Hypnobirthing In Trance gebären

Hypnobirthing (Foto)
Endlich geschafft: In Hypnose fällt Frauen die Geburt leichter - und sie empfinden weniger Schmerzen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Schwangere sollen in freudiger Erwartung sein. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Viele haben Angst vor der Geburt. Hypnose kann helfen zu entspannen. Das erleichtert die Entbindung: Frauen empfinden weniger Schmerzen und werden schneller wieder fit.

Wer kennt sie nicht: die Schauergeschichten von entsetzlichen Qualen bei der Geburt. Von Frauen, die stundenlang in immer heftiger werdenden Wehen liegen. Von Schwangeren, die sich die Seele aus dem Leib brüllen. Von Säuglingen, die mit Zange oder Saugglocke auf die Welt geholt werden.

Stefanie Glaser hat während ihrer ersten Schwangerschaft viele Horrorgeschichten gehört. Die zertifizierte Hypnotiseurin aus dem nordbayerischen Fichtelberg ist selbst Mutter und hat erlebt, «dass die Geburt eines Kindes ein tiefes emotionales, aber leider oft auch ein sehr schmerzhaftes Erlebnis ist». Schon während der Schwangerschaft habe sie ständig Angst vor den Schmerzen und der Geburt gehabt. Trotzdem plante sie eine Hausgeburt. «Aber die Schmerzen überrannten mich und ich fürchtete bei jeder Wehe schon die nächste», erzählt die 31-Jährige.

Weil sich der Muttermund nicht öffnete, entschloss sie sich, ins Krankenhaus zu gehen. Dort bekam sie Schmerzmittel und einen Wehentropf. «Von diesem Zeitpunkt an konnte ich weder Anfang noch Ende der Wehen spüren», sagt sie. Fast 13 Stunden hat es gedauert, bis Söhnchen André geboren war. «Nach der Geburt wurde er mir regelrecht weggenommen», sagt Stefanie Glaser. Eine schmerzvolle Erfahrung.

Aber dann, bei der Geburt ihres zweiten Kindes, war alles anders: Stefanie Glaser wendete Selbsthypnose an und lag am Strand. Oder doch im Geburtspool zu Hause im Wohnzimmer? Sie war in Trance, ganz ruhig und tief bei sich und ihrem Baby, während ihr Körper seine Arbeit verrichtete. «Als die Wehen begannen, bin ich in Gedanken ans Meer gegangen», erzählt sie. Dank der Hypnose war alle Angst wie weggeblasen. Auch die Schmerzen. Drei Stunden nur dauerte die Geburt. Finn kam ganz sanft - ohne Medikamente und Technik - zur Welt.

Eine Geburt wie es der Natur entspricht

Hypnobirthing – Geburt unter Hypnose - nennt sich diese Methode. Die Idee stammt aus den Vereinigten Staaten, wo Marie F. Mongan, eine Pädagogin aus New Hampshire, seit 1989 für Hypnobirthing wirbt. Sie definiert Hypnobirthing als «eine Rückkehr zu der Vorstellung, dass es jeder Frau möglich ist, mit Hilfe ihres Mutterinstinkts ihre Kinder angenehm und mit Freude zur Welt zu bringen, so wie es der Natur am meisten entspricht».

Die meisten Geburten laufen jedoch anders ab. «Künstliche Einleitungen und Wehentröpfe werden routinemäßig ohne hinreichenden Grund in viel zu vielen Fällen verabreicht», klagt Mongan. Diese Medikamente brächten Schmerzen mit in die Geburt hinein und führten dazu, dass Frauen aus ihrer Geburtserfahrung mit Erzählungen hervorgingen, die von Rechtfertigungen, Enttäuschungen und Erklärungen, was schief gelaufen ist, geprägt seien. «Sie sprechen von einer langen Zeitspanne von schrecklichen Schmerzen, der Verabreichung mehrerer Medikamente, von Gebärmüttern, die sich nicht öffnen wollten, von Kaiserschnitten und vor allem von Gefühlen der Hilflosigkeit», zählt Mongan auf.

Mongan beruft sich auf den englischen Frauenarzt Dr. Grantly Dick-Read (1890 bis 1859), der von einem «Angst-Verkrampfungs-Schmerz-Syndrom» sprach. Seine These war, dass Angst die Verkrampfung im Körper und insbesondere in der Gebärmutter verursacht und dass diese Verkrampfung den natürlichen Geburtsvorgang behindert, die Geburt verlangsamt und Schmerzen verursacht. «Wird keine Angst empfunden», sagt Mongan, «entspannen sich die Muskeln und geben nach. Der Gebärmutterhals kann sich ganz natürlich verkürzen, der Muttermund öffnet sich und der Körper pulsiert rhythmisch, um das Baby mit Leichtigkeit hinauszuschieben».

