Sa., 26.05.12

Palliativmedizin 27.12.2009 «Der Patient steht im Mittelpunkt»

Palliativstation Jena (Foto)
Assistenzärztin Cornelia Rienecker und Chefarzt Dr. Ulrich Wedding nehmen sich auf der Jenaer Palliativstation viel Zeit für Patienten und deren Angehörige. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Auf einer Palliativstation behandeln Ärzte unheilbar Kranke - Menschen, die ihr Leiden nicht besiegen können. News.de spricht mit dem Palliativmediziner Dr. Ulrich Wedding über den Umgang mit dem Tod und woran es noch hapert in der Betreuung Sterbenskranker.

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Herr Dr. Wedding, die Palliativmedizin galt lange als Stiefkind innerhalb der Schulmedizin. Was ist da aus heutiger Sicht noch dran?

Dr. Ulrich Wedding: Einerseits ist die Palliativmedizin nach wie vor ein Stiefkind, andererseits hat sich die Situation in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Es gibt zunehmend Abteilungen für Palliativmedizin - auch an den Universitätskliniken. Es werden immer mehr Lehrstühle für Palliativmedizin eingerichtet, unter anderem gefördert von der Deutschen Krebshilfe. Aber von einer flächendeckenden Versorgung, sowohl was die Anzahl der Palliativstationen als auch die der Lehrstühle betrifft, sind wir noch weit entfernt.

In Deutschland gibt es immer mehr private, am Profit orientierte Krankenhäuser. Die Palliativmedizin ist jedoch kein lukrativer Bereich. Ist denn eine umfassende palliativmedizinische Versorgung überhaupt bezahlbar?

Wedding: Die Antwort auf diese Frage zu finden, ist eine der Herausforderungen der Zukunft - vor allem vor dem Hintergrund, dass der Bedarf an palliativmedizinischer Betreuung aufgrund der demografischen Entwicklung der Gesellschaft steigen wird. Wir hoffen, in den nächsten Jahren über entsprechende Gremien und Stellen eine finanzielle Verbesserung der Palliativmedizin zu erreichen. Betrachtet man die Palliativmedizin als eigenständige Budgeteinheit, dann ist es derzeit schwierig, kostendeckend zu arbeiten.

Abgesehen von der finanziellen Situation: Woran hapert es noch in der Palliativmedizin?

Wedding: Nachholbedarf gibt es in Bezug auf ein qualitativ hochwertiges flächendeckendes Angebot an palliativmedizinischer Betreuung und in der Vernetzung der einzelnen Palliativstationen in Deutschland für Forschungsprojekte, um die Behandlungsmöglichkeiten der Patienten weiter verbessern zu können.

Die zwölf Betten sind immer belegt

Die Palliativstation an der Uniklinik Jena ist nun fast ein Jahr alt. Welche Bilanz ziehen Sie?

Wedding: Das Angebot der Palliativstation wird insgesamt sehr positiv aufgenommen - von den Patienten, von den Angehörigen und von den einweisenden Ärzten. Wir bekommen sehr viele ermutigende Rückmeldungen.

Gelingt es Ihnen, die Patienten zeitnah aufzunehmen?

Wedding: Wir haben zurzeit zwar eine Warteliste, können die Patienten aber meist innerhalb von zwei, drei Tagen aufnehmen. Unsere zwölf Betten sind fast immer  belegt.

Was sind für Sie die Eckpfeiler der Palliativmedizin?

Wedding: Die Palliativmedizin hat das Ziel, dem Patienten so lange wie möglich ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu ermöglichen, obwohl seine tödliche Krankheit weiter fortschreitet. Wir tun das, indem wir Symptome wie Schmerzen, Übelkeit oder Luftnot lindern und mit Patienten und Angehörigen über Begleiterscheinungen wie Ängste und Depressionen sprechen und sie behandeln. Es geht um die ganzheitliche Behandlung und Begleitung des Patienten: ärztlich, pflegerisch, psychologisch, spirituell und auch durch Ehrenamtliche.

Schmerzexperten beklagen, dass chronisch Schmerzkranke, darunter vor allem ältere Patienten, nach wie unzureichend versorgt werden…

Wedding: Ich denke, dass sich die Situation in den letzten Jahren schon sehr verbessert hat und dass die schmerztherapeutische Versorgung insgesamt besser geworden ist. Aber es gibt natürlich immer noch Fälle, wo eine Unterversorgung stattfindet. Gerade bei alten Menschen ist es wichtig, dass man sie aktiv fragt, ob Schmerzen vorliegen, und dass man mit ihnen über die Schmerztherapie spricht. Oft sprechen alte Menschen ihre Schmerzen nicht von sich aus an, weil sie denken, dass dies zum Altwerden und zum Sterben dazu gehört. Das muss aber nicht so sein.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich die Palliativstation von anderen Krankenhausstationen unterscheidet

Wie unterscheiden sich die Abläufe auf einer Palliativstation von denen einer normalen Krankenhausstation?

