viel größer.
Vor allem brauche man ein alternatives Handlungskonzept. «Ich muss mir genau überlegen, was ich jeden dieser folgenden 365 Abende tue, wenn ich nicht mehr zur Zigarette nach dem Abendessen greifen kann oder eigentlich keine Lust habe, joggen zu gehen», so Rückert.
Auch brauche es eine Menge Ideen, wie man sich für das Durchhalten des gesundheitsbewussten Plans belohnen kann, findet Rückert. Denn zuvor war die Zigarette, das Faulenzen auf dem Sofa oder der Schokoriegel die Belohnung. «Lasse ich das einfach nur weg, dann verschlechtere ich meine emotionale Bilanz.»
Die Belohnung muss noch lohnender sein als das Gewohnte und braucht nicht zwangsläufig materiell sein. Was es sein kann, sollte man sich im Vorfeld sehr genau überlegen, damit nicht einfach der Ersatzgriff zu den Süßigkeiten geht und die Hüften unkontrolliert anfangen zu wachsen.
Ein Ja zur Qual
Wer den Prozess statt die Endergebnisse positiv besetzt, ist ganz gut aufgestellt. «Man muss sich bewusst für die Qual entscheiden und das mit dem Selbstwert verknüpfen», rät Rückert. Und: Sich in dieser Vorstellung liebenswert finden, alte Gewohnheiten zu durchbrechen und Autonomie walten zu lassen.
Rückert findet die Initialzündung, von einem Tag auf den anderen sein Leben ändern zu wollen, nicht verkehrt. Aber auch eine schrittchenweise Annäherung an den neuen Lebenswandel, etwa durch allmähliche Reduzierung der Zigarettenration, sei für einige Menschen sinnvoll. Was die beste Herangehensweise ist, müsse aber jeder für sich herausfinden. Nur: Die Schrittchen dürfen nicht zu klein sein. Man muss sich schon deutlich etwas abverlangen, um stolz darauf sein zu können. Sonst funktioniert die langfristige Kehrtwende nicht. Rückert: «Man muss aus der Komfortzone raus kommen.» Was überhaupt leistbar ist, muss natürlich eine Rolle spielen. «Man kann nicht von heute auf morgen einen Halbmarathon laufen», warnt Rückert.
Auch darf man nicht vergessen, dass die Dinge im Leben nicht statisch sind. «Was sich Silvester noch vernünftig angehört hat, kann einem im März lächerlich vorkommen», so Rückert. Zumal sich irgendwann vielleicht der Körper durch Entzugserscheinungen, Muskelkater oder Erschöpfung meldet. «Dann habe ich es mit Faktoren zu tun, die ich vorher nicht genügend auf der Rechnung hatte.»
Scheitern gehört dazu
Damit man nicht in die Ausredenfalle tappt, sollte man ganz bewusst ein Inventar möglicher Vorwände und Widerstände zusammenstellen und sich Gegenmaßnahmen überlegen. Wer nicht joggen gehen mag, weil es regnet, kann etwa als Ersatz ein paar Yoga-Übungen im Wohnzimmer absolvieren oder im Hallenbad schwimmen gehen. Auch darf eine Ausrede durchaus ab und zu mal einfach als solche stehen bleiben und das Joggen fällt für den Tag schlicht flach.
Zwischenzeitlich immer wieder zu scheitern ist kein Grund zum Aufgeben, betont Rückert. Es gibt ständig Rückfälle und Stresssituationen, die die guten Vorsätze durchkreuzen. Die meisten Menschen geben dann frustriert auf und kehren zurück zu ihren alten Verhaltensmustern. «Dabei sollte man sich selbst die Ausrutscher nicht übel nehmen, sondern akzeptieren und dann den neuen Weg weiter gehen», sagt Rückert.
Aus dem Scheitern kann man laut Rückert aber auch etwas sehr Positives ziehen. «Denn unter Umständen findet man dadurch heraus, wer man ist und wo man seinen eigenen Platz und seine Rolle sieht.» Und diese Rolle müsse sich nicht mit den Vorstellung eines konventionellen Ideals decken, wie man vielleicht vor dem Veränderungsunternehmen geglaubt hat. «Davor sollte man Respekt haben», sagt Rückert.
Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben: Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen, Campus Verlag, 2006, 282 Seiten, 17,90 Euro.
ham/news.de