«Die Ängste sind unbegründet»

«Was man bei einer Geburt mit Hypnobirthing erlebt, ist mit einem Wach-Traum oder dem Zustand zu vergleichen, den man erreicht, wenn man in ein Buch vertieft ist oder in ein Feuer starrt», erklärt Stefanie Glaser. «Viele Frauen haben Angst, bei der Hypnotherapie die Kontrolle abzugeben, sich an nichts mehr zu erinnern. Doch diese Ängste sind unbegründet», erklärt die Kursleiterin. In Trance befänden sich die Frauen in einem Zustand erhöhter Wahrnehmungsfähigkeit. Sie seien sich ihrer Umgebung und der Geburtserfahrung vollkommen bewusst.

In vier bis fünf Sitzungen bringt Stefanie Glaser werdenden Müttern bei, wie sie sich mit Atem-, Entspannungs- und Visualisierungstechniken selbst in Trance versetzen können. Danach heißt es für die Schwangeren: üben, üben, üben. Am besten gemeinsam mit dem Lebenspartner beziehungsweise der Person, die zum Geburtshelfer auserkoren wurde. «Je häufiger das mentale Erleben der Entspannung wiederholt wird, umso tiefer und automatisierter wird die Trance und ist während der Geburt im Unterbewusstsein verankert und schnell abrufbar», sagt Stefanie Glaser.

In den USA ist die Methode seit 20 Jahren populär, seit einigen Jahren interessiert Hypnose als Geburtsvorbereitung auch in Deutschland immer mehr Frauen. Das bestätigt die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH), Dr. Helga Hüsken-Janßen, und erklärt einen der Hauptgründe: «Die Angst vor einer natürlichen Geburt ist bei Frauen groß. So groß, dass viele Frauen sich sogar eher für einen Kaiserschnitt entscheiden.» Weil aber Hypnose eben jene Angst vor den Unwägbarkeiten einer Geburt reduzieren könne, werde die Hypnotherapie als Alternative immer populärer, sagt Hüsken-Janßen. Und das, obwohl die Krankenkassen die Kosten für diese Art der Geburtsvorbereitung nicht tragen und eine Sitzung zwischen 30 und 100 Euro kostet.

Weniger Furcht und weniger Schmerzen

Dass die Hypnotherapie Angst reduziert, bewies Hüsken-Janßen in einer Studie mit der Universität Tübingen. Daran nahmen an acht deutschen Kliniken etwa 200 Frauen teil, von denen 43 die Hypnose erlernten und anwendeten. Diese Frauen hatten signifikant weniger Furcht, Schmerzen und nahmen seltener Schmerzmittel in Anspruch. Die Eröffnungsphase bei Erstgebärenden verkürzte sich sogar um zwei Stunden.

Ähnliche Erfahrungen hat Marie Mongans als Hypnotherapeutin gemacht: «Hypnotbirthing-Geburten sind oftmals kürzer, sanfter und leichter und sie werden in einer friedlichen Entspannung erfahren, die dem Körper der Mutter erlaubt, so zu funktionieren, wie es die Natur vorgesehen hat», sagt sie.

Doch was passiert mit den Schmerzen in Hypnose? Die Universitätsklinik im belgischen Lüttich, wo unter Hypnose operiert wird, zeigte an Testpersonen: Im normalen Wachzustand laufen Schmerzreize über das Rückenmark ins Gehirn. Dort landen sie im Zwischenhirn, dem «Tor zum Bewusstsein». In Hypnose werden zusätzlich spezielle Regionen im limbischen System aktiviert - jene, wo das Gehirn Emotionen verarbeitet und das Triebverhalten entsteht. Diese Regionen haben eine intensive Verbindung zur körpereigenen Schmerzabwehr im Stammhirn. In Hypnose schicken sie verstärkt Nervenimpulse dahin, und der Körper schüttet körpereigene Endorphine aus.

Stefanie Glaser sagt, das Hypnobirthing für jede Frau in Frage kommt, die ihr Kind auf natürliche Weise und angstfrei gebären möchte. Jede Frau, die offen dafür sei, könne lernen, sich selbst in Trance zu versetzen. Die Hypnobirthing-Trainerin wünscht sich, dass Schwangere mehr Eigenverantwortung für die Geburt übernehmen. Oft stelle sie fest, dass viele Frauen die Verantwortung an der Kreißsaaltür abgeben – an Ärzte und Hebammen. «Man muss an sich selbst glauben und an seinen Körper und darf nicht dem Irrglauben aufliegen, Schmerzen gehören zu einer Geburt dazu.»


Lesetipp: Marie F. Mongan: Hypnobirthing - der natürliche Weg zu einer sicheren, sanften und leichten Geburt, Mankau-Verlag, 313 Seiten (inklusive Audio-CD), 19,95 Euro.

kat/news.de

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