Wedding: Wir stellen uns intensiv auf die Bedürfnisse der Patienten ein. Hier gibt es keine festen Weckzeiten, keine festen Waschzeiten und auch keine festen Essenszeiten. Die Patienten entscheiden, wann sie aufstehen, sich waschen und essen wollen. Der eine schläft morgens lieber länger, der andere steht gerne früh auf. Der eine kann in Gesellschaft essen, der andere möchte seine Mahlzeit lieber alleine zu sich nehmen. Wir versuchen aber, die Patienten, wenn möglich, zusammen zu bringen – zum Beispiel bei den Mahlzeiten.

Diese Bedingungen würde man sich für alle Krankenhausstationen wünschen. Sind Palliativmediziner die Gutmenschen der Medizin?

Wedding: Nein, wir Palliativmediziner wollen kein exklusiver Bereich sein. Aber ich denke, dass die Dinge, die wir im Bereich der Palliativmedizin umsetzen, der Medizin insgesamt gut tun. Wir geben unsere Erfahrungen gerne weiter an die anderen Bereiche der Medizin.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Wedding: Es ist eine sehr intensive Arbeit mit den Patienten, schließlich geht es für sie um sehr existenzielle Fragen. Aber sie kann auch sehr befriedigend sein, wenn es gelingt, Hilfe und Lösungen anzubieten in einer für die Patienten und für ihre Angehörigen sehr belastenden, schwierigen Situation.

Die Situation ist sicherlich nicht nur für Patienten und Angehörigen belastend, sondern vermutlich auch für das Personal. Wie verhindern Sie, dass Sie bei der Begleitung todkranker Menschen immer auch «mitsterben»?

Wedding: Zum einen sind wir hier als Professionelle gefragt, indem wir unsere Kenntnisse zur Verfügung stellen, um die Situation für die Patienten zu verbessern. Zum anderen erfahren wir auch viele positive Rückmeldungen von Seiten der Patienten und Angehörigen. Das verschafft auch Befriedigung. Ich denke, es kann genauso befriedigend sein, eine Erkrankung zu heilen wie auch dazu beizutragen, dass ein Patient seine gegebene Erkrankungssituation akzeptieren kann, dafür zu sorgen, dass er weniger Beschwerden hat und dass ein Sterben in einem für ihn würdigen Umfeld stattfinden kann - entsprechend seinen Wünsche.

Die Angst vor dem Sterben

Viele Menschen haben Angst vor dem Sterben mit hoch technisierten Apparaten und ohne Würde. Haben die Ärzte etwas falsch gemacht, dass sich dieser Eindruck verfestigen konnte?

Wedding: Insgesamt ist die Entwicklung in der modernen Medizin sehr positiv zu sehen. Es gelingt dadurch ja auch, Erkrankungen zu heilen, eine Verbesserung der Beschwerden zu erreichen und Leben zu verlängern. Damit Ängste und Vorbehalte erst gar nicht auftreten, ist es sinnvoll, frühzeitig das Gespräch mit Patienten und Angehörigen zu suchen, zu klären, in wie weit sie medizinische Maßnahmen für sich in Anspruch nehmen wollen und wie weit sie bei einer Verschlechterung der Situation gehen möchten.

Manche Menschen sehen in der Palliativmedizin bereits eine «milde Form» der Tötung auf Verlangen. Wie begegnen Sie diesem Eindruck?

Wedding: Ich denke, dem muss man vehement entgegentreten. Es sind Konzepte, denen wir folgen, die im Einklang mit den Vorstellungen des Patienten sind. Es ist keine Tötung, es ist vielmehr eine Verbesserung von Beschwerden, die wir erreichen wollen.

Ich kann mir vorstellen, dass für viele Ärzte das Überleben der Patienten der Maßstab ihrer Arbeit ist. Ist es schwierig, den medizinischen Nachwuchs für die Palliativmedizin zu begeistern?

Wedding: Ich stelle immer wieder fest, dass Assistenzärzte ein großes Interesse haben, die Palliativmedizin kennenzulernen. Die Erfahrungen, die sie auf einer Palliativstation sammeln, erleichtert ihnen den Umgang mit Patienten und Angehörigen in schwierigen Situationen. Bislang ist die Palliativmedizin eine Qualifikation, die man zusätzlich zu einer Facharztausbildung erwerben kann.

Welche Qualitäten sollte ein Arzt mitbringen, um in der Palliativmedizin tätig zu sein?

Wedding: Die wichtigste Voraussetzung ist eine Haltung dem Patienten und seinen Angehörigen gegenüber. Eine Haltung, die bereit ist, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und für ihn tätig zu sein.

Dr. Ulrich Wedding ist einer der beiden Chefärzte der Palliativstation am Universitätsklinikum Jena (Thüringen). Die Station wurde im Januar 2009 eröffnet und verfügt über zwölf Betten.

reu/news.de
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